Physikerinnentagung in Freiburg: "Physik? Du musst ja sehr gut sein"

Claudia Füßler

Zum 16. Mal findet dieses Jahr die Physikerinnentagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) statt, zum ersten Mal wird sie von Freiburger Physikstudentinnen und -doktorandinnen organisiert. Im Organisationsteam der Tagung, die noch bis zum Sonntag läuft, sitzen Rut von Waldenfels (26) und Saskia Kühnhold (29). Claudia Füßler hat mit den beiden über die Intention der Frauentagung gesprochen.



Eine Tagung speziell für Physikerinnen. Wieso liegt die Betonung extra auf den weiblichen Wissenschaftlerinnen?


Rut von Waldenfels: Weil das ein wichtiges Thema in der Physik ist. Von den Studienanfängern sind lediglich 20 Prozent Frauen, auf der Professorenebene liegt der weibliche Anteil sogar nur noch bei 7 Prozent. Während meines ganzen Studiums habe ich keine einzige Vorlesung von einer Frau gehalten bekommen. Dann war ich vergangenes Jahr bei der Physikerinnentagung in Saarbrücken und habe gesehen: Wow, das geht also auch, Frauen als Dozentinnen in der Physik. Das hat mich ungeheuer motiviert.

Saskia Kühnhold: Dieser Vorbildgedanke ist ein entscheidendes Element der Tagung. Wir wollen besonders junge Wissenschaftlerinnen stärken, ihnen Frauen zeigen, die in dem Fach Karriere machen. Übrigens halten viele der Teilnehmerinnen dort zum ersten Mal einen Vortrag, für sie ist das eine Art geschützte Umgebung, da die Tagung mit rund 250 Teilnehmern verhältnismäßig klein ist. Vielleicht spielt es aber auch für einige Teilnehmerinnen eine Rolle, dass die Zuhörer vor allem weiblich sind.

Es gibt eine Männerquote, das heißt, Sie bestimmen, wie viele Männer Sie mindestens da haben wollen?

Kühnhold: Im Gegenteil, wir bestimmen, wie viele Männer wir höchstens da haben wollen. Das sind in diesem Jahr zwölf Prozent bei den Vortragenden. Diese Zahl entspricht dem prozentualen Anteil eingeladener Sprecherinnen auf der DPG-Frühjahrstagung. Eine Männerquote einzuführen sehen wir als Provokation, mit der wir zum gesellschaftlichen Diskurs anregen wollen. Männer als Teilnehmer der Tagung sind sogar erwünscht.

Es geht bei der Tagung also nicht nur um Physik?

von Waldenfels: Hauptsächlich schon, aber nicht nur. Uns geht es auch um das Rollenbild von Mann und Frau in der Wissenschaft und insbesondere der Physik. So wird zum Beispiel Petra Lucht heute in ihrem Vortrag "Die Physik ist nicht geschlechtsneutral" Perspektiven und Ergebnisse der Frauen- und Geschlechterforschung vorstellen. In der öffentlichen Podiumsdiskussion "Nature or Nurture" geht es um die Frage, ob Frauen vielleicht von Natur aus eine geringere Begabung für Physik haben und sich deshalb seltener für diesen Berufsweg entscheiden, oder ob das mit einem anerzogenen Rollenbild zusammenhängt.

Ihre Meinung dazu?

von Waldenfels: Es ist ja kein Geheimnis, dass Kinder geschlechtsunterschiedlich erzogen werden. Da braucht man nur aufs Spielzeug zu schauen. Jungs bekommen Lego und sollen Dinge zusammenbauen und neu entwickeln. Mädchen hingegen kriegen Puppen und sollen mit denen einen Kuchen backen oder Mutter-Vater-Kind spielen. Klar, dass sich Jungs dann viel eher zutrauen, Physik zu studieren.

Kühnhold: Ich bin im Studium zum ersten Mal in Kontakt mit technischen und elektronischen Basteleien gekommen. Ich habe schon gemerkt, dass mir meine männlichen Mitstudenten in diesen Dingen klar voraus waren. Wer schon als Kind seine Eisenbahn elektrifiziert, hat da natürlich ein ganz anderes Verständnis. Ich bin mir sicher, dass der familiäre Hintergrund und die Erziehung einen sehr großen Einfluss ausüben, es ist prägend, was für ein Bild von Männern und Frauen den Kindern vorgelebt wird. von Waldenfels: Eben. Dass Mädchen von Natur aus weniger neugierig sein sollen als Jungen und daher seltener in die Naturwissenschaften gehen, das glaube ich einfach nicht.

Wurden Sie während Ihres Studiums als Außenseiter gesehen?

von Waldenfels: Überhaupt nicht. Von Kommilitonen und Professoren in der Physik habe ich mich nie anders behandelt gefühlt. Seltsame Bemerkungen kamen eher von außen: "Aha, du studierst Physik. Du musst ja sehr gut sein." Kühnhold: Das ist ganz typisch. Wenn eine Frau Physik studiert, gehen alle davon aus, dass sie sicher ganz besonders gut ist, sonst hätte sie diesen Weg nicht gehen können. Totaler Quatsch. Bei einem Jungen würde man gar nicht erst auf die Idee kommen, so etwas zu denken. Der studiert halt Physik, Punkt.

Aber diese Sicht hält viele Frauen vom Physikstudium ab?


von Waldenfels:
Natürlich. Wenn ich denke, ich muss extra gut sein, um Physik studieren zu können, ist das eine höhere Hürde. Eine von außen gemachte Hürde. Generell ist es natürlich so, dass man während des Studiums und auch später im Beruf immer auffällt – als Frau in einer großen Gruppe Männer. Damit muss man umgehen können. Aber genau dafür stärken wir ja die Kontakte untereinander.

Sie bieten auch ein Schülerinnenprogramm im Rahmen der Tagung an.

Kühnhold: Ja, das gehört zu unserer Nachwuchsarbeit. Die Schülerinnen bekommen zum Beispiel auf einer Labortour Einblick in die einzelnen Bereiche der Physik. Wir haben alle Freiburger Schulen angeschrieben und auf das Programm hingewiesen, 13 Mädchen haben sich angemeldet. Das hätten gerne mehr sein können.

Wird die Physikerinnentagung irgendwann überflüssig sein?

von Waldenfels: Hoffentlich. Es wäre schön, wenn wir diese Tagung eines Tages nicht mehr brauchen, weil es keinen Unterschied macht, ob eine Frau oder ein Mann sich mit Physik beschäftigt.

Zur Person


Rut von Waldenfels
ist 26 Jahre alt und schreibt gerade an der Universität Freiburg ihre Diplomarbeit in Physik und beschäftigt sich mit Simulationsrechnungen zu organischen Solarzellen. Die 29-jährige Saskia Kühnhold sitzt zurzeit am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) an ihrer Doktorarbeit über Solarzellen.  

Mehr dazu:


Was:
Öffentliche Podiumsdiskussion "Nature or Nurture" im Rahmen der 16. Deutschen Physikerinnentagung
Wann: Freitag, 25. Oktober 2012, 17:15 Uhr
Wo: Großer Hörsaal der Physik, Hermann-Herder-Straße 3a     [Fotos: Ingo Schneider]