Phonebitch - Telefonsex für alle

Meike Riebau

Max Mustermann bloggt, Supermarktfilialleiter bloggen, Soldaten im Irak bloggen - jeder bloggt. Warum also nicht auch Damen, die erotische Dienste am Telefon anbieten? Ganz zufällig sind wir im Internet auf das Online-Tagebuch einer Sexhotline-Bloggerin gestoßen. Meike hat sich die Seite angesehen - und mit der Frau telefoniert.



Phonebitch, wie sich die Bloggerin im Internet nennt, ist eine dieser Damen, deren Werbespots nachts im Fernsehen laufen. Seit vier Jahren hat sie eine Hotline in Luxemburg und seit etwa einem halben Jahr plaudert sie im Internet aus dem Nähkästchen, erzählt intime Details aus ihrer Arbeit und räumt dabei ganz nebenbei mit einigen Vorurteilen auf. "Es gibt so viele Berufsblogs, aber über meine Arbeit keines. Das ist doch eine echte Nische", fand die Luxemburgerin.


Mehr als 12.000 Besucher hat sie inzwischen gehabt, über den Erfolg ihres Online-Tagebuchs ist sie selbst wohl auch ein bisschen überrascht. "Andererseits wissen wir ja alle: Sex sells", meint sie. Erwartungen habe sie keine gehabt, "oder wenn, dass ich jede Menge negative und abfällige Kommentare kassiere." Bis jetzt ist die Resonanz aber, ganz im Gegenteil, sehr positiv: Im Forum diskutieren die User sachlich (soweit dies möglich) über Themen wie Penislängen oder G-Punkte und gerade seitens der Nutzerinnen gibt es Beifall, ganz nach dem Motto: “Danke! Endlich mal jemand, der es ausspricht, wie es ist.”

Das wird wohl auch daran liegen, dass es sich eben nicht um geschriebenen Pornograhpie handelt, sondern dass Phonebitch hier über ihre Erlebnisse reflektiert, schwankend zwischen Amüsement, Süffisanz bis hin zu leichtem Kopfschütteln. Sie schreibt, woran sie wirklich denkt während sie den Männern Erregung vorgaukelt ("Ich brauch mal wieder neues Klopapier"), fragt sich, warum so viele Männer auf Sex in der Dusche stehen ( "Ist doch bloß rutschig und kompliziert") und warum Männer wirklich mal gerne am Arsch geleckt werden wollen ("Stinkt doch bloß.") "Die meisten stellen sich meine Arbeit sehr viel spektakulärer vor, als sie ist. Aber manchmal erlebe ich eben doch Kunden, bei denen denke ich mir dann: Mein Gott, bist du ein Schwein."

Das sei aber eigentlich eine Ausnahme. "Und bei solchen Männern denke ich inzwischen sogar noch während des Telefonats: Hey, das wäre was für meinen Blog." Angst, erkannt zu werden, habe sie eigentlich nicht, obwohl ihr bewusst sei, dass es ein Spiel mit dem Feuer sei. "Luxemburg ist so klein, wenn so etwas herauskommt, weiß es direkt das ganze Land." Umgekehrt habe sie aber schon den ein oder anderen wieder erkannt.



Ein besonders bizarrer Fall ist ihr im Gedächtnis geblieben: Durch das Telefon hörte sie, wie bei ihrem Kunden am offenen Fenster ein Krankenwagen mit eingeschalteter Sirene vorbeifuhr. Sekunden später fuhr der Wagen bei ihrem Haus vorbei. "Er muss also bei mir in der Straße wohnen, und hier in der Gegend kennt man kennt sich." Noch heute stehe sie manchmal an der Bushaltestelle und mustere die Männer, denn es könnte "buchstäblich jeder" sein.

"Ich müsste sehr lachen, wenn ich es herausfände." Auf Wünsche, sich zu treffen, sei sie noch nie eingegangen, obwohl ihr auch schon Geld dafür geboten worden ist. Aber die "Körperlosigkeit" bei den Telefonaten sei ihr sehr wichtig. "Am Telefon spiele ich eine Rolle, ich erhalte eine Fiktion aufrecht." Für ihre Kunden dagegen ist sie nicht bloß die Frau, bei der sie sich Abwechslung vom Alltag und ein bisschen Aufregung holen: "50 Prozent meiner Kunden wollen einfach nur reden."

Vom neuen Autokauf über Probleme in der Ehe - manchmal scheint sie weniger eine Phonebitch als eine Kummerkastentante zu sein. "Gerade Stammkunden freuen sich sehr, wenn ich sie mit Vornamen anspreche." Manche würden sogar fast täglich anrufen, diese Abhängigkeit zu ihr würde sie manchmal sogar "ein bisschen erschrecken". "In gewisser Weise begeben sie sich ja in meine Hände, und schenken mir enorm viel Vertrauen." Für sie dagegen sei es einfach nur ein Job, "leicht verdientes Geld": Zwischen 1500 und 2000 Euro verdient sie im Monat durch ihren Nebenjob.



Ihr Freund weiß von ihrer Tätigkeit und hat kein Problem damit, dass fremde Männer anrufen und bei ihr ins Telefon stöhnen. "Im Gegenteil, er belächelt sogar manche der Wünsche und wundert sich, auf was für Ideen meine Kunden kommen." Erstaunt sei sie auch immer wieder über eine gewisse Naivität ihrer Kunden. "Die denken teilweise wirklich, ich liege nackt im Bett, dabei bügle ich nebenbei und mache mir Gedanken über meine Einkaufsliste". Eins steht nach vier Jahren Sexhotline aber für sie fest: "Männer sind einfach komische Geschöpfe." Beruhigend, so etwas von einer Fachfrau zu hören.



Mehr dazu:


  • Blogs, die sich mit dem Themakomplex Sex und Erotik beschäftigen, sind im Internet ziemlich in Mode. Nicht nur in Deutschland wird offenherzig über das Thema gebloggt.

  • Teilweise haben sich aber schon einige Sex-Tagebücher als Fake herausgestellt, wie zum Beispiel das Callboy-Blog.

  • Das wohl berühmteste Blog zum Thema käufliche Liebe stammt von einem britischen High-Society-Callgirl aus London und trägt den Titel Belle de Jour. Es ist bereits in Buchform erschienen.