Plagiate an der Uni Freiburg: Wie Tatjana zur Betrügerin wurde

Martin Herceg

Am Ende jeder Hausarbeit müssen Studierende mit einer Unterschrift erklären, dass sie die Arbeit eigenhändig erstellt haben. Das tat auch die Germanistik-Studentin Tatjana Wernet (Name von der Redaktion geändert). Dabei hatte die 24-Jährige die Hausarbeit von einem Hausarbeiten-Portal im Internet kopiert. Tatjanas Plagiat wurde entdeckt.



Es war früh an einem Montagmorgen, als Tatjana Wernet (Name von der Redaktion geändert) zur Betrügerin wurde.  Die Nacht davor hatte die 24-Jährige Germanistik-Studentin vor dem Laptop am Schreibtisch verbracht – beim verzweifelten Versuch, eine überfällige Hausarbeit zu schreiben. Doch als die Sonne aufging, zeigte der Computerbildschirm das Deckblatt einer fremden Arbeit – nur das Namensfeld war noch leer. Tatjana tippte ihren Vor- und Nachnamen hinein – ein Fehler, den sie bereuen würde.


4,99 Euro für eine veraltete Arbeit zum falschen Thema

„Es war eine Kurzschlussreaktion“, sagt Tatjana heute. „Ich sah keine andere Möglichkeit mehr.“ Bei Google gab sie „Hausarbeit“ und die Lektüre ein, das erstbeste Suchergebnis war ihre Hausarbeit, die Wernet von einem Hausarbeiten-portal im Internet heruntergeladen hatte zum Preis von 4,99 Euro. In der ging es zwar nicht, wie vorher mit ihrer Dozentin besprochen, um die Rolle der Frau bei Theodor Storm, sondern um die Symbolik in seinen Novellen, doch das war Tatjana egal: „Ich fand, dass sei nah genug dran.“ Die Arbeit las sie nicht einmal komplett. Erst auf dem Weg zur Uni blätterte sie im Ausdruck – und entdeckte, dass die Arbeit  hoffnungslos veraltet war.

Abgegeben hat Tatjana die Arbeit trotzdem: „Hauptsache weg das Ding!“ In den  Wochen nach der Abgabe traute sich Tatjana  nicht, nach dem Ergebnis zu fragen. „Obwohl meine Dozentin dafür bekannt ist, dass sie die Hausarbeiten nur überfliegt, hatte ich  eine böse Vorahnung, dass ich auffliegen werde.“

Tatjana ist kein Einzelfall. Wie viele Studierende an der Uni Freiburg plagiieren, weiß zwar niemand, weil sie keine zentralen Daten erhebt. Fast jeder fünfte Student in Deutschland aber gibt innerhalb eines Semesters mindestens einmal bewusst eine Arbeit ab, die teilweise oder vollständig von anderen geschrieben wurde. Das geht aus einer vom Bundesbildungsministeriums in Auftrag ergebenen Studie der Uni Bielefeld vor.  6000 Studierende wurden dabei seit 2009 in  mehreren Erhebungswellen anonym befragt, dazu 1400 Dozenten. Entdeckt werden nur wenige: Die Studie zeigt, dass lediglich sechs  Prozent aller Plagiatoren erwischt werden.

Tatjana gehörte dazu. Drei Wochen nachdem sie ihr Plagiat abgegeben hatte, rief ihre  Dozentin an: „Frau Wernet, verarschen lasse ich mich nicht“,  sagte sie.  Vermutet ein Betreuer bei der Korrektur der Arbeit ein Plagiat, wird sie mit spezieller Software überprüft. So flog auch Tatjanas Plagiat auf. Entschuldigungsversuche blockte sie ab: „Sie werden zu gegebener Zeit  Nachricht vom Prüfungsamt erhalten.“

„Von langer Hand geplant war mein Täuschungsversuch nicht“, sagt Tatjana. Wie jeder Student und jede Studentin hatte sie sich verpflichtet, wissenschaftlich zu arbeiten und das  in Tutoraten gelernt. Im fünften Semester aber fühlte sich die 24-Jährige dann so sicher im Anfertigen von wissenschaftlichen Hausarbeiten, dass sie die Arbeit aufschob.

Irgendwann war die vorlesungsfreie Zeit rum. „Als der Tag der Abgabe kam, war ich mit den Nerven am Ende – die Arbeit war nicht mal zur Hälfte fertig.“ Nach einem weiteren Aufschub zu fragen, traute sich Tatjana nicht. „Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich es diesmal nicht geschafft hatte.“

„Irgendwann saß ich nur noch da und hab geheult“

Wenige Tage nach dem Telefonat mit der Dozentin erhielt Tatjana Post vom Prüfungsamt der  Gemeinsamen Kommission der Philologischen, Philosophischen und Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftlichen Fakultät: 5,0 – nicht bestanden. Im Anhang befand sich die Aufforderung, sich beim Leiter des Deutschen Seminars zu melden, um sich  für ihr Fehlverhalten zu rechtfertigen.

Während der Zeit zwischen Anruf und Vorladung ließ die Uni sie im Unklaren über die Folgen ihrer Täuschung. „Niemand konnte oder wollte mir Auskunft darüber geben, was auf mich zukommen und ob ich von der Uni fliegen würde.“ Als Tatjana später einen Termin beim Leiter des Deutschen Seminars bekam, ließ auch der sie schmoren. „Eine Stunde musste ich  vor seiner Türe warten – ich zitterte vor Angst. Es kam mir vor, als ob jeder, der an mir vorbei kam, genau wusste, weshalb ich hier war.“

Die einstündige Belehrung, die folgte, hatte sich gewaschen: „So hat mir davor noch nie jemand ins Gewissen geredet – irgendwann saß ich nur noch da und habe geheult.“ Aber Tatjana kam mit einer Verwarnung davon.  Dass sie ein Plagiat abgegeben hat, bereut sie heute sehr: „Im Nachhinein kommt es mir fast so vor, als ob ich erwischt werden wollte.“

Was ist ein Plagiat?

Ein Plagiat ist geistiger Diebstahl, weil Aussagen oder Ideen anderer Personen so präsentiert werden, als ob es die eigenen sind. Plagiarismus ist ein schwerwiegender Verstoß und stellt akademischen Missbrauch dar. Unwissenheit wird von der Uni nicht als Entschuldigung akzeptiert. Ein Plagiat liegt immer dann vor, wenn im Text der Arbeit die Quelle der Aussagen, Informationen und Zitate überhaupt nicht oder nicht korrekt angegeben ist, selbst dann, wenn sie in der Bibliographie enthalten ist. Wird eine Arbeit in ihrer Gesamtheit kopiert, handelt es sich um ein Vollplagiat.

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