Portico Quartet im Waldsee: Die Antäuscher

Bernhard Amelung

Gestern Abend ist es dem britischen Portico Quartet im Waldsee gelungen, das Publikum mit trojanischem Jazz aus der Reserve zu locken. Was das Ganze mit "Schere, Stein, Papier" zu tun hat, erklärt uns Bernhard in seiner fachkundigen Review.



Schere, Stein, Papier. Wer kennt es nicht aus seiner Kindheitszeit, das Knobelspiel, das zum Zeitvertreib genauso dient wie als Verfahren zur Entscheidungsfindung? Aufbau und Prinzip dieses Spieles sind recht einfach. Jeder Teilnehmer entscheidet für sich selbst, welches Symbol – Schere, Stein oder Papier – der mit seiner Hand anzeigen möchte. Den Handzeichen wird dabei ein ganz bestimmter Aussagewert beigemessen, nach dem jedes Symbol gegen ein anderes entweder gewinnen oder verlieren kann. Dennoch bleibt der Spielausgang jedes Mal erneut offen und ungewiss.


So weit, so gut. Doch was hat das mit Jazz gemeinsam? In gewisser Weise lässt sich das Bild von „Schere, Stein, Papier“ übertragen auf das britische Portico Quartet, das an diesem Donnerstagabend zu Gast bei den „Between The Beats Series 2010“ im Waldsee ist. Vier Musiker aus London, Duncan Bellamy, Milo Fitzpatrick, Nick Mulvey und Jack Wyllie, alle Anfang zwanzig. Vier Musikinstrumente, Tenor- beziehungsweise Altsaxophon, Drums / Perkussion, Kontrabass und Hang. Letzteres ist ein melodisches Perkussionsinstrument, dessen Aussehen und Klang irgendwo zwischen karibischen Steel Drums und balinesischen Klangschalen zu verorten sind.

Auch beim Portico Quartet sind die Spielregeln vorgegeben. Die vier Musiker stellen heute Abend ihr neues Album „Isla“ vor. Und dennoch sind die Jungs frei in den Arrangements und in ihrer Spielhaltung. Ihnen eröffnet sich dadurch ein Freiraum für eine improvisatorische Ausgestaltung, in dem ein Instrument dem anderen einmal überlegen, ein anderes Mal unterlegen ist. Diesen Improvisationsprozess führen Duncan Bellamy, Milo Fitzpatrick, Nick Mulvey und Jack Wyllie auch in ihrem Stück „Paper, Scissors, Stone“ vor, mit welchem sie den ersten Teil ihres Sets ausklingen lassen. Trotz fester Formvorgabe ihres Stückes – im Vordergrund steht dessen Grundstruktur – erschaffen sie in ihrer Live-Darbietung eine neue, innovative Klangwelt, bewahren somit das Alte im Neuen.

Mylo Fitzpatrick zupft, reisst und schlägt die Saiten seines Kontrabasses mit glühender Leidenschaft und wildem Temperament. Seine kantig harten Ostinatofiguren stampfen trotzig durch den Raum. Durch unerwartet gesetzte Synkopen erzeugt er einen fesselnden Groove. Zudem setzt er den Resonanzkasten des Basses als Perkussionsinstrument ein. Mit den Fingernägeln kratzt er sanft am Rahmen, mit Knöcheln und Handballen klopft und trommelt er auf den voluminösen Holzkörper des Instruments ein. Das ist doch eindeutig das Symbol des Steins. Oder etwa doch nicht? Zweifel daran können, dürfen sogar aufkommen, wenn er den Bogen behutsam über die Saiten führt und eine weiche, warme Fläche webt.

Duncan Bellamys polyrhythmische Shuffle-Figuren, versetzte und überlagerte Becken-Pattern, setzten nahtlos an Fitzpatricks Akzenten an, greifen sie auf, verfremden sie. Ebenfalls „Stein“, vor allem, wenn die Rimshots nur so durch das Waldsee rollen? Möglicherweise aber doch „Papier“. Denn zärtlich kratzt der Drummer mit der Unterseite seiner Sticks über die Becken, wischt mit den Besen über die Snare und die Toms, und nimmt damit Tempo raus aus dem stark vorwärts gerichteten Drive.



In diese komplexen rhythmischen Zusammenhänge jagen die vier Musiker verschiedene Trojaner rein. Jack Wyllies elegisch klagende Saxophonmelodien werden passagenweise elektronisch verfremdet. Erfasst anfangs noch ein sonores Surren den Raum, steigert sich das Geräusch bis hin zu einem abstrakten Klangbild, einem hochfrequenten Spannungston. Dieser wiederum wird mittels einer Loop-Station gespeichert, zerhäckselt und bruchstückhaft in die Melodieläufe hineingejagt. Zweigeteilt erscheint in solchen Augenblicken die Aufführung. Klassischer Jazz steht auf der einen Seite, auf der anderen warten chaotisch-beängstigende, avantgardistisch-futuristische Momente. Das muss die „Schere“ sein.

Die nicht ungewohnten – Fussgängerzonen lassen grüßen – aber dennoch schwer fassbaren Klänge des Hang unterlegen dies mit einem Flächenteppich aus schwärmerischen, atmosphärischen Sounds. Einzelne Sequenzen erinnern an ein Vibraphon, dann wiederum an eine Fender Rhodes. Passagenweise fühlt man sich versetzt in eine balinesische Tempelzeremonie, welche ein Gamelan-Orchester musikalisch ausschmückt. Diese hypnotisierenden Ambient-Flächen vermitteln ein Gefühl, als gebe es um einen herum nichts als ein Meer aus Wohlklang. Tief taucht man ein in eine Art Trance, überhört gar, dass das Konzert längst zu Ende ist.

Trotz dieser musikalischen Erlebnisreise beginnt der Abend mit einem genreübergreifenden Klassiker. Erst etwas zögerlich, dann aber voller Inbrunst stimmen die Gäste ein in ein „Happy Birthday“. Zu diesem hat Markus Muffler, Mitveranstalter der „Between The Beats Series“, aufgefordert, denn Nick Mulvey, der Hang-Spieler, feiert seinen Geburtstag. Dieser ist es dann auch, der das Mikrofon übernimmt, sich bedankt und die Band kurz vorstellt. In knappen Worten, denn der bevorstehende Trip durch sphärische Klangkosmen duldet keinen Aufschub.

Hier lassen sich Einflüsse von Jan Garbarek, dem (ehemaligen) Esbjörn Svensson Trio sowie weiterer Nordjazzer herausfiltern. Und, ganz deutlich, Radiohead. Die Stücke des Portico Quartets sind jedoch kein musikalisches Blindzitat. Sie lassen sich auch nicht auf die leuchtturmgroß erscheinenden Vorbilder reduzieren. Denn „Schere, Stein, Papier“ beinhaltet als Spiel auch Augenblicke der Verzögerung, Momente der Antäuschung, um sein Gegenüber aus der Reserve zu locken.

Darin liegt die Stärke der vier jungen Briten, die während ihrer Darbietung im Waldsee oftmals das Ausspielen einer Genre-Karte andeuten, um Takte später eine andere auszulegen. Facettenreiche Assoziationen tun sich auf, sei es hin zu Drum’n’Bass, Dubstep, House oder Techno. So knistert und knackt es beispielsweise zu Beginn von „Life Mask“, breiten die Musiker einen Hallteppich aus, der ganz stark in die Subbasswelt von Burial, Kode9, dBridge oder Instra:Mental weist. Mutet das Saxophon aufgrund der Verfremdungen an wie eine aus dichtestem Nebel aufschreibende Schiffssirene, liegen Levon Vincents dystopische House-Skizzen nicht fern. Der Brückenschlag zum Club, für klassisch geschulte Hörer vielleicht gewöhnungsbedürftig. Doch Jazz hat schon immer in einem Clubkontext stattgefunden und auch dort geht es Nacht für Nacht um das Spiel, um ein Antäuschen und aus der Reserve locken. Um „Schere, Stein, Papier“.

[Fotos: MySpace]

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