Philippe Alioth: Herr der Synthesizer

Bernhard Amelung

Philippe Alioth besitzt über 140 Synthesizer, zwei Musiklabels und einen internationalen Chart-Erfolg in den 1980er Jahren. fudder-Autor Bernhard stellt uns den 45-jährigen Basler vor und erzählt uns seine Lebensgeschichte. Und die ist gespickt von großen Namen:



Was verleiht Popmelodien ihren honigsüßen Anstrich? Was macht Acid-Basslines so durchdringend scharf? Die Antworten auf diese Fragen gehen Philippe Alioth leicht über die Lippen. Der 45-jährige Basler überlegt keine zwei Sekunden. „Überzuckerte Melodiebögen, wie man sie ganz oft in der Musik eines Vangelis antrifft, lassen sich am besten mit einem Korg 770 erzeugen. Und der TB-303 von Roland bringt den charakteristischsten Acid-Klang hervor.“

Alioth steht in einer Lagerhalle auf dem Basler Dreispitz-Areal, inmitten von Stühlen, Tischen und mannshohen Bassboxen. Es riecht nach kaltem Rauch, Curry und abgestandenem Rotwein. Denn hier, im sogenannten raumD, wird regelmäßig die hohe Kunst der feinen Küche zelebriert, und im Anschluss daran feiern die Gäste zu elektronischen Gourmetklängen. So auch an diesem Abend im Januar. In wenigen Stunden wird der französische Elektronikmusiker Arnaud Rebotini für ein Live-Set erwartet. Alioth und sein Label Schallbox Records richten die Veranstaltung aus.

Sein Smartphone klingelt fortwährend und vermeldet unentwegt den Eingang neuer Nachrichten. Langsam kommt Hektik auf, denn die Anlage muss noch einmal neu eingemessen werden. Dennoch schiebt der Basler einen kurzen Exkurs über die Geschichte der elektronischen Clubmusik nach. So viel Zeit müsse sein. Die ersten Acid-Spuren finde man nicht auf 12-Zoll-Vinylschallplatten aus Chicago oder Manchester, sondern in den Werken von Charanjit Singh, einem indischen Komponisten für Bollywood-Filmmusik. „Sein Album ‚Synthesizing: Ten Ragas to a Disco Beat’ ist voll von diesem nervösen Gezwitscher, den die TB-303 auswirft“, erzählt er.  

Die Helden seiner Jugend: Korg, Moog und Yamaha

Raumwechsel. Ein Studio irgendwo im Norden der Stadt Basel. Philippe Alioth streicht zärtlich über ein rechteckiges Gerät mit Drehknöpfen, Druckknopfschaltern und Dioden. Seit nahezu dreißig Jahren prägt dessen Sound die Stimmung auf den Tanzflächen dieser Welt. Fast ebenso lang steht es im Studio von Alioth. Denn der Basler Mittvierziger richtet nicht nur Veranstaltungen aus und betreibt ein Label. Er ist selbst Musiker und Produzent und seine größte Leidenschaft sind: Synthesizer.

Den ersten schenken ihm seine Eltern 1979, zu seinem zwölften Geburtstag. „Ein kleines Örgeli“, sagt Alioth, und meint damit einen tragbaren Moog Prodigy. Schon bald darauf kommt der nächste ins Haus, ein Roland Juno6. Wenig später der dritte. Und so weiter. Die Helden in Alioths Pubertät heißen nicht Cruyff oder Platini. Sie lauten auf Namen wie Korg, Moog oder Yamaha. Statt Rückennummern populärer Fußballspieler auswendig zu lernen, weiß er Abkürzungen wie SH-2101, ARP2600 oder MMK2 ihren jeweiligen Trägern – alles analoge Klangerzeuger - zuzuordnen. Das Geld dazu verdient er sich, in dem er einst ungeliebte Hausarbeiten anstandslos erledigt. „Aufräumen, die Eltern bei der Gartenarbeit unterstützen, Unkraut jäten, den Rasen mähen, und das stundenlang“, erinnert er sich.



Ach ja, die Eltern! Sie leiden nicht etwa unter dem Sammelfetisch ihres Sohnes. Im Gegenteil. Sie fördern schon sehr früh die Leidenschaft des kleinen Philippe für Tasteninstrumente. Denn als dieser sie im Alter von sechs Jahren mit der Bitte bestürmt, ihn endlich Klavierspielen lernen zu lassen, geben sie sofort nach und melden ihn zum Musikunterricht an. Fortan kann er seine Liebe zu den schwarzen und weißen Tasten unter fachkundiger Anleitung ausleben.

Anfang der 80er Jahre, noch mitten in der Pubertät, taucht Philippe Alioth immer tiefer ein in die schier unergründbaren elektronischen Klangwelten, wie er sie auf den Alben eines Klaus Schulze und bei Formationen wie Tangerine Dream, Can und Kraftwerk vorfindet. Aber auch Bands wie D.A.F., F.S.K. oder Throbbing Gristle haben es ihm angetan. „New Wave, Synth Pop und EBM hatten für mich den Charakter einer Verheißung.“
Er setzt sich an ein sperriges Gehäuse mit einer Klaviatur und zahlreichen Drehknöpfen. Er schlägt ein paar Akkorde an und entlockt diesem Kasten einen gläsernen und doch warmen Sound, wie er nur einem Waldorf Wave entspringen kann. Unverkennbar. Alioth schließt die Augen. Er liebt diesen Klang.

Der Weg zum Charterfolg

Zurück in die 80er. Alioth gründet Schülerbands, löst sie wieder auf oder verlässt sie, sobald sich bei ihm der Eindruck verfestigt, seine Freunde arbeiteten nicht professionell genug. Einen geeigneten Partner für seine Musikprojekte findet er schließlich in Tibor Csebits. Dieser teilt nicht nur seine Passion für Instrumente, mit denen man aktiv auf Amplitude und Frequenz einzelner Töne oder ganzer Tonreihen einwirken kann. Csebits besitzt auch den notwendigen Ehrgeiz, Stücke zu komponieren und mit ihm an einem Longplayer zu arbeiten.

1983 veröffentlichen die beiden ihr erstes Studio-Album unter dem Namen „Guyer’s Connection“. Es trägt den Titel „Portrait“. Darauf präsentieren die beiden 16-Jährigen einen unbekümmerten Genremix aus New Wave und Synth Pop, den sie mit kauzig verschrobenen Synthesizer-Effekten unterlegen. Dieses Album steht in Sammlerkreisen bis heute hoch im Kurs. So kommentiert beispielsweise ein Nutzer der Webplattform discogs.com dieses Werk mit folgenden Worten: „The synth-pop and minimal masterpiece to die for.“

Kurze Zeit später trennen sich Csebits und Alioth. An der Seite von Christoph H. Müller – heute Teil der weltberühmten Musikgruppe Gotan Project – geht die Studioarbeit weiter. Sie hat Ausstrahlungswirkung auf den Pop-Mainstream und die persönlichen Lebensumstände Alioths. Ihre Band nennen sie „Touch el-Arab“. Sie samplen Stimmen und Geräusche aus dem Orient, die sie auf einer Ethnologie-Aufzeichnung finden, vermengen die Samples mit opulenten Synthesizer-Harmonien und ziehen das Ganze auf ein Gerüst von rumpeligen Beats auf. Dazu lassen sie zwei Freundinnen singen. Ihr Song „Muhammar“ wird ein Sensationserfolg: Am 17. Januar 1988 klettert er auf Rang 4 der Schweizer Charts. Die Maxi-Single verkauft sich über 35.000 Mal. Auch in Deutschland, Frankreich und Italien feiern Alioth und Müller als „Touch el-Arab“ große Erfolge.

touch el arab - muhammar

Quelle: YouTube


Der einsetzende Starrummel wird Alioth jedoch zu viel. Er löst Touch el-Arab auf. Fortan bringt er sein musikalisches Talent und technisches Können in unzählige Musikprojekte ein, bei denen er nicht im Rampenlicht stehen muss. Zudem gründet er eine Industrial-Hardcore-Band und widmet sich ausführlich seinem Fetisch: Synthesizer. Aus seiner Zeit als Chart-Wunder zieht er jedoch zwei Vorteile: Finanzielle Unabhängigkeit und Kontakte. Kontakte zu Musikern, Produzenten, Herstellern und anderen Sammlern.

„Ohne diese geht es als Sammler nicht“, weiß er aus eigener Erfahrung. Zwar gebe es heute eBay, doch „an manche Vintage Synthesizer kommt man noch schwerer an, als an sensibles pornografisches Material“. Zum Beispiel an den Korg PS 3200, mit dem auch der deutsche Synthesizer-Übervater Klaus Schulze gerne gearbeitet hat. „Von diesem wurden nur wenige hergestellt. Wenn’s hoch kommt, gibt es weltweit 50 Stück.“ Oder an den Matrix-Synthesizer „Triadex Muse“, Baujahr 1972. „Damals stellten Moog und Roland Synthesizer her, die so groß wie Kleiderschränke waren. Und dann kommt ein Ingenieur vom MIT in Boston, und revolutioniert die Welt der Klangsynthese mit diesem tragbaren Dreieckskasten. Sensationell.“ Der Basler Synthesizer-Enthusiast gerät ins Schwärmen.



Das Smartphone meldet sich wieder. Alioth prüft dieses Mal die eingehenden Nachrichten. Er blickt auf die Uhr. Die Veranstaltung naht. Er steht auf und bleibt kurz stehen vor einem meterhohen Kasten. Er wirft einen wehmütigen Blick auf das Gewirr der Kabel. Ihn vorzustellen dauere zu lange, vielleicht beim nächsten Mal, entschuldigt sich der Musiker.  

Die Neoprenbox: Privates Studio und analoge Soundbibliothek

Beim nächsten Mal? Ja. Man sei in seinem Studio, der Neoprenbox, gerne willkommen, er sammle diese Instrumente nicht zum reinen Selbstzweck. „Das Studio ist kein Museum, sondern eine offene Plattform für Enthusiasten analoger Synthesizer-Sounds.“ Außerdem arbeitet er auch heute noch als Produzent mit einer Vielzahl an Künstlern zusammen. Ihre Werke veröffentlicht er teilweise auf den hauseigenen Labels Neopren Records und Schallbox Records. Alioth führt den Plattform-Gedanken weiter aus: „Musiker können in der Neoprenbox vorbeischauen und mir ihr Projekt vorstellen. Wenn ich es spannend finde und auch die dahinter stehende Person interessant ist, können sie mit meinen Synthesizern arbeiten und Tonspuren aufzeichnen.“ Ein Studio, das man einfach so mieten könne, sei die Neoprenbox jedoch nicht.

Diesen Exklusivitätsanspruch begründet er damit, dass zahlreiche Vintage-Synthesizer hochsensibel seien. Auch das Alter mache ihnen zu schaffen. Er zeigt auf den Korg PS 3200. „Es kommt vor, dass sich eine Leiterbahn löst. Dann fällt ein Schaltkreis aus, und schon hat man ein anderes Klangbild. Oder gar keines.“ In so einem Fall nimmt Alioth rettende chirurgische Eingriffe vor. Oftmals dauert es mehrere Stunden, bis er sich an den Kern des Problems herangetastet hat.



Wieder klingelt das Smartphone. Vielleicht ist es dieses Mal Arnaud Rebotini persönlich, der vor seinem Auftritt noch ein paar Tonspuren in der Neoprenbox aufzeichnen möchte? Alioth lacht und schweigt. Ausgeschlossen wäre dies nicht. Über die Jahre haben viele namhafte Musiker den Weg in das Studio nach Basel gefunden, um einen ausgewählten Vintage-Sound für eine ihrer Produktionen aufzunehmen. So saßen beispielsweise Carlos Perón, Mitgründer der legendären Elektropop-Formation Yello, oder DJ Hell zusammen mit Alioth in der Neoprenbox. Nicht immer möchte er eine finanzielle Gegenleistung dafür. Dann allerdings müsse der Künstler ein hochspannendes Konzept vorlegen, das ihn von Anfang an begeistere. „Das kann auch ein wunderschöner Popsong sein, ich bin doch ein alter Popper.“

Alioth dreht sich um. Er blickt suchend durch den Studioraum. Einen letzten Synthesizer wolle er noch vorstellen. Bei inzwischen über 140 Maschinen dauert die Suche ein wenig länger. Das Smartphone unterbricht die Ruhe. Dieses Mal, so meint man, ist sein Ton aggressiver, schriller. Alioth zieht es aus der Hosentasche. Ich muss nun wirklich los, gibt er zu verstehen und verneint lachend die Frage, ob auch schon einmal ein der Berliner Techno-DJ und Produzent Ricardo Villalobos bei ihn für eine Tonspur angefragt habe. Dieser gelte ja weithin als Super-Sound-Nerd und Vintage-Synthesizer-Enthusiast. „Nein, Villalobos war noch nicht bei mir“, sagt Alioth, und fügt hinzu: „Aber er ist bei mir jederzeit herzlich willkommen.“

Zur Person:

Philippe Alioth, Jahrgang 1967, geboren und aufgewachsen in Basel, wird 1988 als Teil der Elektropop-Gruppe "Touch el-Arab" international bekannt mit dem Charterfolg "Muhammar". Heute pendelt er zwischen Paris, Berlin und Basel, betreibt zusammen mit Steve Cole und Marc Stamm das Studio Neoprenbox, die Label Neopren Records und Schallbox Records, betreibt eine Booking-Agentur und sammelt leidenschaftlich analoge Synthesizer.

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