Polizei räumt Straßen des Sedan-Quartiers in der Nacht zum 1. Mai

Daniel Laufer

Die linke Szene wollte in der Nacht zum 1. Mai im Sedan-Quartier einfach nur feiern. Die Stadt wollte, dass Ruhe herrscht. Ein Großaufgebot der Polizei räumte schließlich die Straßen des Sedan-Quartiers. Warum am Ende sowohl die Linken als auch die Stadt als Verlierer dastehen, schildert fudder-Autor Daniel Laufer.



Jetzt kommt die Polizei. Und es sind viele! Sie schieben die feiernden Menschen in der Wilhelmstraße in Richtung Bahnhof. „Die Party ist jetzt zu Ende, seien Sie vernünftig!“, dröhnt es aus dem Lautsprecher. „Wenn Sie friedlichen Widerstand leisten wollen, dann gehen Sie jetzt doch bitte ins Bett...“


Verlockend: Es ist kurz nach 3 Uhr. Und die meisten leisten dem Vorschlag tatsächlich Folge. Sie sind zu müde, zu betrunken oder zu bekifft, um weiterzumachen. Dass die Nacht mit zwei Räumungen und diversen Festnahmen enden würde – damit hatten am Abend aber wohl die wenigsten gerechnet.

Ein Protest gegen die Politik der Stadt


21.30 Uhr, Moltkestraße
. Nach und nach trudeln hier Menschen zu einer spontanen Demonstration ein. Die Stimmung ist gut: Der Sambasta-Trommelkreis sorgt für den üblichen Lärm und Flaschenbier aus den umliegenden Kneipen für gute Laune. „Allge-Mai-verfügung für’n Arsch“ hat jemand einfältig auf ein Transparent geschrieben. Die Versammlung ist ein Protest gegen die Politik der Stadt. In den vergangenen Jahren hat es das Party-Volk um den 1. Mai gerne mal übertrieben. Deswegen hat das Ordnungsamt diesmal unangemeldete Feste im Sedanquartier von vornherein verboten - mit einer Allgemeinverfügung, wie das im Bürokratensprech heißt.



Nicht, dass Verbote die linke Szene beeindrucken würden – das weiß die Stadt und das weiß auch die Polizei. Kurz vor 22 Uhr rückt wenig überraschend die Hundertschaft an. Sie sucht die Nähe zu den Demonstranten, drängt sie von der Kreuzung zur Belfortstraße in die Moltkestraße ab. Keine fünf Minuten dauert die Aktion, dann ist der Protest vollständig eingekesselt.

Die Demonstranten reagieren verärgert, manche pöbeln, eingesperrt hinter der Wand aus Polizei. Für einen Moment wirkt die Situation bedrohlich. „Zündstoff“ steht passenderweise auf einem Ladenschild daneben. Die Beamten mustern vorsichtig die Lage, sie wissen: Eine Kleinigkeit kann jetzt reichen, zur Explosion fehlt hier nur noch der Funke.



Doch noch besteht begründete Hoffnung auf eine friedliche Lösung. Und tatsächlich: Der Einsatzleiter reagiert besonnen, nach 20 Minuten ruft er einen Teil seiner Truppe zurück. Die Demonstranten können wieder auf die Kreuzung. Scheinbar fühlen sie sich dadurch in ihrem Protest bestätigt. Sie schaffen einen Karren mit Musikanlage herbei und beschallen die Nachbarschaft mit schrabbligem Gitarrensound. „Die Gedanken sind frei“ steht auf der Playlist.



Jemand nimmt sich das besonders zu Herzen und bringt einen großen beleuchteten Sonnenschirm mit, an dem er schwarze und weiße Klobürsten aufgehängt hat (weil: auch „für’n Arsch“, siehe oben). Immer mehr Menschen strömen auf die Kreuzung, irgendwann sind es rund 500 – darunter zahlreiche Szenefremde. Für sie ist das Straßenfest nur ein Happening, erst ermöglicht durch die Polizei. Später werden sie weiterziehen, vielleicht in Richtung Dreieck oder AGAR.



Der kosmische Käfer

Dann, kurz nach Mitternacht, hat die Polizei ganz plötzlich genug. Die Menge sei alkoholisiert. „Der Charakter der Versammlung hat sich geändert. Sie ist hiermit aufgelöst!“, so die Durchsage. Alle sollen die Kreuzung verlassen, „in Richtung Uni Bibliothek oder in Richtung Cinemaxx“ – sofort. „Ich weiß nicht, was Sie sich davon versprechen. Der "kosmische Käfer" wird nicht erscheinen!“, verkündet die Polizei.

Das ist richtig: Der "kosmische Käfer", ein großer Musik-Wagen verkleidet mit goldener und silberner Folie, hat es nicht bis ins Sedanquartier geschafft. Unter der Androhung beschlagnahmt zu werden, hat er längst aufgegeben.

Auch ein Teil des Feierpublikums zieht sich jetzt langsam zurück. Ein besonders Hartgesottener kommentiert die Durchsage, indem er mitten auf der Kreuzung Feuerwerksraketen zündet. Ein anderer wirft Böller auf die Polizisten und verletzt einen von ihnen. Andere Polizisten reagieren und nehmen den Mann sofort fest. Dann räumen die Beamten die Kreuzung. Bierflaschen und weitere Böller fliegen. Nur langsam zieht sich die Menge zurück.



Aber statt nach hause zu gehen, versammeln sie sich erneut, diesmal in der Wilhelmstraße. Auch die Musikanlage hat hierhin ihren Weg gefunden. Durch Kneipenfenster wird noch mehr Bier nach außen gereicht und ausgelassen weitergefeiert. Verhindern können die Polizisten das zu diesem Zeitpunkt nicht. Einige stehen daneben, mit offensichtlich ratloser Miene: Um gleichzeitig auch in der Wilhelmstraße einzugreifen, sind gar nicht genug Kräfte im Einsatz.

Zuerst muss also die Kreuzung Belfortstraße-Moltkestraße bereinigt werden, das dauert. Die ersten Heimkehrer wollen durch – und müssen wieder umkehren. Im 30-Sekunden-Takt erläutert eine erstaunlich geduldige Polizistin mögliche Alternativrouten. Erst um 2.30 Uhr ist die Kreuzung wieder frei, nachdem die Abfallwirtschaft angerückt ist und die Glasscherben beseitigt hat.



Feierbiest in Unterhose

Nur noch in Unterhose rennt zu diesem Zeitpunkt ein Feiernder auf die Polizeilinie zu. Der Schockeffekt bleibt aber aus, die einzige Veränderung: Nachdem er sich wieder angezogen hat, trägt er die Jacke falsch herum.

Wenige Minuten später rückt die Hundertschaft dann auch in die Wilhelmstraße vor. Noch einmal wird die Versammlung per Durchsage aufgelöst. Vereinzelte gehen heim, übrig bleibt, was man weitgehend als den Kern der linken Szene bezeichnen kann. Alles geht jetzt ziemlich schnell: Rigoros räumt die Polizei auch die Wilhelmstraße, weitere Festnahmen folgen. Vorbei am Jos Fritz Café drängt sie die Demonstranten bis zur Bismarckallee. Gegen 3.30 ist schließlich auch die zweite Räumung vollzogen, auch wenn die Situation mittlerweile ziemlich unübersichtlich geworden ist.

„Haben sie dich eingelocht?“, fragt ein junger Mann am Handy seinen Kumpel. Schon möglich: Zehn Personen wurden in dieser Nacht in Gewahrsam genommen oder haben zumindest Platzverweise erhalten. Nach einem BZ-Bericht wurde Monika Stein, Stadträtin der Grünen Alternative Freiburg, kurz in Gewahrsam genommen - sie kassierte einen Platzverweis.


In der Nacht auf den 1. Mai hat Freiburg ein ganz kleines bisschen Berlin erlebt. Stolz muss darauf aber niemand sein. Die Stadt Freiburg wollte unangemeldete Straßenfeste im Sedanquartier verhindern, die linke Szene trotzdem ausgelassen feiern. Gescheitert sind unterm Strich beide.



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