"Popstars"-Casting in Rust: Der Reiz des Recalls

Nina Braun

"Popstars" rief, die Mädels kamen: Knapp 500 Kandidatinnen reisten am Samstag in den Europa-Park, um vor Sido und Loona Stimme und Ausstrahlung unter Beweis zu stellen. Carina hat sich das angeschaut und stellte fest: Die ProSieben-Selekteure arbeiten nach ganz eigenen Regeln.



Die Mädchen

Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, als ich mich im Foyer des Europa-Park Dome umsehe. Hatten mir die vergangenen Popstars-Staffeln nicht Zicken, Freaks und Tränen versprochen? Hier und heute: kaum etwas dergleichen, zumindest auf den ersten Blick läuft alles geordnet und wohlorganisiert ab. Die Mädchen sind zu einem nicht unerheblichen Teil ziemlich hübsch, tragen oft modische Ponyfrisuren und haben es sich auf großen Sitzkissen bequem gemacht.

Einige gehen nochmals den Text ihrer Songs durch, andere singen leise vor sich hin, viele nutzen die Wartezeit, um ihr Makeup vor der aufgestellten Spiegelfront aufzufrischen. Später wird sich Sido beklagen, dass die Outfits der Kandidatinnen hätten ausgefallener sein können, „mehr popstarslike“.

Zum Casting sind Mädchen aus dem gesamten süddeutschen Raum gekommen, knapp 500 insgesamt. Am Ende des zweitägigen Auswahlverfahrens werden nur noch vier davon übrig sein. Eine Vorauswahl und ein Recall stehen an diesem Samstag auf dem Programm, zwei Re-Recalls tags darauf.



Deutschlandweit werden vier mal vier Mädchen die Finalrunden erreichen und von ihnen „Just 4 Girls“ schließlich die Band bilden.

Die Anwesenden lassen sich heute grob in drei Kategorien einteilen: Die obligatorischen Rampenlichtluder, die keine Gelegenheit verpassen, sich den ProSieben-Kamerateams im Interview oder mit einer Tanzeinlage zu präsentieren; die nervös Leidenden, die der Jury mit ihrer Stimme heute auch das Herz antragen, deren Hände zittern und die vielleicht schon alleine deshalb die Jury nicht überzeugen werden; und schließlich die Mädels aus der Region, aus Freiburg, Rust oder Breisach, die gekommen sind, weil es eben in der Nähe ist.



Die 18-jährigen Schülerinnen Elena & Elena aus Ettenheim gehören zur dritten Gruppe. Sie haben sich spontan zur Teilnahme entschlossen, morgens noch schnell einen Song ausgewählt, auf der Herfahrt ein bisschen geübt, und hängen nun reichlich unaufgeregt in ihren Kissen, während sie auf ihren Einsatz warten. Ans Weiterkommen denken sie kaum, „die Schule würden wir auf keinen Fall abbrechen dafür“, erklärt die eine Elena. Und macht sich dann nur ein paar Sorgen, als „Nippel“ bei Stefan Raab zu enden.



Peinlichkeiten und schrille Auftritte

Die Befürchtung ist nicht unberechtigt. Popstars läuft, wie ähnliche Formate, in dieser Phase vor allem über Superlative – Ausreißer nach oben wie nach unten. Gleich mehrere Kamerateams schwirren eifrig durchs Foyer und interviewen alles, was ihnen vors Mikrofon läuft, besonders die Mädchen, die durch Aussehen oder Verhalten aus der Reihe fallen. Gerne auch negativ. Peinlichkeiten verkaufen sich gut im Fernsehen.

So dient die erste Runde, eine Vorauswahl noch ohne Jury und Kameras, schließlich auch dazu, nicht nur die besten Stimmen, sondern ebenso die schrillsten Charaktere auszusuchen. „Manchmal hört man hier draußen, wie sie sich drin über eine Kandidatin kaputt lachen, und wenn sie dann rauskommt, weiß man genau, warum. Aber trotzdem ist sie weiter“, erklärt die 20-jährige Nadja. Und ihre Freundin bestätigt: „Die Mittelschicht kommt nicht durch. Nur die Guten oder die Peinlichen werden weitergelassen.“ Denn erst, wer die zweite Runde erreicht, hat auch einen Auftritt vor laufenden Kameras. Dann mag für einige das böse Erwachen folgen.



Die Jury

Als Pressevertreter dürfen wir uns einen Teil des Jury-Castings anschauen. Vorne, auf zwei Barhockern, sitzen sie, die Aushängeschilder unserer Musikkultur, die hier und heute Talente entdecken sollen. Nicht anwesend ist Anführer D!, denn der ist heute mit den Retortenzöglingen von Monrose unterwegs. Aber auch die restliche Besetzung verspricht Vergnügen: Pop-Sternchen Loona, die die Charts mit so wertvollen Beiträgen wie „Bailando“ bereichert hat, und Rapper Sido, schlechtes Vorbild von Beruf, der sich in letzter Zeit offensichtlich um ein wenig Gesellschaftsfähigkeit bemüht.



Loona, in Pink, sieht aus wie aus einem Bonbon geschlüpft. Vor jeder Aufnahme legt sie sich die Haare sorgfältig auf den Schultern zurecht, strafft den Rücken, blickt nach vorne und ist dann sichtlich bemüht, den penibel inszenierten Gesamteindruck nicht durch unnötige Bewegungen zu versauen.

Sido, in Gelb, blickt mal auf seine ebenso farbigen Schuhe, mal kollegial-hilfesuchend zu Loona, dann wieder zu den Kandidatinnen.

Mit Brille und gestutztem Dreitagebart, leicht schwerfällig in der Artikulation, versprüht er etwas vom Intellekt eines späten Gerd Müller. Insgesamt wirkt er latent fehl am Platz, lenkt bei seinen Bewertungen gerne schnell zum Outfit ab und sagt Sätze wie „Ich bin ja nun nicht so ein Stimmprofi. Was meinst du, Loona?“



Reichlich unbeholfen stolpern die beiden durch ihren Auftrag, gute Stimmen herauszufiltern. Manchmal flicken sie ein „irgendwie“ in ihre Bewertung ein, um sich der endgültigen Verantwortung zu entziehen. Ab und an versuchen sie auch, ein kleines bisschen gemein zu sein. Sido hat sich im Vorfeld offensichtlich ein paar flotte Sprüche überlegt, die er nun fehlerfrei über die Bühne zu bringen versucht. Sie zünden kaum.

Es fehlt die Entschlossenheit, eine straffe Führung, es fehlt das Ausrufezeichen eines Detlef D! Soost. Wird Zeit, dass er am Sonntag zu den Re-Recalls wieder seinen Platz einnimmt.



Ob es dann besser oder schlimmer wird, werde ich aber nicht mehr erfahren, auch nicht, welche der Mädchen schließlich das große Los ziehen. Schnell vertreibt man uns wieder aus dem Studio. Wir sehen noch eine Weile dabei zu, wie die Kandidatinnen freudestrahlend, schulterzuckend oder tief betrübt aus der Türe treten. Als Larissa, blond und mit besonders sexy Aussehen gesegnet, weiterkommt und von ihrem Freund mit Kuss empfangen wird, halten gleich vier Kamera-Teams die charmante Szene fest. Larissa freut sich, die ProSieben-Crew freut sich.



Ausblick

Auf der Rückfahrt überlege ich, wie das wohl weitergehen mag mit den Popstars. Sie werden uns jetzt ein Weilchen begleiten, die Just 4 Girls. Man darf relativ beruhigt davon ausgehen, dass sie dies nicht so lange tun werden wie die Mädels von den No Angels. Während der Findungsphase werden wir die Kandidatinnen und ihre Abenteuer und Peinlichkeiten abends bei Stefan Raab wiederfinden, der von der Show ebenso profitiert wie andersherum, denn wo Synergien geschaffen werden können, das ist bekannt, schafft ProSieben sie.



Ist die Band erst aufgestellt, dürfte sie einen kleinen Chartserfolg landen, dann wird sich die Sender-Schlachtmaschine wieder in Gang setzen, um noch den letzten Saft aus der, kaum reif, schon wieder faulenden Frucht zu pressen.

Ich nehme an, die neuen Popstars werden dann – wie dieses Jahr Monrose – beim Finale des nächsten Durchgangs von „Germany’s next topmodel“ auftreten, und Peyman Amin, der auf Sarkasmus bedachte personal booker von Heidi Klum, wird erneut eine Menge Galle hinunterschlucken müssen, um werbewirksam zu sagen, wie prima er das doch findet. Dann werden vielleicht doch noch ein paar Alben verkauft, bis die nächste Staffel beginnt. Die achte schon. Ich freu mich drauf.