Pöbeleien sind für Schwule und Lesben in Freiburg Alltag

Carolin Buchheim

Pfiffe, Pöbeleien, körperliche Angriffe: Wenn sich in Freiburg Schwule oder Lesben küssen, führt das zu heftigen Reaktionen. Vor zwei Wochen wurde ein schwules Paar brutal attackiert. Nun ruft das Regenbogenreferat zum Kiss-In-Protest im Bermudadreieck auf.



Eine gebrochene Nase, ein gebrochener Gesichtsknochen, eine Platzwunde und zwei abgesplitterte Backenzähne – das waren die Verletzungen von Marcel M., nachdem er und sein Freund vor zwei Wochen im Bermudadreieck von einem jungen Mann attackiert wurden. Der 19-Jährige musste ins Krankenhaus, die Polizei hat noch keinen Hinweis auf den Täter.


Zwei Wochen zuvor war Zoé A. von drei jungen Männern angegriffen worden – unweit des Siegesdenkmals. A. ist transsexuell und wie Marcel M. befand sich auch die 32-Jährige auf dem Heimweg aus einem Club. A. wurde beschimpft und geschlagen, erlitt eine Platzwunde und eine Verletzung am Handgelenk, musste ärztlich versorgt werden. Zur Polizei ging sie nicht. "Eine Anzeige gegen Unbekannt hätte sowieso nichts gebracht", sagt sie, "und ich habe mich nicht getraut." Seit der Attacke ist sie tief verunsichert und trägt wieder vermehrt Männerkleidung, um weniger aufzufallen.

Polizeipressesprecherin Laura Riske appelliert an Zoé und andere, die aufgrund ihrer sexuellen Identität Opfer von Gewalt wurden, Straftaten zu melden. "Nur wenn wir von einem Vorfall wissen, können wir tätig werden", sagt sie. Kein Delikt sei zu klein, auch eine Beleidigung könne angezeigt werden. Riske kann nicht sagen, wie häufig Schwule, Lesben und Transsexuelle in Freiburg Opfer von Gewalt und Belästigung werden – die Polizei führt keine gesonderte Statistik. Das könnte sich ändern: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes forderte erst vor wenigen Tagen, dass sogenannte "Hasskriminalität" in der Kriminalstatistik dokumentiert werden sollte; nur so sei eine effektive Strafverfolgung möglich.

Pöbeleien und Belästigungen zumindest sind für Schwule, Lesben und Transsexuelle Alltag. "Ich kenne keine andere Stadt, in der wir im Nachtleben so viel beschimpft werden wie in Freiburg", sagt Marcel M. – eine Erfahrung, die queere Freiburger bestätigen – "queer" steht für Menschen die von der "Norm" abweichen. "Meistens sind es Pöbeleien", sagt Robert Sandermann, Berater bei AIDS- und Rosa Hilfe, "aggressive und ernsthafte Pöbeleien." Freiburg sei zwar eine weitgehend liberale Stadt, aber nicht immer und überall. "Ich würde jungen Schwulen immer dazu raten, sich im Bermudadreieck zurückzuhalten."

Nicht mehr ohne Security ausgehen

Auch beim Christopher-Street-Day-Verein (CSD-Verein) bestätigt man negative Erfahrungen: "Bei uns gibt’s fast keinen, der noch nicht von blöder Anmache oder Gewalt betroffen war", sagt Ronny Pfreundschuh. Pfiffe und Pöbeleien bis hin zu Gewaltandrohungen seien Alltag: "Ich habe noch nie einen Mann in Freiburg geküsst, ohne dass nicht irgendwer gepfiffen hat." Selbst in queeren Bars und bei Veranstaltungen sei man nicht sicher.

Maggie Jaglo ist lesbisch. Auch sie sagt: "Wenn man händchenhaltend durch die Stadt läuft, kriegt man immer schiefe Blicke." Im Winter allerdings weniger: "Wenn wir dicke Jacken und Mützen tragen, sieht man nicht auf den ersten Blick, dass wir zwei Frauen sind." Die Freiburger Drag Queen Betty BBQ, die Stadtführungen organisiert und als Partybegleitung für Junggesellenabschiede gebucht wird, geht nicht mehr ohne Security ins Nachtleben. "Gerade im Bermudadreieck ist es schlimm", sagt sie, aber auch auf der Straße erlebe sie Tag und Nacht Beschimpfungen; auch von Taxifahrern sei sie schon belästigt worden. BBQ ist überzeugt, dass die Attacken darauf zurückzuführen sind, dass das queere Leben in Freiburg etwas aufgeblüht ist: "Die Attacken sind die Reaktion einer intoleranten Gesellschaft auf diese Entwicklung."

Kiss-In-Protest am Samstag im Bermudadreick

Der CSD-Verein schafft jetzt eine Plattform, auf der Betroffene Belästigungs-Erfahrungen veröffentlichen können. Das Regenbogen-Referat des Studierendenrats der Uni Freiburg hat zu einer Demo im Nachtleben aufgerufen: Am Samstag, 25. April, wird um 22 Uhr im Bermudadreieck protestgeküsst. "Küssen im Bermudadreieck scheint heute gefährlich zu sein", sagt Annika Spahn vom Regenbogenreferat, "die große Gruppe küssender Leute soll allen Sicherheit geben."

Mehr dazu:

[Foto: Carolin Buchheim]