Plagiate an der Uni: Alles nur geklaut?

Joana Jäschke

Und ewig lockt das Internet: Man stibitze einen fertigen Text, verquirle ihn mit einigen eigenen Sätzen, formatiere ihn neu – und fertig ist die Seminararbeit.



…oder der Artikel? Es wird wahrscheinlich niemandem aufgefallen sein, aber das gerade war ein astreines Plagiat. Textfetzen, geklaut von Spiegel Online, ohne den  Autor zu nennen (Das ist in diesem Fall Jochen Leffers - Entschuldigung an den Kollegen!).


Plagiate – der Diebstahl geistigen Eigentums – sind vor allem an Universitäten  ein Problem. Anstatt Fachbücher zu wälzen, schummeln sich einige Studenten mit den Tastenkombinationen Str + C und Str + V zum Diplom. Auch an der Freiburger Uni hat sich die Copy-und-Paste-Mentalität eingeschlichen.

„Plagiate an der Uni Freiburg nehmen brutal und entschieden zu“, sagt Klaus-Dieter Vogelbacher, Leiter der Zentralstelle für studentische Angelegenheiten. Wie groß der Anteil der Betrüger unter den Studenten ist, kann er jedoch nicht sagen. „Konkrete Zahlen für die ganze Uni gibt es nicht. Wir haben so viele Statistiken, das würde uns einfach überfordern.“ Den Schuldigen hat er schnell ausfindig gemacht: Das Internet.

Hier locken Seiten wie Hausarbeiten.de oder Diplomarbeiten24.de, auf denen man komplette Haus- oder Diplomarbeiten downloaden kann. Die Seite Fundus.org wirbt sogar mit dem Slogan „Warum das Rad zweimal erfinden?“ – eine Einladung an alle Abschreiber?

Hier gehen die Meinungen auseinander. Professor Gerhard Schneider (Bild unten), Direktor des Rechenzentrums der Uni Freiburg, denkt nicht, dass das Internet das Plagiatproblem verstärkt. „Es wurde immer schon abgeschrieben. Das Internet macht es den Studenten jetzt zwar leichter, aber wir Professoren kommen ihnen auch schneller auf die Schliche. Also herrscht Waffenstillstand!“, sagt Schneider, der auch am Institut für Informatik unterrichtet. Dort sind in den vergangenen sechs Jahren nur drei Studierende mit abgekupferten Seminar- oder Diplomarbeiten erwischt worden.



Auch in den geisteswissenschaftlichen Fächern, in denen traditionell mehr Seminararbeiten geschrieben werden, sind die Zahlen nicht extrem hoch.
Bei den Germanisten sind in den vergangenen zwei Monaten vier Plagiatsfälle aufgeflogen – bei 2500 Studierenden ein kleiner Anteil. „Wir haben Plagiate als Problem erkannt, aber sind weit davon entfernt, in Panik verfallen zu müssen“, sagt Harald Baßler, akademischer Geschäftsführer des deutschen Seminars. Die Dunkelziffer sei bestimmt höher, vielleicht würden mehr Studenten ertappt, wenn es mehr Lehrkräfte gäbe und das Betreuungsverhältnis sich verbesserte.

Das deutsche Seminar leistet sich jetzt von einem Teil der Studiengebühren zehn Korrekturhelfer. Sie untersuchen Seminar- und Abschlussarbeiten auf sprachliche und formale Eigenheiten, wie zum Beispiel Kommasetzung. „Wenn jemand dutzende Kommafehler macht, und plötzlich kommen Passagen, in denen Punkt und Komma fehlerfrei gesetzt sind, dann klingeln die Alarmglocken“, sagt Baßler (Bild unten).



Am englischen Seminar entpuppen sich von 1000 eingereichten Seminararbeiten pro Semester höchstens fünf als Plagiat – macht 0,5 Prozent. Am Eingang des Gebäudes hängt ein Poster mit der Academic Honesty Policy der US-Partnerhochschule aus. In den USA fliegen schummelnde Studenten in hohem Bogen von der Uni; häufig werde sie als Verräter der Ideale der Uni öffentlich stigmatisiert.

Wer sich in Freiburg beim Abschreiben erwischen lässt, kassiert die Note 5 und muss noch einmal antreten, bei einem anderen Prüfer. Ein Plagiat wird also gewertet, als sei man durchgefallen. Eine milde Strafe, die ärgerliche Folgen haben kann: Eine Studentin, die anonym bleiben möchte, hat zur Recherche einen Text aus dem  Internet in ihre Seminararbeit kopiert und dann „vergessen, ihn wieder  herauszulöschen.“ Die Strafe: Note 5, nicht bestanden. Sie konnte das Seminar erst zwei Semester später wiederholen und musste so ein Jahr länger als geplant die Hörsaal-Bank drücken.

Die Plagiatsfälle werden zusätzlich an den jeweiligen Fakultäten publik gemacht. „Nicht weil wir stolz darauf sind, dass uns einer ins Netz gegangen ist, sondern weil wir hoffen, dass es andere davon abhält“, sagt Gerhard Schneider vom Rechenzentrum. Andere Unis kämpfen mit schärferen Geschützen gegen abschreibende Nachwuchs-Wissenschaftler. So gehen Dozenten der Uni Bielefeld mit elektronischer Hilfe auf die Jagd nach Plagiaten. Die Software Turnitinzerhäckselt die wissenschaftlichen Arbeiten in kleine Datenschnipsel und vergleicht sie mit Texten, die im Internet veröffentlicht sind.



Von solchen Software-Waffen hält Schneider nichts. „Das ist ja eine flächendeckende Misstrauensbekundung an alle Studierenden“, sagt er. Außerdem fasse man so das Problem nicht an der Wurzel. „Das liegt ganz einfach an der Vermassung der Universität.“ Immer mehr Studierende quetschen sich in zu kleine Seminarräume. Da ist für individuelle Betreuung kein Platz mehr. Die wäre aber wichtig, denn in vielen Fällen handelt es sich aber gar nicht um absichtlichen Betrug.

„Viele Studenten sind einfach überfordert“, sagt Schneider. Gerade ausländische Studierende beherrschten oft die Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens nicht. Durch gravierende Unterschiede zwischen ihrem eigenen Sprachniveau und dem Sprachniveau des abgegebenen Textes verraten sie sich. „Wenn jemand, der sonst eher holpriges Deutsch spricht, seine Arbeit mit „Eingedenk der besonderen Bedeutung von…“ beginnt, dann ist das schon ein eindeutiges Zeichen. Bei Google werden wir dann meist fündig“, sagt Schneider. Die Trennlinie zwischen Zitat und Plagiat ist zudem dünn. „Ich würde doch nie riskieren, einen Text eins zu eins abzuschreiben“, sagt Norman, der im 7. Semester Ethnologie studiert. „Aber man kann sich helfen: Mausklick rechts, Synonymfunktion in Word, und schon ist es kein Plagiat mehr!“. Das stimmt so nicht, denn laut einer Resolution des deutschen Hochschulverbandes werden auch Texte als Plagiat gewertet, die „nahezu wörtlich übernommen und als eigene wissenschaftliche Leistung ausgegeben werden.“



Dass das manchmal ein schmaler Grat ist, haben auch die Dozenten verstanden. „Bei einer 80-seitigen Diplomarbeit ist es sicherlich kein Todesurteil, wenn insgesamt zwei Seiten nicht sauber zitiert sind“, sagt Gerhard Schneider. Das solle natürlich nicht als Einladung zum Abschreiben verstanden werden, fügt er hinzu. Aber die Uni sei auch dazu da, um Fehler zu machen und daraus zu lernen. „Ich merke, wenn mich jemand richtig aufs Kreuz legen will. Und wenn nicht, dann hat er so geschickt angestellt und es verdient, damit durchzukommen!“

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