Platzmangel im KG IV: Invasion der Mediziner

Miriam Jaeneke

Sie kommen ins KG IV. Sie wollen lernen, und sie sind zahlreich: "Auswärtige", darunter viele Medizinstudenten und Naturwissenschaftler, nehmen den Anglisten und Historikern die Plätze in der Bibliothek weg - und sorgen damit für Unmut.

"Die Mediziner surfen uns das W-Lan weg!" "Mediziner - Volk ohne Raum" - Diese Plakate hängen derzeit in den Fluren des Kollegiengebäude IV (KG IV). Der Konflikt spitzt sich eher zu, als dass die Lage sich entspannt. Nachmittags ist die Verbundbibliothek von Historikern, Politologen, Anglisten und Soziologen besonders voll. "Etwa ab drei", sagt Philipp Weimar (20), der Politik im Hauptfach studiert. "Ich habe auch schon keinen Platz mehr bekommen." Ein Soziologiestudent ist aus diesem Grund inzwischen in die Bibliothek des Biologischen Instituts umgezogen: "Das KG IV ist für den Ansturm nicht gemacht."


Regina Bickmann, Bibliotheksleiterin, kennt das Problem: "Wir bekommen viele Beschwerden deswegen. Wir merken, dass Plätze fehlen, aber ich kann mir keine aus den Rippen schneiden."
Mit Hilfe der Studiengebühren seien die Öffnungszeiten des KG IV am Wochenende auf 9 bis 20 Uhr am Samstag und 10 bis 20 Uhr sonntags ausgeweitet worden. Bickmann hofft, dass das auch im nächsten Semester so bleibt.

„Das Problem ist uns bekannt. Wir bemühen uns im Dialog mit dem Asta um Abhilfe", sagt Rudolf Dreier, Pressesprecher der Uni, und verweist ebenfalls auf die bereits erweiterten Öffnungszeiten. Zum Pech der Studierenden hat ausgerechnet diese Maßnahme die Wochenendausleihe aus der Verbundbibliothek, die eine Präsenzbibliothek ist, unmöglich gemacht.

"Es sind zu viele Studierende und zu wenig Plätze, weil die Stadthalle sehr viel weniger Plätze bietet als die alte UB. Daher haben wir viele Studierende hier", sagt Bickmann. Eine Zutrittsbeschränkung sieht die Bibliotheksordung nicht vor. "Wir wollen keine Kontrollen durchführen, wer was studiert, das können wir auch gar nicht", so Bickmann.

Viele Studierende, die zum Lernen und Arbeiten ins KG IV kommen, schätzen dessen Vorteile:
"Das KG IV ist einfach brutal zentral und nah an der Mensa," sagt beispielsweise Christoph Ries (25), der mit seinem Studienfach Umweltnaturwissenschaft auch ein 'Artfremder' ist. "Die UB 1 ist zu groß und nicht so gemütlich. Außerdem ist es ein Stück zu fahren, und wenn man in der Innenstadt Vorlesung oder Seminar hat, ist das unpraktisch", sagt Anna Koch (21), Ethnologiestudentin.



Eine Medizinstudentin, die anonym bleiben möchte, sieht das Ganze so: "Unsere Institutsbilbiothek ist die hässlichste und eine der kleinsten Bibliotheken für die größte Studierendenschaft. Einige meiner Kommilitonen sind hier schon angesprochen worden, und in der Chemiebibliothek wird man auch rausgeschmissen. Sollen die, die einen Platz haben wollen, doch wie wir früh aufstehen! Was beschweren sie sich, wenn sie erst um elf aufstehen und dann hier keinen Platz mehr finden?" In der Chemiebibliothek weist derweil ein Schild Lernwillige darauf hin, dass zu Prüfungszeiten Chemiestudenten Vorrang bei der Platzwahl haben.

Verständnis für die Lage der Medizinstudenten hat Juston Goth (26), der gerade seinen Master in British and North-American Cultural Studies macht: "Logisch, dass sie dahin gehen, wo mehr Plätze sind. An ihrer Stelle würde ich es genauso machen."

Dahingegen kann Umweltnaturwissenschaftler Christoph Ries den Verdruss der Angestammten nachvollziehen: "Ich kann schon verstehen, dass die Studenten sich ärgern. Aber es ist vielleicht auch eine Frage der Organisation, die Uni sollte einfach mehr schöne Arbeitspätze einrichten", sagt er. Bibliotheksleiterin Bickmann sieht derweil keine Handlungsmöglichkeit: "Akut können wir an der Situation nichts ändern."

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[Fotos: Konstantin Görlich]