Popmukke mit Rapper: Ein Probenbesuch bei Otto Normal

Marius Notter

Die Freiburger Band Otto Normal ist alles andere als normal - auf dicke Hose machen die "Popmukker mit Rapper" aber trotzdem nicht. Heute Abend treten sie im Waldsee auf; fudder-Autor Marius Notter hat sie vorher in ihren Proberäumen in der Wiehre besucht:



Die Proberäume von Otto Normal sehen aus wie eine Studi-WG. Ein großer langer Holztisch voller Krimskrams, Teller und Tassen.

Erdbeeren werden geschnibbelt und zusammen mit Joghurt und anderen Bio-Zutaten zu einem Vormittagssnack vermengt. Rapper Pete Stöcklin befüllt eine Schale damit und verschwindet mit Lukas Oberascher in einen der drei Räume. Die anderen - Bafti Schneipers, Anthony Greminger und Patrick Heil - bleiben am Tisch sitzen. Bassist Philipp Rauenbusch ist heute abwesend.

Gerade hat der Postbote ein Paket mit einem kunterbunten Spielzeug-Keyboard gebracht. Patrick packt es aus und intoniert darauf die Melodie von "Otto Normal". Bafti und Anthony findet, man sollte das neue Instrument in die Show einbauen. Es wird Kaffee getrunken, eine Zigarette angesteckt, und jede Unterhaltung endet in schallendem Gelächter.

Es geht locker zu bei den Ottos - zumindest jetzt, wo die Platte fertig ist und die Tour bald startet. Zweimal sind die sechs Jungs schon durch Deutschland gereist; sie sind also nicht nur im Breisgau bekannt.

'Normal' ist da wenig

Musikalische Einordnung? Schwer. Sehr schwer. Patrick bezeichnet ihren Stil als "Pyro-Pop", was irgendwie "Popmukke mit Rapper" sein soll. Dieser Begriff beschreibt die Band tatsächlich ziemlich treffend. Von der Instrumentierung her - Keyboard, Synthies, Gitarre, Bass und Schlagzeug - ist Otto Normal eher eine Pop-Band. Statt einem klassischen Sänger, der gesäuselten Pop zum besten gibt, steht bei ihnen allerdings ein Rapper auf der Bühne. Gegensätze wie dieser sind für die Ottos symptomatisch. 'Normal' ist da wenig.

Bafti: "Unser Name ist eigentlich ein Statement gegen diese ganze 'Boah, sind wir dick'- und 'Ich hau' dir auf die Fresse'-Geschichte." So tun, als wäre man durchschnittlich, und dann eben doch etwas ganz Besonderes sein. Das zieht sich bei Otto Normal von ihren Shows durch die Texte bis in die Proberäume.

Würde man sich die Instrumente wegdenken, wären die Proberäume einfach nur eine Traumwohnung in der Wiehre. Was man vergeblich sucht: ein verrauchtes Kellerloch mit einer museumsreifen Sammlung leerer Bierflaschen sucht man vergeblich. An die Proberäume schließen sich eine Kombination aus Schlafzimmer und Büro an, und im hinteren Teil der Küche steht ein braunes Sofa, das zum Entspannen einlädt. Plattenspieler, Schalplatten, Instrumente, Otto-Normal-Aufkleber, ein altes Rennrad und - ja - eine Trockenhaube aus den 60ern. Es ist schön hier, einfallsreich, etwas verplant, aber nicht durcheinander. Otto Normal eben.



Wo andere Hiphopper den hundertsten Disstrack raushauen, in dem nur gearschlocht, gemutterfickt oder gehustled wird, machen die Ottos einen Track über eine durchfeierte Nacht, die geil war, aber irgendwie doch nicht. "Augen zu", nennen sie diesen Track dann. Und statt das Video im Bermuda-Dreieck zu drehen, gehen sie nach Porto - und nutzen die Atmosphäre der Stadt, um dem Video einen besonderen Charakter zu verleihen. Das erinnert einen an OK KID aus Gießen, jenem Trio, das Rap und Pop auf gefühlsbetonte Weise verbindet.

Die Ottos stellen nicht alles in ein so furchtbar dramatisches Licht wie OK KID. Das belegen Tracks wie "Dickes Kind" oder "Otto Normal". Diese schreien ihre Kritik an Erziehungsmethoden nur so raus - unterlegt mit teilweise treibenden Beats, indietypischen Melodien und einem Pfeifen ergibt das eine sehr interessante, nicht zu ernsthafte Mischung. Frontmann Pete rappt - je nachdem - mit einem abwertenden, sarkastischen oder todernsten Unterton. Mal spielt er mit Wörtern, dann wiederholt er sie einfach nur - und verleiht ihnen damit ein schweres Gewicht.

Um das Paradox der abnormalen Ottos zu verstehen, muss man sich zum Beispiel den Song "Sternfeuer" anhören. Hier wurden beim Texten Begriffe aus dem Memoryspiel 'Gemischtes Doppel' benutzt, bei dem Begriffe wie 'Riffkunde' und 'Kiffrunde' ein Paar ergeben. "Der Arbeitstitel war Gemischtes Doppel", sagt Bafti und lacht. "Das Coole daran ist, dass man sich den Song drei-, viermal anhören muss, bevor man erkennt, dass da noch 'ne Story dahinter steckt."



In "Sternfeuer" heißt es dann zum Beispiel: "Sie hat die Schnauze voll von Sommerloch und Dichtungsring, doch wo soll sie hin, sie ist planlos, hat es nicht so mit dem Richtungsding." Ob da viermal Anören reicht, muss jeder für sich selbst rausfinden. Sicher ist: An Ideen mangelt es der Band nicht.

Das Album namens "Das neue Normal" ist seit dem 28. März draußen. Es ist "erwachsener als die alte 'Wahnsinn'-Platte", sagt Anthony - und lacht wegen seiner Standard-Band-Antwort. "Die alte Platte beinhaltet Texte, die der heute 30-jährige Pete mit 18 geschrieben hat." Obwohl die Musiker um die 30 sind, nimmt man ihnen diese Reifung nicht gleich ab.

"Es überwiegt das etwas Alberne, Unsortiere. Da ist sogar so 'ne Boogie-Nummer drauf", meint Bafti. "Auf der neuen Platte haben wir versucht, etwas stringenter zu bleiben und nicht solche kompletten Exoten draufzuballern." Er schiebt seine abstehende Mütze hin und her und lacht.

Das durchgestreckte Klappmesser

Erschienen ist das Album auf "Reposit Records", vertrieben wird es vom Berliner Label Wolfpack Entertainment, bei dem auch namhafte Rapper wie Liquid Walker und Nazar sowie Bands wie KAFVKA und Deine Jugend untergebracht sind. Dass Otto Normal auf Reposit Records sind, ist - wie so oft bei Indielabels - dem Zufall zu verdanken. "Wir sind mal im Sud in Basel aufgetreten. Da hat vor uns die Band gespielt, in der die zwei Jungs von Reposit Records spielen", erklärt Patrick. "Pete kannte den Rapper der Band. Nach dem Gig haben wir mit denen dann connected."

Otto Normal sind sechs unkomplizierte Musiker - ihre Musik beschreiben sie als einen Move, den Pete oft auf der Bühne bringt: Sie nennen ihn "das durchgstreckte Klappmesser". Beine durchgestreckt und dann Scherensprünge auf der Stelle, das Mikro in der ausgestreckten Hand.

Sie sind also das Gegenteil von Normal, wollen sich jedoch nicht auf eine Linie mit den vielen anderen Künstlern der Hiphop-Szene stellen, die sich selbst am meisten feiern. Aus Protest dagegen, behaupten sie von sich selbst, Durchschnittstypen in einer Durchschnittsband zu sein. Gerade auch deshalb sind sie eben genau das nicht. Sie sind besonders, ihre Musik ist anders, ihr Auftreten entspannt, locker. In etwa so normal wie das langezogene Tommy-Gerhart-Normaaaaal im Trash-Klassiker "Ballermann 6".



Otto Normal - Das siebte Jahr

Quelle: YouTube


Mehr dazu:

Was: Otto-Normal-Konzert ("Augen zu & durch"-Tour); Support: Teddy Smith and the Foreigners Band, Fatcat; AfterShow-Party mit DJ FunkMessiah
Wann: Freitag, 25. April 2014, 21 Uhr
Wo: Waldsee
Eintritt: 9 Euro    

Fotos: Marius Notter

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