Pornos für Mädchen

Carolin Buchheim

Es begann an einem Kölner Küchentisch: Elke Kuhlen und Nicole Rüdiger, beide 28, saßen zusammen und hatten genug von langweiligen Frauenzeitschriften mit ewiggleichen Diät-, Klamotten und Beziehungs-Tipps. Warum gibt es eigentlich keine Magazine für Mädchen mit nackten Jungs drin? In Abwesenheit eines solchen Magazins beschlossen sie kurzerhand, selbst eins zu machen und veröffentlichten das wahrscheinlich erste Pornoheft für Mädchen. fudder hat bei den Herausgeberinnen nachgefragt, was es mit dem Heft auf sich hat, und die bereits veröffentlichten Ausgaben mit Freiburger Mädchen unter die Lupe genommen.



"Wir wollen ganz normale Typen von nebenan zeigen", erzählt Elke Kuhlen im fudder-Gespräch, "nur eben nackt. Den DJ aus deinem Lieblingsclub, die Bedienung aus der Szenekneipe oder den Typ, der in der Uni neben einem sitzt. Männer, die alle auf ihre Art irgendwie besonders sind, und die man deswegen gut finden kann," fasst sie das Konzept des ersten Pornohefts für Mädchen zusammen. "Es ist ja schon spannend zu sehen, wie die nackt aussehen."


Der nackte Whimpster von nebenan

Die Männer im ersten Pornoheft für Mädchen sind tatsächlich Männer von nebenan. Muskelgestählte Playgirl-'Schönheiten' und Retusche gibt es nicht, die Jungs, allesamt Typ Großstadt-Hipster, Whimpster oder hungernder Künstler, alle vollkommen 'Indie', werden gezeigt, wie Gott sie schuf; alle Hautunreinheiten, Falten, Pölsterchen und genitale Besonderheiten inklusive. Der Look ist ungefiltert, rau und realistisch, die Photostrecken zeigen die Models in der eigenen unaufgeräumten Küche, in Bad, Bett oder Atelier, sind fast ohne künstliches Licht photographiert und erinnern ein wenig an die Modestrecken in Tempo, Neon oder Spex.

"Das ist kein Look, den wir extra kreieren," erklärt Elke Kuhlen, "das ist alles echt." Die Models sind meist Bekannte um mehrere Ecken, 'der beste Freund vom kleinen Bruder des WG-Mitbewohners', und die Shootings sind eine schnelle Sache. "Wir fahren zu zweit zum Jungen nach Hause, sagen kurz 'Hallo', und dann fangen wir schon an zu photographieren, wie der Junge sich auszieht. In Fünf Minuten verschießen wir ungefähr drei Rollen Film, und dann müßen wir meist nur noch sagen, dass wir schon soweit sind und dann noch die Photos mit Latte bräuchten."

Denn die Latte, die Erektion, sie ist ein wichtiger Bestandteil des Heft-Konzepts. Jeder Junge wird auf mindestens einem Photo erigiert gezeigt, und wer nicht willens ist, sich zu erigieren, kommt nicht ins Heft.
Warum der Fokus auf die Erektion? “Das macht es eben noch mal schöner”, erklärt Elke. “Klar, wir sind das erste Pornoheft für Mädchen mit nackten Jungs, aber das erste Heft mit nackten, erigierten Jungs zu haben, macht es eben noch mal etwas besonderer. Die Erektion ist das Tüpfelchen auf dem i!”

Als feministisch oder politisch sehen Elke und Nicole ihr Heft nicht an, Weltverbesserung haben sie nicht auf dem Plan; Ihre Motivation ist der Spaß am Angucken von Männern, die man schön findet. Mehr nicht. Auch als 'Wichsvorlage' verstehen die Herausgeberinnen ihr Heft nicht. "Ich glaube Frauen funktionieren bei der Selbstbefriedigung ohnehin nicht so visuell wie Männer," erläutert Elke, "aber Spaß beim Angucken der nackten Jungs haben sie sicher trotzdem."

Erst Lecker, dann Glück und jetzt vielleicht Tissemand

Die erste Ausgabe veröffentlichten Elke und Nicole im Herbst letzten Jahres unter dem Namen Lecker. Aus markenrechtlichen Gründen musste 'Lecker' zu Glück werden, und weil auch 'Glück' bereits markenrechtlich geschützt war, ist das erste Pornoheft für Mädchen derzeit quasi namenlos. Die anhaltenden rechtlichen Probleme mit dem Heftnamen haben die Herausgeberinnen überrumpelt; Im aktuellen Streitfall haben die Beiden zum ersten Mal im Leben einen Anwalt nehmen müssen. "Der Name 'Glück' ist auf jeden Fall ganz vom Tisch. Wir haben gerade als Website Jungsheft registrieren lassen und haben jetzt ein Voting laufen, auf dem unsere Leserinnen und Leser entscheiden können, wie das Heft in Zukunft heißen soll. Zur Auswahl stehen 'Jungsheft', 'Stolz & Ehre' und 'Tissemand'. Tissemand ist das dänische Wort für Schwanz"; erzählt Elke lachend.

Die Resonanz der Medien, gerade auf die zweite Ausgabe, war groß; von Stern bis taz wurde über das Heft berichtet, und auch die deutsche Weblog-Community war Feuer und Flamme.

Weil die beiden Herausgeberinnen, im Tagesjob in der Medienbranche tätig, das Pornoheft für Mädchen nur als Hobby betreiben, gibt es keinen festen Veröffentlichungszeitraum. Ein Heft kostet ?5, jede Ausgabe erscheint mit einer Auflage von 1000, und wenn diese 1000 Hefte über das Internet und eine handvoll Szeneläden in Köln verkauft sind, setzen die beiden Herausgeberinnen sich an die nächste Ausgabe. Jede Ausgabe finanziert sich selbst, und gerade deshalb sorgt sich Elke über die aktuellen Anwaltskosten. "Sollte es irgendwann nicht mehr laufen, haben wir wenigstens keinen Schuldenberg, sondern können einfach sagen 'Das wars!'"

Aber soweit ist es noch nicht, allen rechtlichen Problemen zum Trotz. Mitte August erscheint die nächste Ausgabe des Pornoheft für Mädchen. Interessentinnen und Interessenten können das noch namenlose Heft schon jetzt bestellen.

Die Hefte im Check


Wir unterzogen die ersten beiden Ausgaben des Pornohefts für Mädchen dem Test durch Bilge (25, Bürokauffrau), Meike (21, Studentin und fudder-Mitarbeiterin), Rike (25, Barfrau und Umschülerin) und die drei Abiturientinnen Sarah (19), Xifan (18) und Karina (19). Dabei stießen wir auf nichts geringeres als einen Generationenkonflikt: Während die drei jüngeren Diskussionsteilnehmerinnen sich über den Fokus auf die Erektion und ob der anatomischen Besonderheiten der einzelnen Modelle verwundert zeigten, fanden die drei älteren Diskussionsteilnehmerinnen das Heft mit den nackten Jungs von nebenan grundsätzlich gut.
In Einem waren sich alle Teilnehmerinnen aber einig: Wenn man das Gesicht des Models nicht sehen kann, sind die Bilder langweilig.

"Ich will Gesichter" sagte Xifan gleich beim ersten Durchblättern eines der Hefte, und erntete allseitige Zustimmung. "Ohne Gesicht sind die Bilder arschlangweilig. Und wenn der Fokus so auf dem Schwanz liegt, dann ist das irgendwie arg hart." Überhaupt schien den Mädels das Gesicht des Models wichtiger als dessen Genitalien zu sein, auch wenn einige der Models beeindruckte 'Wow'-Rufe beim ersten Umblättern auf das 'Photo mit der Erektion' erntete.

'Mich interessiert, wie das Gesicht zum Schwanz steht'

Sarah sah es ähnlich. "Ich finde diese ganzen Erektionen ein bisschen zu drastisch. Bilder mit Gesicht sind besser, denn ganz ehrlich: ich finde den Schwanz an sich einfach nicht so spannend. Ich mag die Bilder lieber, die nicht so mega auf Porno gemacht sind, sondern mehr auf ?Jungs’, und man das Gesicht gut sehen kann." Karina pflichtete ihr bei: "Gesichter und Gesichtsausdrücke sind viel intimer. Mich interessiert auch, wie das Gesicht zum Schwanz steht. Einer hier guckt so, als sei er selbst von seinem Schwanz gelangweilt, das ist doch blöd."



Die Debatte Was ist besser: Mehr oder weniger Schwanz? nahm den größten Teil des Testgesprächs zwischen den sechs Mädels ein.
"Dadurch, dass überall Schwänze sind, und dann auch noch erigiert, kommt der Witzfaktor rein'" meinte Meike. "Das wird dann so ein Lach-Ding, 'Guck mal, was für ein Gerät!'. Dadurch geht dann die Erotik verloren. Dass die alle nicht perfekt gebaut sind, finde ich allerdings überhaupt nicht schlimm, aber die anatomischen Besonderheiten müssen nicht auf Teufel komm' raus zur Schau gestellt werden."

So ganz einigen konnten sich unsere sechs Testmädels in der 'Mehr oder weniger Schwanz-Photos'-Debatte letztendlich nicht. Gut die Hälfte der Testerinnen fand, dass Bilder von nackten Hintern sowieso grundsätzlich weit besser seien, als die von nackten Schwänzen.

'Man wird mit dem Alter selbstbewusster und dreckiger'

Rike, älteste Diskussionsteilnehmerin, deutete das als eine Frage des Alters. "Ich glaube Frauen Ende Zwanzig, Anfang Dreissig, sind eher die Zielgruppe des Pornohefts für Mädchen, als unsere Testgruppe, die zur Hälfte ja noch keine Zwanzig ist, denn da ist man noch jugendlich sexuell verspielt. Wie man nackte Körper bewertet, und was man gerne anguckt, gerade auch an Pornos, das ändert sich. Man wird mit dem Alter selbstbewusster und dreckiger."

Meike gefiel der unprofessionelle Charakter der Hefts. " Ich finde das eigentlich alles ganz gut. Manche Bilder sind ein bisschen heftig, aber insgesamt ist das alles sehr charakterstark." Die kurze Model-Biographie zu Beginn jeder Photostrecke, in der auch der Beziehungsstatus des Models genannt wird, fand sie jedoch nicht gut. "Das ist ja wie im Playboy und stimmt sicher sowieso nicht. Warum diesen Singlebörsencharakter? Wenn da steht 'Single', soll ich dann die Illusion haben, ich könnte den Mann kennen lernen? Wenn ja, warum steht da nicht gleich die eMail-Adresse dabei?"



Rike brachte es für sich einfach auf den Punkt "Das sind halt Jungs. Und Jungs mag ich. Besonders eben auch nackt." "Ich find es außerdem cool und supermutig von den Models, sich so unretuschiert photographieren zu lassen. Wenn wir Frauen wollen, dass wir von Männern so akzeptiert werden, wie wir in echt aussehen, mit Dehnungsstreifen und Cellulitis, dann müssen wir es auch akzeptieren, dass der Schwanz von einem Typen eben aussieht, wie er aussieht." Außerdem gefiel ihr, dass nicht zwanghaft versucht wurde, die Models im klassischen Sinn 'schön' aussehen zu lassen, und sie trotzdem nicht ins Lächerliche gezogen wurden.

Bilge mochte neben den nackten Jungs auch den restlichen Inhalt des Hefts, die Essays über Sex, die Interviews mit Frauen aus der Musikszene, die Musiktipps und die angepriesenen ausgefallenen Produkte. "Als Gegensatz zu den klassischen Frauenzeitungen wie Allegra und Marie Claire, die sowieso nur machen, dass man sich schlecht fühlt, finde ich das alles total super. Das Heft ist schön."

Kaufen würden alle Testerinnen das Pornoheft für Mädchen mindestens einmal, wobei die drei jüngeren Mädels dies als Gag tun oder das Heft verschenken würden. Rike hingegen war richtig enthusiastisch: "Ich finde das Heft toll. Mich törnt das nicht unbedingt an, aber da sind Jungs dabei, die sind ganz fesch, und das mag ich. Wenn man das abonnieren könnte, würd ich es sofort tun, und ich kenn' eine ganze Runde Mädels, denen das auch gefallen würde.

Spex-Porno

Xifan hatte zum Abschluß noch eine besondere Idee, nachdem sie Rory Atwell, Mitglied der Band Test Icicles, auf dem Rückeinband der zweiten Ausgabe des Hefts entdeckt hatte. "Warum eigentlich nicht ein Heft nur mit nackten Bands als neue Art des Musikmagazins? Einfach die Spex, nur in nackt! Karen O von den Yeah Yeah Yeahs dürfte da auch gerne drin sein, das würde mich kein Stück stören."

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