Podknast: Wie es im Gefängnis wirklich ist

Fabienne Hurst

Wie das Leben im Knast wirklich ist, können oder wollen Serien wie "Hinter Gittern" oder "Prison Break" nicht zeigen. Das Projekt Podknast hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Einblick in das Leben Inhaftierter zu geben: durch Audio- und Video-Podcasts, die die Gefangenen selbst produzieren.

Häftling Bachirou Salou lässt seine Sachen lautstark auf das Gefängnisbett fallen. „Oh Mann, was für ein Loch“, seufzt er. Die junge Gefängnis-Angestellte neben ihm hat kein Mitleid: „Das haben sie sich ja so ausgesucht“, sagt sie trocken. Auf der Webseite podknast.de zeigt der Kurzfilm Bachirous ersten Tag in der Zugangsabteilung der JVA Siegburg.


Trotz nachgestellter Szenen will die Internet-Plattform des Justizministeriums Nordrhein-Westfalen so authentisch sein, wie kein anderes Medium: „Podknast: Wie es wirklich ist“, verspricht der Slogan. Seit 2008 existiert das Projekt, dessen Name sich aus den Wörtern "Podcast" und "Knast" zusammensetzt. Audio- und Video-Podcasts geben einen Einblick in das Leben hinter Gittern. In einem Audio-Beitrag erzählt Achmed,19, aus der Jugendarrestanstalt Düsseldorf vom Kiffen, wie es ihn verändert hat, und wie sehr er seine kriminelle Vergangenheit bereut. Die „Joghurt-Schwestern“ der Frauenvollzugsanstalt Köln klären auf, dass man sich durchaus mit einer Hepatitis-C-Infizierten den Dessertlöffel teilen kann, ohne sich dabei anzustecken.

Die Botschaft: Knast lohnt sich nicht

Freunde und Angehörige, aber vor allem gefährdete Jugendliche sollen so mitbekommen, wie es den Inhaftierten im Alltag geht. An sie richtet sich die Botschaft: „Knast lohnt sich nicht“. Joachim Klein, Leiter des Dachprojektes für die Webaktivitäten des Justizministeriums NRW „Justiz Online“, ist von der Idee begeistert. „Es nützt doch wenig, wenn man Jugendliche ständig mit dem erhobenen Zeigefinger warnt. Am sinnvollsten ist es, wenn sie von den Inhaftierten selbst mitbekommen, wie wenig es bringt, kriminell zu sein“, sagt Klein.

Primär gehe es bei Podknast jedoch darum, die Gefängnis-Insassen dazu zu bringen, sich mit ihrer Situation auseinander zu setzen. Die Inhaftierten erzählen ihre eigenen Geschichten, schreiben die Drehbücher, drehen und schneiden selbst. Unterstützung erhalten sie anfangs von Medien-Studenten der Fachhochschule Aachen und Sozialpädagogen, die vorher speziell geschult werden. Nach dem dritten Dreh arbeiten die Gefangenen eigenständig.

Realistischer als reißerische TV-Serien

Diplom-Pädagogin Inge Roy von der JVA Siegburg trifft sich jede Woche mit fünf Inhaftierten zur Redaktions-Besprechung. „Am Anfang war es nicht immer einfach, oft mussten wir die Jungs bremsen. Aber jetzt halten sich alle an die Regeln." Die Kriterien dafür, wer bei Podknast mitmachen darf, sind simpel: Interesse an Technik und redaktioneller Arbeit, Zuverlässigkeit - und eine nicht zu kurze Strafzeit. „Wenn die Gefangenen nach drei Monaten schon wieder raus dürfen, hat es keinen Sinn. Wir wollen langfristig planen können“, sagt Pädagogin Inge Roy.

Die technische Unterstützung übernimmt ein Aufseher der Vollzugsanstalt. „Uns war es wichtig, dass jemand von der Anstalt die Technik übernimmt. So haben die Jugendlichen einen ganz anderen Zugang zu ihren Aufsehern, das erhöht die Akzeptanz.“ Für Inge Roy ist Podknast ein voller pädagogischer Erfolg.

„Viele verwirklichen zum ersten Mal in ihrem Leben ein konstruktives, gemeinsames Projekt“, erzählt Mit-Initiator Klein, der weiß, dass viele Kriminelle meist Einzelgänger sind. Ihm ist es wichtig, den Gefängnisalltag anders darzustellen, als in anderen Medien. Was in Fernseh-Serien wie „Hinter Gittern – der Frauenknast“ oder „Prison Break“ dargestellt wird, habe mit der Realität nichts zu tun. Authentischer als die reißerischen Prime-Time-Thriller soll Podknast schon deshalb sein, weil es die Inhaftierten selbst sind, die sich darstellen.

Zwischen Realismus und Verherrlichung der Subkultur

Im Kurzfilm „Inside pur“ werden drei Szenen gezeigt, die im Strafvollzug nicht erlaubt sind, aber wohl die Knast-Kultur widerspiegeln: ein Insasse kauft sich Zigaretten, obwohl Geld in der JVA verboten ist, einer baut sich illegal ein Handyladegerät, ein Dritter liefert eine Art Gebrauchsanweisung für ein Knast-Tattoo. Die wenigen Kommentare unter dem Video schwanken zwischen Begeisterung („So tiefgründig!“) und Entrüstung („Unerhört!“).  Die Gefahr scheint groß, dass die vermeintlich authentischen Darstellungen den Gefängnisalltag zum Kult erklären. Projekt-Leiter Klein ist sich dessen bewusst: „Bevor die einzelnen Beiträge veröffentlicht werden, kontrolliert der jeweilige Anstaltsleiter den Inhalt. Er entscheidet, was gezeigt werden kann – und was nicht.“

Finanziert wird das Ganze vom Justizministerium Nordrhein-Westfalen und der Landesanstalt für Medien (LfM). Letztere fördert das Projekt, „da es eine Zielgruppe anspricht, die sonst von medienpädagogischen Maßnahmen kaum erreicht wird“, heißt es auf der Webseite. Die Initiatoren rühren daher kräftig die Werbetrommel für ihr expandierendes Projekt: Auf Tagen der offenen Tür und Messen informieren sie über Podknast. Auch Lehrer nutzen das Angebot, zeigen die Filme in den Unterrichtsstunden und diskutieren mit ihren Schülern darüber.

Kein Podknast in Baden-Württemberg

Joachim Klein hat sich mit seinem Projekt an alle Justizministerien der Bundesrepublik gewandt, irgendwann soll bundesweit gepodknastet werden. Im Justizministerium in Baden-Württemberg hält sich die Begeisterung über Podknast in Grenzen: „Ohne eine gewisse personelle Ausstattung ist so ein Projekt nicht möglich“, erklärt Martina Schäfer, Pressesprecherin des Justizministeriums Baden-Württemberg. Momentan fehle zusätzliches Personal für eine solche Aufgabe. „Hinzu kommt, dass von Seiten des Justizministeriums große Vorsicht herrscht, was die Persönlichkeitsrechte von Gefangenen angeht.“ In Baden-Württemberg wird es so schnell wohl keine Einblicke hinter die Gitter geben.

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