Polizei-Nachtschicht: 12 Stunden allnächtlicher Wahnsinn

Eva Hartmann

Vor einigen Wochen hat Eva einen Artikel mit dem Titel "Wie werde ich Polizist?" geschrieben. In den Kommentaren dazu rüttelten einige Leser gewaltig an dem positiven Bild, das dieser Artikel vom Beruf des Polizisten vermittelte – wie hart der Alltag eines Polizisten sein kann, käme darin ja viel zu kurz. "Fragt mal nach, ob ihr mal ein Streifenteam am Wochenende in der Innenstadt begleiten dürft", schlug einer von ihnen vor. Eva hat genau das gemacht und durfte mit auf eine Samstags-Nachtschicht.



Als ich um 20 Uhr auf dem Revier Nord eintreffe, ist noch nicht viel los. Während man mir die Dienstleitungsstelle und die Zellen zeigt, lerne ich auch die Polizisten kennen, die heute abend im Dienst sind. Im Laufe der Nacht werde ich den meisten von ihnen an verschiedenen Einsatzorten wiederbegegnen.


Als ich den Schichtplan erklärt bekomme, deutet sich eine der anstrengenden Seiten des Polizistenberufes an: Die Polizisten, mit denen ich heute Nacht unterwegs sein werde, hatten vorher schon Frühschicht bis 12 Uhr. Abzüglich der Zeit für Übergabe und Heimweg sind nur wenige Stunden geblieben, um sich für die Nachtschicht fit zu schlafen - und die dauert von 19 Uhr 30 bis 5 Uhr 30.

Gegen halb neun fahre ich mit "meiner" Streife los: Die Leitstelle hat Schüsse in einer Wohngegend gemeldet. Als mehrere weitere Schüsse gemeldet werden, wird die Sache etwas hektischer: Mit quietschenden Reifen und Martinshorn startet eine rasante Fahrt zum Einsatzort, während der ich mich auf dem Rücksitz festkralle und mich ein wenig selbstironisch zu meiner Samstagabendgestaltung beglückwünsche – noch ahnungslos, was die folgende halbe Stunde für mich bereithält.



Am Einsatzort angekommen scheinen die Polizisten zunächst nichts finden zu können – doch gerade als einer von ihnen mir erklärt, dass das vermutlich eher ein Fehlalarm war, erschallt ein weiterer Schuss. Der Polizist rennt los, und als mir klar wird, woher der gerade ertönte Knall zumindest theoretisch kommen könnte, beeile ich mich, die Autotür zuzumachen. Das nächste, was ich sehe, sind insgesamt sechs Beamte, die mit gezückten Schusswaffen eine Gruppe Jugendlicher dirigieren, im Vorgartengras den „Adler" zu machen. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Nach einiger Zeit entspannt sich die Lage; neben mir auf dem Rücksitz liegen eine Schreckschusspistole und zwei Packungen Munition.

Während alledem habe ich über den Polizeifunk einen anderen Einsatz mitbekommen: Irgendwo haben sich zwei Mädchen betrunken und einen Streit mit einer dritten Person angezettelt, die einer der Jugendlichen eine Kopfverletzung zugefügt hat. Der älteren der beiden steigt der Alkohol derart zu Kopf, dass sie einer Polizistin vollkommen grundlos mit voller Wucht in den Unterleib tritt – über Funk hört man das Mädchen hysterisch schreien.

Wenig später treffen wir fast zeitgleich mit den an diesem Einsatz beteiligten Streifen auf dem Revier ein; die Gänge füllen sich mit hektischem Treiben und jenem markerschütternden Geschrei, das einfach nicht enden will. Da das Mädchen sich nicht beruhigen lässt, endet der Abend für sie in der Psychiatrie. 16 Jahre ist sie alt und sorgt mit ihrem Verhalten nicht nur bei mir für entsetztes Staunen. Ich fahre mit „meiner" Streife in die Kinderklinik, um das andere Mädchen zu befragen. Kinderklinik deshalb, weil die Volltrunkene gerade Mal 15 ist.



Was ich dort mitbekomme, lässt mich erschauern: das Mädchen kann kaum alleine sitzen, sie weint und kann kaum mehr sprechen. Der Polizistin gelingt es, das Mädchen zu beruhigen und einige Brocken des Sachverhalts aus ihm heraus zu bekommen. Aus seinen Schilderungen wird deutlich, dass es sich betrunken hat, um familiäre Probleme zu kompensieren. Mit 15 und, wie sich später herausstellt, bei weitem nicht zum ersten Mal – das macht mich sprachlos. Die Worte des Mädchens werden immer undeutlicher, irgendwann sinkt es weinend in sich zusammen und wir gehen wieder. Auch die beiden Polizisten sind etwas betroffen. „Das wird nicht die Letzte gewesen sein", prophezeien sie.

Die Einsatzzentrale schickt uns zu einem Fall von häuslicher Gewalt. Eine weitere Streife und zwei Beamte der Hundestaffel werden angefordert – wie gefährlich muss es am Einsatzort wohl zugehen, wenn ein Schutzhund benötigt wird? Mir wird mulmig. Nachdem wir angekommen sind erfahre ich, in welchem Zwiespalt zwischen Handlungsbedarf und Handlungsmöglichkeit die Polizei oft steht: Die Frau berichtet, ihr Mann habe die ganze Einrichtung zerstört und sie angegriffen.



Stutzig macht allerdings, dass der Mann die deutlich heftigeren Verletzungen am Körper trägt. Was ist hier wirklich passiert? Wer muss vor wem geschützt werden? Diese Fragen lassen sich schwer klären, denn der Mann spricht kein deutsch und weigert sich, mit seiner Frau zu sprechen, die übersetzen könnte. Per Handy muss nach einem Übersetzer gesucht werden. Immerhin: Die Situation scheint ungefährlich; die Hundestaffel und „meine" Streife rücken ab. Zwei Polizisten bleiben, und später erfahre ich, dass diese das Paar dazu bringen konnten, sich zu einigen.



Nach einer eher enervierenden Ruhestörung auf einem LKW-Parkplatz begegnen wir einem Jugendlichen, der nur noch deshalb noch steht, weil er sich an einem Verkehrsschild festhält. Taumelnd kotzt er sich in hohem Bogen die Seele aus dem Leib. Während die Polizisten mit dem Jungen reden, bin ich froh, im Wagen sitzen bleiben zu können, bis der Junge sich fertig erbrochen hat. Als ich dann aussteige, verständigen die Polizisten gerade seinen Vater. Bei dessen Ankunft wird klar: Auch dieser 16jährige hat sich betrunken, weil es zuhause Probleme gibt.

Kurz nach Mitternacht fahren wir aufs Revier. Während ich darauf warte, zur nächsten Station meiner Nachtschicht gebracht zu werden, sehe ich Polizisten vor Computern sitzen und die Berichte tippen: Das ist dann wohl der weniger spannende Teil der Arbeit. „Wenn heute Nacht keine Zeit für die Berichte bleibt, geht dafür morgen wahrscheinlich mein freier Tag drauf", erzählt mir einer der Polizisten.



In der Innenstadt werde ich bis vier Uhr der „GewaCity" bei ihrer Arbeit zuschauen. In den letzten Jahren haben insbesondere Gewaltdelikte in der Freiburger Innenstadt enorm zugenommen. Diese Sondereinheit steht jedes Wochenende am Martinstor und versucht, Schlägereien und dergleichen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Polizisten beobachten und laufen zwischendurch Streife; kommt es irgendwo zu Rangeleien, sind sie meist schneller vor Ort, als daraus eine Schlägerei entstehen kann. Diese Nacht bleibt ruhig, was vermutlich am Wetter liegt: Bei Regen gehen die meisten Nachtschwärmer lieber früher nach hause, als beim Partyhopping nass zu werden.

Dennoch lässt sich beobachten, dass ab etwa 2 Uhr die Stimmung in der Innenstadt langsam zu kippen beginnt. Zuvor waren hauptsächlich gut gelaunte Nachtschwärmer unterwegs, jetzt tauchen zunehmend aggressive „Stressmacher" auf. Immer häufiger müssen sich die Polizisten nun provokante Kommentare gefallen lassen und Platzverweise erteilen. Action kommt aber nur einmal kurz auf, als ein Dieb gestellt, in Handschellen gelegt und kurz darauf vom Zellenwagen abgeholt wird.



Was mir immer wieder auffällt, ist der beinahe herzliche Umgangston, den die Polizisten mit den Nachtschwärmern pflegen: Fahrradfahrer, die ohne Licht über die Kajo brausen, werden auf wirklich nette Weise gebeten, das Rad zu schieben. Betrunkene, die grölend durch die City ziehen, werden bestimmt, aber freundlich zur Ruhe ermahnt. Zwischendurch gibt es scherzhafte Fachgespräche über Vodkasorten und Kampfsportkünste. Das scheint neu zu sein – zu meiner Discozeit vor etwa zehn Jahren waren Freiburger Polizisten noch bedeutend uncooler. Wäre ich damals nachts ohne Licht herumgefahren, wäre mir sicher ein Strafzettel verpasst worden. 

Ab etwa vier Uhr steige ich wieder auf eine Streife um: In einer Großdisco ist irgendwer mit irgendwem aneinander geraten – wer mit wem und weshalb, lässt sich nicht mehr richtig rekonstruieren. Es gibt einen Verletzten, der Täter ist auf geheimnisvolle Weise im Gebäude verschwunden und versteckt sich dort wohl so gut, dass nicht mehr wiedergefunden werden kann. Ein anderer Gast möchte noch in die Disco und bekommt Streit mit den Türstehern, die ihn 10 Minuten vor Schließung nicht mehr reinlassen wollen. Während eine Polizistin hier schlichtet, dokumentieren andere die Verletzungen des Gastes; die restlichen Polizisten diskutieren mit Türstehern und Diskobetreiber. Als die aggressive Stimmung abflaut, fahren wir zum nächsten Einsatz: Irgendwo brennen Mülltüten. Als wir ankommen, hat die Feuerwehr den Brand gelber Säcke in einem Müllkäfig bereits gelöscht; eine Passantin berichtet jedoch von einem weiteren Feuer wenige hundert Meter weiter. Auch hier brennen gelbe Säcke in einem Betonkäfig und wieder muss die Feuerwehr anrücken.



Der letzte Einsatz für diese Schicht ist eine Ruhestörung in einem Wohngebiet. Nach einer nervigen Disskussion lassen sich die Partygäste zur Ruhe ermahnen. Im Morgengrauen fahren wir zurück aufs Revier. Nach und nach treffen auch die anderen Polizisten der Nachtschicht dort ein; bei Laugenweckle und Feierabendbier erzählt man von den Einsätzen der letzten Nacht.

Ich ertappe mich dabei, dass ich ein wenig erstaunt bin, wie normal all die Polizisten aussehen, sobald sie Alltagskleidung tragen: Die Zeiten, in denen man Polizisten selbst in Zivil an einem auffällig steifen Klamottengeschmack erkennen konnte, scheinen auch längst vorüber zu sein. Die Polizisten hier tragen FlipFlops, lässige Shorts, hübsche Oberteile und schönen Schmuck. Einer der Polizisten hat einen Rock-am-Ring-Bändel am Handgelenk, was mich wirklich irritiert. Und dass mich das irritiert, macht mich stutzig: Diejenige hier mit den dämlichsten Klischees und Vorurteilen im Kopf bin dann wohl ich.



Einer der Polizisten fragt mich: „Und, wie fandst du's, was ist dein Fazit?“ - spontan weiß ich keine Antwort. Jetzt kann ich sagen: Mein Bild von der Polizei wurde gründlich gerockt. Mir hat die Nachtschicht großen Spaß gemacht, ich bin schwer beeindruckt von den Polizisten und ihrer Arbeit. Andererseits habe ich erlebt, wie unangenehm die Ungewissheit darüber sein kann, was einen als nächstes erwartet. Ich habe mitbekommen, wie blöd Polizisten oft behandelt werden und wie hinderlich es manchmal ist, immer ganz genau nach strengen Richtlinien handeln zu müssen. Mir ist auch deutlich geworden, dass der Job für Leute mit einem Bedürfnis nach geregelter Freizeit nicht gut geeignet ist.

Insgesamt gibt es einige negative Faktoren an diesem Beruf – für die meisten der Polizisten auf dem Revier Nord scheinen die guten jedoch zu überwiegen. Die gute Stimmung hier steckt an: Obwohl ich nach mittlerweile 10 Stunden langsam müde werde, bleibe ich noch zwei weitere und lache Tränen über die Geschichten, die erzählt werden. Erst gegen acht Uhr verlasse ich zusammen mit den letzten Polizisten der Nachtschicht das Revier und freue mich auf mein Bett.

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