Playboy Bar 1968: Eine Lady erinnert sich

David Weigend

Man nannte sie Lady oder auch "das Faktotum der Playboybar". Vier Jahre lang, etwa von 1968 bis 1972, arbeitete sie im Nachtlokal in der Moltkestraße. Wie sie wirklich heißt, tut nichts zur Sache. Wir haben die 62-Jährige zum Interview besucht. Es gab Kirschkäsekuchen, Kaffee und Interessantes über Roberto Blanco, Nerzbikinis und Gina, die Wildkatze. Ein Stück Zeitgeschichte aus dem Freiburger Nachtleben.



Lady

Mein Freund war Türsteher im Pferdestall. Das war Mitte der 1960er Jahre die In-Disco von Freiburg. Durch Schorsch kam ich an den Job in der Playboybar. Dort suchten sie jemanden fürs Buffet: Getränkeausgabe, ich sollte auch Filetsteak und Kaviar anrichten. Meine Stiefeltern wussten natürlich nicht, wo ich schaffe. Zum Schluss schon, auch, wenn sie die genauen Abläufe nicht kannten.

Manche nannten mich „das Faktotum“, mein anderer Spitzname war „Lady“. Es gab damals diese Black Lady Zigaretten, das war meine Marke. Lange, dunkle Glimmstengel mit Goldfilter.

Es kamen immer mehr Gäste, die von mir schwärmten. Die haben dann gleich bei mir am Buffet den Sekt getrunken. Das registrierte die Chefin. So wurde ich Bardame, mit 23. Ziel war es, die Männer zum Kellerbesuch zu animieren.

Außerdem war ich zuständig für die Sicherheitsklingel. Wenn unten einer zudringlich wurde oder irgendwas nicht stimmte, hat eine Kollegin geklingelt. Oft war das auch der Fall, wenn einer drei, vier Flaschen Sekt ausgab. Die kannst du ja nicht allein mit dem Gast trinken. Also bin ich runter und habe gefragt, ob ich Gesellschaft leisten dürfe.



Gina Wildkatze

Gina Arnold, ursprünglich aus dem Frankfurter Raum, war die Chefin der Bar. 1974 war sie unter dem Namen Gina Wildkatze auch Hauptdarstellerin in einem Film, in dem es um die Bar ging. Passenderweise wohnte die Wildkatze im wahren Leben in Wildtal. In ihrem sexy Outfit ging sie dort einkaufen. Da haben die Leute ganz schön gegafft. Wie alt sie ist, hat sie nie erzählt. Ihr Lebensgefährte hieß Grünwald.

Gina war ein guter Mensch, nur geschäftlich knallhart. Wenn sie Geburtstag hatte, war die Freiburger Prominenz zu Gast. Sie war sogar mit dem Kripochef befreundet. Gina erschien bei uns immer gegen Mitternacht, da kam sie reingeschwebt mit ihrem langen, weißen Nerzmantel. Sie blieb bis zur Abrechnung.

Drogen gab es bei uns nicht, auch keinen Joint. Darauf hat die Gina geachtet. Sie sorgte auch für eine gute Mischung der Mädchen. Blond, braun, rot, dünn, kräftiger, Mulattin, Deutsche, alles. Da war für jeden Geschmack etwas dabei. Der Laden lief gut und Gina war uns Mädchen gegenüber großzügig mit Geburtstagsgeschenken: Schmuck, Gläser, Kerzenleuchter, einen Jugendstil-Spiegel habe ich auch mal von ihr bekommen.

Zu Ginas Begräbnis konnte ich nicht, aus gesundheitlichen Gründen. Das hat mir schon gestunken. Ihr Mann, der inzwischen auch gestorben ist, hat die Geschäftsführung dann übernommen. Davor hatte er mich noch angerufen und mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, den Laden zu schmeißen. Aber ich habe mich nicht getraut. Ich hätte sogar die Wohnung bekommen in Wildtal.



Prominenz

Prominente, die in Freiburg zu Gast waren, pflegte Gina in die Playboybar einzuladen. Die Jacob Sisters, alle vier, waren da und Karel Gott. Der hat der Gina immer einen großen Strauß Baccararosen mitgebracht. Netter Kerl. Was man von Roberto Blanco nicht gerade behaupten kann. Die meisten von uns empfanden ihn als Nervensäge. Ich will das gar nicht erzählen, was der sich alles geleistet hat. Er meinte, es drehe sich alles nur um ihn. Hat sich wahnsinnig produziert, der Mann.

Der Dieter Thomas Heck war auch da, eher so von oben herab. Den kann ich heute noch nicht leiden. Anders dagegen war Rudi Carrell, nämlich echt lustig. Mit dem Carrell haben wir eine Menge Quatsch gemacht, unten, in der Sektbar beim Schwimmbad.



Flirten ja, Sex nein

Für uns 15 Mädchen hatte Gina echte, weiße Nerzbikinis nähen lassen. Und unechte vom Ozelot. Unser Ziel war es, mit den Männern ins Gespräch zu kommen und zu fragen, ob sie nicht Lust haben, eine Runde schwimmen zu gehen oder mit uns was zu trinken. Sex war nicht erlaubt. Wir wohnten zwar zu dritt oben im Haus, aber Männer durften wir nicht mit hochnehmen, sonst wären wir rausgeflogen. Da war Gina streng.

Außerdem hatte ich ja einen festen Freund. Rumgeflirtet hat man natürlich schon. Es ging darum, den Männern eine Traumwelt vorzuspielen. Eine Traumwelt mit Grenzen: „Wenn du mehr willst, musst du schon in die Arenabar gehen, tut mir leid.“



Tagsüber schlief ich. So ein Nachtjob ist anstrengend. Manchmal passiert stundenlang gar nichts, und dann musst du um 1 Uhr total präsent sein, wenn sie plötzlich kommen. Die Flasche Schaumwein, Blanquette de Limoux, gab's für 150 Mark oder 200 Mark. Das war so ein süßer, aber gut. Der war bekömmlich, du musstest ja viel davon trinken.

Du konntest nicht einfach reinkommen und ein Wasser bestellen. Du musstest schon ein Gedeck nehmen, Bier und Cognac etwa. Stammkundschaft bekam vielleicht mal nen Mokka. Nach Feierabend fuhren wir meist noch gemeinsam irgendwohin. Frühstück an der Autobahnraststätte Freiburg-Nord. Da kannten wir eine Abkürzung durch den Wald, war natürlich verboten.

Party mit Doppelplattenspieler

Freitag war Pärchentag. Da war ich für die Musik verantwortlich. Gina gab mir Geld und einmal im Monat ging ich zum Lauber. In diesem Musikgeschäft hörte ich mir stundenlang Platten an und suchte die besten fürs Playboy aus. Die habe ich heute noch. „Butterfly“, „Es geht eine Träne auf Reisen“, Klassiker. Aufgelegt habe ich oben, hinter der Theke. Da war Party, es war knackevoll. Auch den Frauen hat das gefallen.



Männer

Während meiner Zeit in der Playboybar habe ich sie gut kennengelernt, die Männer. Man kann schon schönes Theater kriegen, wenn sich einer in dich verguckt und du ihm klarmachen musst, dass es keinen Sinn hat. Es gab Eifersuchtsszenen. So mancher wollte mit mir durchbrennen und hat mir was vom Pferd erzählt, von wegen, er hat eine Villa, einen teuren Sportwagen und so.

Ich hatte mal einen Freund von der Sicherungsgruppe Bonn. Das war zur Baader-Meinhof-Zeit. Ich hatte ihn in der Bar kennengelernt und wunderte mich, warum er immer seinen Mantel anließ, einen Trenchcoat, wie der von Humphrey Bogart. Einmal öffnete er den Mantel. Der Halfter mit der Pistole kam zum Vorschein. Er sagte: „Ich musste erstmal testen, ob ich dir vertrauen kann.“ Man erlebt schon einiges. Aber man durfte sich nichts anmerken lassen.



Eifersucht meines damaligen Lebensgefährten Schorsch? Na ja, der hat ja selbst im Nachtleben geschafft. Klar habe ich geflirtet, das war nun mal mein Job. Das war manchmal schon grenzwertig, es gibt ja auch viele gutaussehende Männer. Was die Damen im Playboy nach Feierabend abmachten, ging niemanden was an. Aber Gina durfte es nicht mitbekommen.

Ambiente

Im Keller gab es ein toll eingerichtetes Schwimmbad, das Becken war vielleicht 30 Quadratmeter groß. Ledermöbel, rote Vorhänge, Nischen, die Sektbar. Wir hatten auf von 21 Uhr bis um 4 Uhr, später auch bis um 5 Uhr. Oben stand eine normale Bar mit Tischen ringsrum. Da saßen die Mädels an den Barhockern. Später wurde ausgebaut. Im zweiten Stock entstand ein Fernseh- und Aufenthaltsraum. Alles etwas verschnörkelt, wie das eben so ist in solchen Lokalen. Vor der Toilette war der Schminkraum.



Das prüde Freiburg

In den 1970er Jahren beurteilte es die Zeitung als Skandal, als wir im Playboy oben ohne auftraten. Das gab einen Aufschrei! Da hast du gemeint, die Welt geht unter. Heute lacht man über so was. Manchmal malte ich uns obenrum auch an. Glimmer und Glitzer. Und der Gilla habe ich jeden Tag mit dem Lockenstab die Haare gemacht und sie geschminkt. Die arbeitet da heute noch und wahrscheinlich schläft sie immer noch so lange. Ich habe nie so lang gepennt. Durch die Stadt bin ich stolziert. Mit schwarzen Haaren, auch mal mit blonden oder roten.

Das freizügige Freiburg

Es gab schöne Nachtlokale in der Stadt: Den Scotchman, oder das Traber, ein Stripteaseschuppen mit Sex. Außerdem die Regina-Bar. Im April war da immer Showtanz mit Thailänderinnen drin. Und unten drin der Würschtlepuff. Das war ein interessanter Treff fürs Freiburger Nachtleben. Und die beste Grill-Wurst der Stadt gabs dort. Egal, wo ich später geschafft habe, ich bin immer in diese Nacht-Lokale reingekommen, ohne angepöbelt zu werden.



Austeilen und Einstecken

Es hat mir Spaß gemacht, in der Bar aufzupassen, Verantwortung zu übernehmen. Ich hatte immer alles im Blick. Der Job war auch nicht ohne. Du hattest auch mal ausfallende Gäste, die Theater machten. Wir mussten zum Beispiel mal früher schließen, weil der Grünwald angerufen hat. Der sagte: „Die Zigeuner von Freiburg gehen in die Lokale und machen Selbstbedienung.“ Einmal musste ich auch einer Kollegin ne Backpfeife verpassen, die kam schon stockbesoffen ins Geschäft. Die hatte auch was genommen.

Manchmal ist so ein italienischer Zigeuner zu uns gekommen. Der hat mich immer Hatle genannt, das heißt übersetzt Has. „Dich erwisch ich noch“ hat er als gesagt. Den kriegte keine aus dem Lokal raus. Aber ich schaffte es irgendwie. Ich habe halt auch eine brutale Ader. Das Schaustellergewerbe, in dem ich später war, ist ja auch knallhart. Mich greift niemand an.

Ich habe die Männer um den Finger wickeln können, aber ich habe auch manche Sachen büßen müssen. Ich bin gewürgt worden aus Eifersucht. Auch eine Morddrohung bekam ich.



Abschied

Als ich Gina sagte, dass ich gehe, hat sie mich in den Keller geholt und Rotz und Wasser geheult. Das werde ich nie vergessen. Ich war so was wie die gute Seele vom Playboy. Ich bin dann mit einem Mann in die Fremde gegangen, der war Schausteller mit einem großen Festzelt. In diesem Gewerbe verdiente ich von da an mein Geld. Ich war fürs Personal zuständig und schaffte an der Theke, während nebendran die Showband spielte.

Wir tingelten über die Messen, Mannheim, Heidelberg, später Norddeutschland. Ich war seitdem nicht mehr drin im Playboy. Oft will ich meine Freundin mit reinnehmen, um zu schauen, wie es da drin heute so aussieht. „Da frisst dich niemand“, sag ich dann zu ihr. Aber sie kneift und ich bin auch nicht mehr so gut zu Fuß.

Elfen und Engel

Die sammle ich. Jeder hat einen Schutzengel. Ich habe einen guten. Das hat mit Esoterik nichts zu tun. Ich glaube einfach an Phänomene, die man sich nicht erklären kann. Man sagt ja, Libellen sind Elfen. Ich war schon immer fürs Mystische. Passt eigentlich gar nicht, das eine zum anderen, oder? Na ja, das eine ist sinnlich, das andere übersinnlich.

(Fotos: 1, 2, 5, 6 und 7 von Lady; 2 , 3 cc dpa)