"Pick-Up-Artists sind frauenfeindlich": Interview mit der Netzfeministin Helga Hansen

Dunya Oulatto

Drei-Sekunden-Regel, Negging, Kiss-Close - Pick-Up-Artists verführen mit System. Die Netzfeministin und Bloggerin Helga Hansen findet: Die Verführungskünstler handeln frauenfeindlich. Ein Interview:



Was halten Sie vom Vorgehen der Pick-Up-Artists?

Ich kann natürlich nicht für alle Pick-Up-Artists sprechen, aber hinter vielen ihrer Konzepte stehen gefährliche Annahmen wie: Frauen dürfen herabgewürdigt werden. Man soll das sogar tun, um Frauen ins Bett zu kriegen. Außerdem verbreiten sie äußerst fragwürdige Taktiken. Es entsteht ein Machtgefälle und das widerspricht in meinen Augen dem, was wir uns als demokratische und menschliche Ziele gesetzt haben.

Was für fragwürdige Taktiken werden vermittelt, haben sie ein Beispiel?

Das "Negging" wäre so eins: Der Pick-Up-Artist macht der Frau ein vermeintliches Kompliment, das gleichzeitig eine Abwertung ist. Das Ganze dient dazu, das Selbstbewusstsein der Frau zu zerstören und sie damit zu verunsichern. Irgendwann hat sie gar keine Kraft mehr sich zur Wehr zu setzen oder zu sagen: "Ich will das jetzt nicht".  Ihr wird die ganze Zeit vermittelt: "Du bist nur etwas wert, weil ich hier bin und deswegen darfst du dich sogar noch freuen, selbst wenn ich scheiße zu dir bin."

Gibt es auch Frauen, denen das gefällt?

Bei allem was Menschen machen, selbst wenn es furchtbar frauenfeindlich ist, gibt es Leute, denen das gefällt. Bei Studien hat sich gezeigt, dass Frauen und Männer, denen das Pick-Upp-Konzept gefällt, die selben sexistischen Ansichten vertreten, wie etwa: Männer müssen Frauen beschützen, weil Frauen zu blöd sind das alleine zu tun. Aber sollen die Pick-Up-Artists deswegen auf alle Frauen losgelassen werden? Sie zwingen anderen ihre Meinungen über Frauen auf und verbreiten sie. Das ist für alle anderen, die ihre sexistischen Ansichten nicht teilen, sehr schwierig.

Die Pick-up-Artists argumentieren, dass Frauen jederzeit "Nein" sagen können. Legitimiert das ihr Vorgehen?

Ich fürchte auf den ersten Blick schon.  Aber ein „Ja“ ist nicht gleich ein „Ja“. Inzwischen gibt es viele Kampagnen, die darauf aufmerksam machen, dass das Nein-Sagen etwas Theoretisches ist.
Menschen denken - wenn jetzt jemand ankommt und mich blöd anmacht, natürlich sag ich dann "Nein"!
In Studien hat sich aber gezeigt: Leute, denen so was passiert, sind oft viel zu nett und trauen sich nicht, eine Abfuhr zu erteilen. Frauen haben sogar Angst, dass jemand der schon aggressiv auftritt, nach einer negativen Antwort noch aggressiver wird - eine Angst, die nicht unberechtigt ist. Theoretisch könnten wir "Nein" sagen, aber praktisch wissen wir, dass es niemand tut.

Letzte Woche bin ich auch einem Pick-Up Artist aufgesessen . Ich habe mich total überrumpelt gefühlt. Als wäre ich in der Situation gefangen. Ist das typisch?

Ich kann mir vorstellen, dass es vielen so geht. Man ist in dem Moment völlig überfordert. Ich meine, was ist das für eine wirkliche Entscheidungsmöglichkeit "Nein" zu sagen, wenn das so schnell geht, dass man nicht mal irgendwie durchatmen kann um sich zu fragen: "Will ich das wirklich"? Und währenddessen steht der dann da immer noch und baut Druck auf.

Ist es frauenfeindlich, was die Pick-Up Artists machen?

Ja. Man kann unverbindlichen Sex haben wollen. Aber hinter ihrem Konzept steht: Der Mann muss dominant sein und alle Frauen finden das gut. Auf ein paar trifft das vielleicht zu, es ist aber nicht zu verallgemeinern. Die Annahme "Das läuft so, das muss so sein" ist auch einer der Gründe, warum Frauen z.B nicht zur Polizei gehen, wenn sie vergewaltigt wurden. Sie denken sie hätten sich nicht richtig gewehrt. Es gibt bestimmte Skripte, wie man sich in einer Situation XY zu verhalten hat. Aber wie ich vorhin sagte, praktisch ist es nicht realistisch, nach Mustern zu reagieren. Es ist ganz klar, dass es für Männer und Frauen komplett unterschiedliche Verhaltensweisen gibt. Wenn ich jetzt ausgehe und von fünf Männern angesprochen werde, die solche Annahmen haben und auch noch meine mich so auf der Straße ansprechen zu dürfen, dann ist es frauenfeindlich! Schließlich werden in der Form ja keine Männer belästigt. Das passt aber 2014 nicht in eine Gesellschaft, die sich selbst als gleichberechtigt, unabhängig ihres Geschlechts, versteht.