Pocher: Unterhaltung oder Unterschicht?

Philipp Aubreville & Felix Lüttge

Als Oliver Pocher gestern Abend beim ZMF auftrat, sollte es um das "Leben eines B-Promis" gehen. Dass es um alles, nur nicht um ebendieses Leben ging, mussten Philip und Felix feststellen. Ein Gespräch zur Frage: Unterhaltung oder Unterschicht?



Philip: "Gestern Abend also Oliver Pocher. Kaum war er zehn Minuten auf der Bühne, suchte er den Publikumskontakt und gerät – an mich. Die Chancenlosigkeit war mir zwar von Anfang an klar, aber irgendwie versuchte ich mich aus der Nummer rauszuwinden. Da ließ man sich auch schon mal zu Phrasen à la 'Generation Praktikum' hinreißen. Und auch eine Frage mit 'Allrightz' statt mit einem anständigen deutschen 'Jawohl!' zu beantworten, war vielleicht nicht gerade die beste Idee. Ab da hatte Oliver was er wollte und sprach die nächsten 30 Sekunden nur auf Englisch. Das Publikum johlte."


Felix: "So schlecht hast du dich gar nicht geschlagen, finde ich. Du warst Zielscheibe seines Spotts und da kommt man bei einem wie Pocher nur schwer raus. Nicht aber, weil er so wahnsinnig gut ist, sondern weil Anstand nichts gilt in seiner Show."


Oliver Pocher und Philip - Foto von Wolfgang Grabherr (BZ)

Philip:
"Ich selbst fand es sogar relativ lustig; Außerdem war das natürlich schöne Promotion für fudder. Ich wäre nur gerne etwas schlagfertiger gewesen, so wie Wolfgang, der BZ-Fotograf, den er  auch drangekriegt hat. Unanständig fand ich das nicht. Nur als er anfing, auf Kosten von 14-jährigen Mädels zu scherzen, hab ich mich gefragt, ob er das wirklich nötig hat."

Felix: "Offensichtlich hat er das. Denn woraus bestand der erste Teil seiner Show, wenn nicht aus Publikumsverarsche? Eine knappe Stunde Programm hat er mit Scherzen mit dem Publikum und Playback-Tänzen gefüllt. So hat Pocher nur knapp eineinhalb Stunden Kalauer klopfen müssen und trotzdem über zwei Stunden Programm gehabt."

Philip: "Ich fand den Anfang noch am besten, da am aktuellsten. Er hat ja auch ein bisschen Spontaneität bewiesen, zum Beispiel mit diesem Paar, das seit 3 Jahren zusammen ist. Die haben sich in einer Band kennen gelernt und das hat er dann zum Running-Gag ausgebaut. Bei den meisten anderen Einlagen fehlte mir aber der Gegenwartsbezug. Die Show hätte zum Teil auch 2003 genauso aussehen können."



Felix: "In der Tat. Pochers Witze drehten sich um den Tod von Papst Johannes Paul II. Wann ist der noch mal gestorben?"

Philip: "Im April 2005."

Felix: "Eben drum. Und es war ja nicht nur der Papst, über den er hergezogen, ist. Da war ja auch noch der 11. September, der ja nun auch schon eine Weile zurückliegt, die WM 2006, der erste DSDS-Gewinner, Alexander Klaws und sogar aus der DDR hat er Profit geschlagen. Bürgern aus den neuen Bundesländern hat er einen Wechsel von Ostmark in Euro angeboten. Die Mauer ist nun auch schon vor 18 Jahren gefallen."

Philip: "Das könnte man jetzt natürlich als zeitlosen Humor bezeichnen (lacht). Nee, du hast schon Recht – ich hab noch auf einen Bananen-Witz gewartet. "

Felix: "Aktuell war Pocher also nicht. Innovativ auch nicht. Nicht nur eine Pointe seiner Gags war mir aus Blondinenwitzen bekannt und so manchen seiner Sprüche hat der Klassenclown in der 11.Klasse schon gebracht. Und zwar ohne großer Pocher-Fan zu sein."

Philip: "Ja, vielleicht hat man auch einfach zu viel Anspruch erwartet. Immerhin tritt Pocher jetzt mit Harald Schmidt auf. Von dessen Niveau hatte er zumindest gestern aber nichts. Muss man wirklich diese alten Stammtisch-Stereotypen rauskramen? Einen Afrikaner kann man, laut Pocher, schon mal mit Scheiße verwechseln. Und als er einem imaginären Asylbewerber einen 'guten Flug' wünscht, denke ich: Das kannte man doch zuletzt von NPD-Wahlplakaten. Ich hasse eigentlich dieses P.C.-Gehabe und das Schwingen mit der Rassismus-Keule – aber solche Sprüche sind einfach nur dumm. Er selbst spielt mit Sachen, die sein zu großen Teilen 14-jähriges Publikum nicht reflektieren kann. Auf dieses Publikum war ich allerdings relativ stolz, als der Applaus für seine Plattitüden weit unter den sonstigen Ovationen lag."

Felix: " 'It’s my Life – aus dem Leben eines B-Promis' heißt sein Programm. Es würde, das läge der Titel schließlich nahe, viel um Pocher selbst gehen. Mit ihm hatte sein Programm aber sehr wenig zu tun. Popstars, TV-Moderatoren, religiöse Gruppen, Ausländer und Schwule waren Opfer seiner voraussehbaren Witze. Pocher nennt sich selbst einen B-Promi, gesteht sich also Zweitklassigkeit ein. Unterste Schublade wäre angebrachter."

Philip: "Generell hat Pocher ja auch schon gute Seiten. Von denen hat man gestern nur wenig gesehen. Tolle Beobachtungsgabe, ja. Aber jeder Abischerz-Moderator kann einen Neun-Live-Quizmaster ebenso gut imitieren. Er hätte sich vielleicht etwas größere Aufgaben suchen können. Das er so was prinzipiell bewältigen kann, zeigte er zum Beispiel, als er Klinsmann aufs Korn genommen hat. Da musste ich lachen."



Felix:
"Vielleicht sollte man ihm mal sagen, dass Badisch und Kölsch nicht der gleiche Dialekt sind. Und wenn man schon dabei ist, klärt man ihn am besten gleich über den Unterschied zwischen Badenern und Schwaben auf."

Philip: "Mittlerweile wäre er ja mit badisch auf der richtigen Seite, jetzt wo Jogi Löw Bundestrainer ist. Aber offensichtlich war selbst der neuste Teil des Programms ein Jahr alt. Seinen Musterungswitz bringt er auch schon seit 2005. Die Selbstironie („Mein erstes Petting hatte ich mit 17. Das war meine Musterung“), die da mal aufblitzte, hätte ich mir flächendeckender gewünscht."

Felix:
" 'Das war eine Scheißnummer", hat er nach einem Playback-Medley verschiedener DSDS-Songs zugegeben. Wie Recht er hatte. Als erste Zugabe stellt sich Pocher mit einem Artikel der Süddeutschen Zeitung auf die Bühne, in dem er sehr schlecht wegkommt, und liest ihn vor. Kleinkarierte Kommentare zum Artikel sollen lustig sein. So geht Pocher also mit Pressekritik um. Dazu passt auch seine Aufforderung an alle, denen es nicht gefallen haben sollte: 'Halt die Fresse!' Er wisse, wo wir wohnen und so weiter, und so fort. Laaangweilig! 'Der Unterschied zu seinem Fernsehprogramm ist, dass man ihn nicht abschalten kann',  zitiert er SZ. Eine Fernbedienung hätte ich mir so manches Mal gewünscht."

Philip: "Ja, das nennt man wohl Pubertäts-Populismus. Zumindest die Bill Kaulitz-Fan-Fraktion lässt sich mit so was beeindrucken. Wobei das Vorlesen schon die beste Art ist, wie man auf negative Kritik reagieren kann. Die Konfrontation suchen."




Felix:
"Vielleicht werden wir dann nächste Woche auch von ihm zitiert. Kannst du ein Fazit ziehen aus dem Abend?"

Philip: "Zitiert hat er mich ja gestern schon (lacht). Also ich muss sagen, ich hätte mehr erwartet. Der Anfang war ganz in Ordnung, dann sank das Niveau der Witze proportional zu ihrem steigenden Alter.  Nach der Pause wurde es dann richtig primitiv. Ich hoffe, dass er sein Niveau für seinen künftigen Arbeitgeber, die elegant übergangene GEZ-finazierte ARD, etwas anhebt. Wie würdest du schließen?"

Felix:
"Pocher glänzte durch primitive Taktlosigkeit und einer nervtötenden Penetranz dem Publikum gegenüber. Nichts war neu, nichts war erhellend, nichts war nötig. Im Grunde beschreibt sich Pocher mit seinem Film selbst am besten: Der Vollidiot. Peinlich, Pocher!"

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Oliver Pocher: Website