Plötzlich Vater - wenn die Neue schon ein Kind hat

Bianca Fritz

"Weißt du Oma Edith, die Mama ist jetzt nicht mehr allein. Da kommt jetzt als der Jan zu uns. Und der hat ’nen tollen Campingbus!" Für den dreieinhalb-jährigen Luca war die große Veränderung völlig unkompliziert. Für den neuen Freund sah das schon anders aus. Eine Frau mit Kind – das war für den damals 28-Jährigen eigentlich undenkbar. Aber dann kam Brit – eine von vielen jungen Alleinerziehenden in Deutschland.



Bevor Jan sich setzen kann, räumt er mit einer beiläufigen Handbewegung  Pixieheftchen vom Sofa auf  den Tisch. In einer dunklen Lücke zwischen  Sofa und Heizung blitzen zwei Augen erwartungsvoll hervor. Dann duckt sich der kleine Mensch schnell wieder in sein Versteck. Jan schnappt erschrocken nach Luft. Ein wenig zu laut um authentisch zu sein. „Siehste Luca, jetzt hat er dich doch entdeckt“, kommentiert Brit das Spiel. Ganz offensichtlich wird es hier nicht zum ersten Mal gespielt.


Man(n) sieht ja der Frau ihr Kind nicht an

Ein ganz normaler Dienstagabend in einer ganz normalen Familie. Nur, dass Jan eben erst seit kurzem ein Mitglied dieser Familie ist. Mit der Zeugung des heute fünfjährigen Luca hatte der Freiburger nichts zu tun. Denn die 25-jährige Mutter kennt Jan erst  seit zweieinhalb Jahren.

Als er sie damals auf dem Weinfest in St. Georgen traf, lebte Brit schon vom Vater des Kindes getrennt. Natürlich konnte  Jan ihr nicht ansehen, dass sie  Mutter ist. Also stellte Brit sich die Frage, die ganz besonders für junge alleinerziehende Mütter, schwer zu beantworten ist:  Wann muss ich ihm sagen, dass ich ein Kind habe? „Ich hatte schon oft erlebt, dass ein Kerl  Interesse hatte, und sobald ich das Wort ’Kind’ in den Mund nahm, war es vorbei“, sagt sie.

87000 Mütter unter 25 waren laut dem Statistischen Bundesamt im Jahre 2007 in Deutschland alleinerziehend. Zwischen 25 und 35 sind es sogar  352000.  Die  Wahrscheinlichkeit, dass der männliche deutsche Single also eine junge Alleinerziehende kennen lernt, ist  gar nicht so gering. Trotzdem machen sich gerade junge Männer nur selten Gedanken darüber, dass sie weniger als neun Monate Zeit haben könnten, sich an eine Vaterrolle zu gewöhnen. „Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, ein Kind zu haben“, sagt Jan. Andere machen sich Gedanken und schrecken davor zurück. Wegen ihrer schlechten Erfahrungen,  entschied Brit sich vorerst zu schweigen.



Die ersten Treffen fanden in der Stadt und in seiner Wohnung statt. Doch   wenig später stand der frisch verliebte Jan erstmals bei ihr vor der Tür. Er wollte Brit überraschen, doch  dann war Jan es, der überrascht am Hauseingang stehen blieb. „Brit und Luca“ stand da auf der Klingel. „Ich dachte, sie sei verheiratet!“

Bei der Wohnungsführung klärte Brit das Missverständnis auf: „Und hier schläft mein Schatz. Mein kleiner Schatz“, sagte sie in möglichst  beiläufigem Tonfall. „Seinen schockierten Blick fand ich voll herzig“, gibt sie heute zu.  Natürlich war es mit der Beiläufigkeit nicht getan. Jan wollte alle Details wissen. Und auch wenn man es ihm nicht ansah, kämpfte er innerlich mit sich. Ein Kind? Erst am vorangegangenen Wochenende hatte er zu viel getrunken, stundenlang die Tanzfläche gerockt, und sich strickt geweigert, um drei Uhr  mit den anderen nach Hause zu gehen. Wie eigentlich jedes Wochenende. Und jetzt sollte er plötzlich Verantwortung übernehmen?

Verglichen mit Jan, hatte Herbert einen enormen Wissensvorsprung. Dass seine Arbeitskollegin Silke  einen siebenjährigen Sohn hatte, war ihm  lange vor dem ersten Kuss klar. Außerdem war er sich mit  35 ohnehin sicher, dass er bald Kinder wollte. Souverän witzelte er gegenüber Freunden über seine neue Lebenssituation: „Ehe man sich versieht, sind die groß.“ Beim ersten Minigolf spielen mit dem kleinen Johannes war er  aber doch nervös. „Die Frau fand ich toll – aber ich musste dann ja noch jemandem gefallen.“

Auch Jan hat sich schließlich für das Abenteuer Familie entschieden. „Ich habe an meine Kindheit zurückgedacht. Ich bin ja selbst bei meinem Stiefvater großgeworden. Wenn er es geschafft hat – warum sollte ich den Schwanz einziehen?“ Heute wohnt Jan mit Brit und Luca zusammen, er holt den Fünfjährigen drei mal die Woche von der Tagesmutter ab. Manchmal schimpft er bei einer  Cola mit Freunden darüber, dass eine Familie ohne Trauschein keine Steuervorteile genießt. Jan geht selten aus, Alkohol verträgt er kaum noch. Aber Wehmut empfindet er nicht, wenn er an seine wilde Zeit denkt. „Es war toll, aber ich würde nicht mehr tauschen wollen. “



Wasserrutsche statt langer Diskonächte

Für Luca ist Jan der Kumpel, nicht der Papa. Trotzdem hört er  auf ihn. „Ich hab am Anfang erstmal zu allem nein gesagt, weil ich gar nicht abschätzen konnte, was ein Kind in seinem Alter darf und was nicht“, erinnert sich Jan. Das hat er erst durch Beobachtung lernen müssen. In Sachen Erziehung überlässt er Brit bereitwillig das letzte Wort. Dafür darf er sich auch mal  ums Spielen drücken. „Wenn ich die Wahl habe, dann koch ich lieber – Lucas Spiele sind  doch meistens nicht so anspruchsvoll oder spaßig“, sagt er ehrlich.

Herbert hingegen war von Anfang an ein großer Spieler. „Wann konnte ich das letzte Mal auf eine Wasserrutsche, ohne dass jemand schräg guckt?“ Die Vaterrolle gefiel ihm so gut, dass er am liebsten ignoriert hätte,  dass es mit der Mutter nicht gut lief. Sechs Monate versuchten beide eine  Basis zu finden, auf der sie einander lieben und vertrauen konnten. Keine leichte Zeit. „Es fällt noch schwerer zu gehen, wenn man weiß, dass man gleich zwei Menschen verletzen wird.“ Schlussendlich blieb ihm aber   nichts  anderes  übrig. Und so gerne er  heut noch etwas mit Johannes unternehmen würde, Herbert hat sich entschieden,  aus dessen Leben fernzubleiben. „Der leibliche Vater lebt ja noch. Und  ich weiß nicht, wie viele Vaterfiguren einem Kind gut tun.“

Überhaupt der leibliche Vater.  Hat sich der Neue erst einmal  für ein völlig neues Leben mit zwei Menschen entschieden, muss er in den meisten Fällen feststellen, dass es noch einen Dritten gibt. „Dass der Exfreund immer präsent war, hat die Beziehung nicht leichter gemacht“, sagt Herbert. Es gab immer wieder Streitereien, weil der Vater gerne mehr Zeit mit dem Kleinen verbracht hätte. „Und gerade am Anfang einer Beziehung sind doch die Exbeziehungen ein Thema, dass man eigentlich meiden möchte.“ Jan hat es diesbezüglich leichter. Die Fronten sind klar geklärt, Grund für Eifersüchteleien gibt es nicht. Der Exfreund taucht nur hin und wieder mit einer Tafel Schokolade auf, überweist monatlichen Unterhalt, und hält sich ansonsten lieber raus aus dem Leben seines Sohnes. Dafür besteht ein enges Verhältnis zu den Eltern des Ex: Luca unternimmt gerne und viel mit Oma und Opa.  Heiligabend will die große Patchworkfamilie dieses Jahr erstmals gemeinsam feiern.