Pilgerreisen - das WM-Tagebuch (8)

Rudi Raschke

In den vergangenen Wochen habe ich Euch unregelmäßig berichtet, was diese magischen Fußballnächte bei mir angerichtet haben. Gestern habe ich in der Münchner Arena nach dem Abpfiff meinen Kumpel Robert getroffen. Sein WM-Abenteuer ist eine Geschichte, wie sie nur diese vier Wochen zustande bringen konnten.



Robert ist ein Journalistenkollege aus München, der gerade sein Studium in den USA beendet hat. Als er im Fernsehen dort die Bilder vom deutschen Argentinien-Match sah, beschloss er einen Blitzbesuch, der sich gewaschen hat. Er stornierte einen Wochenendtrip nach Alaska - weil er seinen Enkeln in 50 Jahren nicht guten Gewissens erzählen hätte können, wo er den legendären Sommer 2006 verbracht hat.


Dann schlug er im Internet zu: Er sicherte sich einen Iceland-Air-Flug über Reykjavik nach Frankfurt, sofort kaufte sich ein sehr teures Ebay-Ticket für das deutsche Halbfinale und brach auf. Am Spieltag hastete er vom Flieger in einen Mietwagen, raste nach Limburg zu seinem Bruder, wo das Ticket inzwischen eingegangen war und fuhr auf dem Weg ins Westfalenstadion Dortmund noch schnell im Freibad Olpe raus - zum Duschen und Zähneputzen.

So erlebte er diese herrlich traurige (ja, ohne solche Abende wäre Fußball nicht so groß) Dortmunder Nacht und brach nach München auf. Der Miet-Seat, ein Auto von erlesener Hässlichkeit, hatte sich inzwischen in einen lustigen Campingbus verwandelt: Auf der Ablage vorm Beifahrersitz hat Robert einen kleinen iPod-Altar installiert, auf der Rückbank fliegt sein halber US-Hausstand herum, darunter auch der frisch erworbene schwarze Viereckshut aus Harvard (weiß jemand wie man diese Hüte nennt? Bitte um Vorschläge).

Gestern abend hat er dann sieben Minuten vor Anpfiff auf dem Schwarzmarkt vor der Allianz-Arena wieder zugeschlagen. Mit 200 Euro war er für ein 150 Euro-Ticket dabei. Das Spiel war mäßig, der Rest war Feiern. Nach Abpfiff haben wir uns zu viert von verschiedenen Plätzen zusammen telefoniert. Erst feierten wir mit den Franzosen auf dem Unterdeck des Münchner Raumschiffs eine Blockparty, dann sind wir mit dem Woodstock-Seat in die Stadt gefahren und in der "Milchbar" versackt ? inmitten von Mexiko-Sombreros und den üblichen Fanshirts.

Für Robert geht die WM nach einem Besuch bei den Eltern mit einer Visite in Berlin zu Ende. Auch wenn er kein Ticket mehr kriegt, will er das Endspiel in der Hauptstadt feiern. Am Ende wird er zweieinhalbtausend Kilometer auf seinen Mietwagen gepackt haben und selig und voller Enkel-Anekdoten wieder in die USA reisen. Und das, obwohl seine WM erst mit dem Halbfinale begonnen hatte. Werden wir je wieder einmal so leidenschaftliche Geschichten erleben wie diesen Sommer?

Der gebürtige Freiburger Rudi Raschke ist der Autor unseres Tagebuch-Blogs, das wir während der WM auf fudder führen. Er lebt in München und arbeitet als Redakteur des Playboy.