Phine.Licht: Ein ungewöhnlicher Internet-Comic

Christopher Bünte

Philipp Niggemeier und Norman Glitz kennen sich seit acht Jahren. Im Kreuzfeuer von Comic, Musik, Fotokunst und Design formen sie "Molokow Beach", einen ungewöhnlichen Online-Comic über multiple Universen, das Ende aller Dinge und den seltsamen Mr. Vasquez. Christopher hat sich mit Ihnen über Raumschiffe, Online-Comics und hässliche Mädchen unterhalten.




Was bedeutet Molokow?

Norman: Moloko heisst Milch. Das W ist wohl auf mein Unvermögen zurückzuführen. Ich betrachte es allerdings liebevoll als mittelsybirsches Dehnungs-W. Ansonsten ist es natürlich eines der vielen Geheimnisse, die es noch zu lüften gibt.

In Eurem Online-Comic Molokow Beach geht es unter anderem um Alien-Computer, die Struktur des Universums, Raumzeit und verschiedene Realitäten. Das klingt nach Science-fiction. Ist Molokow Beach ein Science-fiction Comic? Ist so ein Begriff überhaupt ausreichend, um Eure Arbeit zu beschreiben?

Norman: Science-Fiction klingt für mich immer so nach Raumschiffen, Aliens und Lasern. Aber unser Comic kann noch mehr.

Philipp: Klar, man kann Molokow Beach in die Sci-Fi Ecke stecken. Wir sprechen hier aber nicht von einer lapidaren Zukunfts- oder Endzeitstory. Vielmehr spielt die Handlung auf mehreren Zeitebenen und in verschiedenen Realitäten. Unseren Comic kann man als einen bunten Cocktail aus vielen klassischen Kunstgenres, aus historischem und wissenschaftlichem Halbwissen betrachten. Je nach Szene lehnt er beispielsweise an den Film Noir oder an Fantasy an. Zugleich entstehen Übergänge zu Manga und Popstyle.

Norman:
Unser Hauptcharakter Mr. Vasquez ist zum Beispiel eher Noir. Die Zukunft ist eher Manga. Wir versuchen einen verqueren Mix aus allen coolen Sachen zu machen, die richtig geil sind.



Wie kam es zu der Entstehung von Molokow Beach?

Philipp: Die Grundidee zu Molokow Beach und zu dem Hauptcharakter Mr. Vasquez entstand, als wir mit meinem Diplom beschäftigt waren. Damals, 2008, haben wir an einem ziemlich dicken Comic-Buch gearbeitet. Irgendwann kam Norm mit dieser Figur Mr. Vasquez an.

Norman: Naja, die Idee zu Molokow Beach war eher ein Prozess. Ursprünglich sollte es eigentlich ein zehnminütiges Musikvideo werden. Phil und ich kennen uns schon über acht Jahre. Wir haben immer in Bands gespielt, allerdings nie zusammen in einer. Punk, Metal, Pop und solchen Kram. Wir wollten immer elektronische Musik mit Geschichten verbinden. Und als Phil seine Diplomarbeit machte, kam die Idee mit dem Video auf. Daraus wurde dann allerdings ein ziemlich dicker Comic mit dem Titel phine.licht - infinity one. Da tauchte Mr. Vasquez zum ersten Mal auf, auf drei Seiten.



Woher kennt ihr beide Euch denn?

Norman: Nach einem Konzert von meiner Band hat mich das hässlichste Mädchen angepogt, das ich je gesehen habe. Später stellte sich heraus, dass es Phil war und er eigentlich zu unserem Freundeskreis gehörte. So kam eins zum anderen und das ist schon verdammt ewig her.

Wer ist Mr. Vasquez? Mögt Ihr die Figur einmal kurz beschreiben?

Norman: Mr. Vasquez geht davon aus, dass er echte Entscheidungen, die außerhalb der Realität des jeweiligen Universums sind, treffen kann. In diesem Punkt täuscht er sich jedoch, da er in einen Mahlstrom von Ereignissen gerät, die er nicht beeinflussen kann. An sein altes Leben erinnert er sich nicht. Er weiß nur, dass die Zukunft Tod bringt, nicht nur seinen, sondern den von allem. Diese Erkenntnis und viele weitere Faktoren zerstören ihn allmählich von Innen. Das mag jetzt zwar düster und traurig klingen, aber in Wahrheit ist es bunt und lustig.

Philipp: Mr. Vasquez war irgendwie schräg und unkonventionell. Ich stellte viele Fragen dazu. Und als mein Diplom durch war, hat sich um diese Person ein kompletter Meta-Plot gebildet, den wir jetzt in Molokow Beach umsetzen.



Wo und in welchem Fach hast Du denn damals diplomiert? Kann man das Buch phine.licht - infinity one irgendwo bekommen?

Philipp: Ich habe an der Ruhrakademie Schwerte im Fach Kommunikationsdesign diplomiert. Das Buch ist nirgendwo zu bekommen. Ich habe zwar noch fünf Exemplare Zuhause rumliegen, aber mal gucken, ob wir die irgendwann nochmal raushauen... Geplant ist das bisher jedoch nicht.

Warum veröffentlicht Ihr Euren Comic im Internet?

Philipp: Traditionelle Comics, gedruckt auf Papier, haben einen Nachteil: Irgendwann ist die Story zu Ende. Im schlimmsten Fall ist das Taschengeld für die Fortsetzung erst wieder zum Ersten des Monats da - bis dahin sitzt man auf dem Trocknen. So war das zumindest in meiner Kindheit, aber wir haben aus den Fehlern unserer Vorgänger gelernt. Durch das Internet gibt es die Möglichkeit, eine Geschichte am Leben zu erhalten und sie einer viel größeren Masse vorstellen zu können. Auf unserer Site haben die Leser jede Woche die Möglichkeit, immer wieder in die Welt von Molokow Beach abzutauchen und dann ein paar Tage erwartungsvoll auf die nächste Seite zu warten.

Heißt das, dass Ihr Molokow Beach als Endlos-Comic angelegt habt? Geht es immer weiter und weiter?

Philipp: Japp! So ist es und so wird es immer sein... und wenn sie nicht gestorben sind...



Viele Comic-Künstler klagen ja, dass ein Online-Comic jahrelang viel Arbeit macht, aber kein Geld einbringt. Wollt Ihr mit Molokow Beach Geld verdienen? Oder ist das ein Spaßprojekt?

Philipp: Wer glaubt, dass man mit Online-Comics Geld verdienen kann, soll ruhig klagen... Uns macht es Spaß und wir erschaffen uns damit ein riesiges Portfolio.

Beschreibt mal die einzelnen Arbeitsschritte, die für eine Seite von Molokow Beach notwendig sind!

Norman: Die Story steht als Plot und wir haben so ungefähr die Bilder im Kopf, die wir brauchen. Ich stehe oft vor Phil und erzähle ihm die Story, spiele die Charaktere und vollführe irgendwelche Bewegungsabläufe, damit wir ein ungefähres Gefühl für die Situation und die Bilder bekommen, die wir brauchen.

Philipp: Wir diskutieren dann zu zweit, überlegen, was wir alles dafür brauchen…

Norman: …Klamotten, Akteure, Requisiten, Lokation, Cam, Blitzlichtbatterien... da gibt‘s so einiges, was man vergessen kann.

Philipp: Wenn wir alles zusammenhaben, machen wir mit allen Beteiligten einen oder mehrere Termin aus und fotografieren das Ganze ab. Daheim sortieren wir die Bilder, stellen grob die einzelnen Sequenzen und Seiten zusammen und setzen die Texte. Ich bearbeite das Ganze dann. Wenn die Sachen soweit durch sind, bequatschen wir die "pre fertigen Seiten", überlegen, wo es noch Änderungsbedarf gibt.



Mit welchen Programmen arbeitest Du? Wie lange dauert es, bis eine Seite von Molokow Beach fertig ist?

Philipp: Ich arbeite mit Photoshop. Bei den Seiten kommt es immer drauf an - kann mal eine Stunde sein, bei aufwändigeren Seiten aber auch fünf Stunden.

Auf Eurer Website steht, dass man bei Molokow Beach mitmachen kann. Was genau kommt da auf einen zu?


Norman:
Lustig, dass Du das fragst! Da steht ja auch „coming soon“…

Philipp:
Um die Story lebendig zu halten, sind wir immer wieder auf neue Opfer, sprich: Protagonisten, angewiesen. Wer sich den Comic ausführlich zu Gemüte führt, wird erahnen können, was alles auf einen zukommen kann.

Norman: Wenn es dann mal so weit ist, haben wir zwei Möglichkeiten. Das Studio, dazu haben wir mein Wohnzimmer komplett umgebaut. Oder an öffentlichen Plätzen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man da nicht scheu sein darf. Besonders, wenn man auf einer belebten Kreuzung im Bademantel steht. Die Shootings sind eigentlich immer unterschiedlich, und letztendlich kann jeder für sich selber entscheiden, was man bereit ist zu investieren. Aber wenn es soweit ist, wird‘s cool, garantiert!

Philipp: Die wiederholte Zusammenarbeit mit einigen Darstellern beweist wohl, dass wir doch in einem humanen Rahmen bleiben und man uns danach trotzdem noch mag.

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