Philipp Winkler über seinen Roman "Hool": "Gerne auf die Fresse hauen"

Jannik Jürgens

Mit dem Debütroman gleich auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises: Philipp Winkler erzählt in "Hool" die Geschichte des Hooligans Heiko Kolbe. Wir haben mit ihm über Adrenalin, Dunkelzonen und russische Vollzeit-Hooligans gesprochen.

Fudder: Herr Winkler, wie kommt es, dass Sie die Hooligan-Szene so gut kennen?
Winkler: Mich fasziniert das Thema seit Jahren. Dadurch, dass ich mit Fußball aufgewachsen bin und mich außerdem mit Randgebieten und Dunkelzonen beschäftige, bin ich automatisch beim Hooliganismus gelandet. Korruption wäre auch noch so ein Thema. Ich war über viele Jahre hinweg gut informiert für jemanden, der außerhalb der Szene steht. Denn ich hatte Freunde, die in der Art fußballmäßig unterwegs waren. Auch mit dem Hintergedanken, dass man sich da gerne auf die Fresse haut.


Fudder: Waren Ihre Freunde Ultras oder Hooligans?
Winkler: Das waren schon eher Ultras. Aber die haben zusätzlich ein bisschen die Gewalt gesucht. Man muss aber aufpassen, dass man beide Gruppen nicht in einen Topf schmeißt. Ultras sind diejenigen, die in den Fankurven stehen, ihre Fangesänge anstimmen und ihre Fahnen schwenken. Die sorgen für die Stimmung im Stadion und halten die Fankultur hoch. Hooligans sind meist vom Fußball-Kosmos schon etwas abgekoppelt und treffen sich auf entlegenen Plätzen, Äckern oder Industriegebieten, um sich verabredet zu schlagen.
"In gewisser Form ist der Drang nach Gewalt bei jedem Menschen da."

Fudder: Bei der Europameisterschaft in Frankreich haben sich die Hooligans nicht auf dem Acker, sondern im Zentrum von Marseille geschlagen. Dort sind auch Fans und Polizisten Opfer von Hooligan-Gewalt geworden. In ihrem Roman kommt das nicht vor.
Winkler: Ja, das stimmt. Ich habe darüber nachgedacht, den Spezialfall "internationale Turniere" mit hineinzubringen. Aber ein ganzes Turnier hat einfach nicht in die Handlung gepasst. Aber klar, das ist noch einmal etwas anderes. Wenn man über Marseille spricht, über Russen gegen Engländer, dann hat das auch seine eigenen Gründe. Bei den Engländern ist die Hooligan-Szene mittlerweile sehr eingeschlafen. Aber die haben immer noch diese Aura, weil sie damit angefangen haben. Deswegen sind sie heute häufig Zielscheibe für Leute aus anderen Ländern. Das war bei den Russen auch so. Die waren natürlich viel trainierter. Da gibt es Leute, die trinken nicht, rauchen nicht und trainieren den ganzen Tag. Selbst wenn die Kräfte total unverhältnismäßig verteilt waren, können sich jetzt die Russen ans Revers heften, die Engländer mal richtig rund gemacht zu haben. Bei solchen Turnieren sind das aber nicht nur richtige Vollzeit-Hooligans, die da Randale machen, sondern ganz oft auch irgendwelche besoffenen Trittbrettfahrer, die sich dann in der Masse stärker fühlen.

Fudder: Haben Sie bei der Recherche auch mit Leuten aus der Hooligan-Szene gesprochen?
Winkler: Ich habe eher mit Leuten gesprochen, die an der Szene dran waren: Fanbeauftragte oder szenekundige Beamte. Ich habe nicht versucht, an aktive oder ehemalige Hooligans ranzukommen. Aus verschiedenen Gründen: Einerseits haben die da kaum Bock drauf, besonders wenn das mal publik werden soll. Andererseits wollte ich mich auch nicht zu stark beeinflussen lassen. Alles, was ich noch hätte erfahren können, wären persönliche Anekdoten gewesen. An sich ist das natürlich super spannend. Aber ich wollte meine Geschichte, die ich im Kopf hatte, erzählen und nicht in das Wagnis kommen, die persönlichen Erfahrungen anderer Leute nachzuerzählen.

Fudder: Verspüren Sie so etwas wie Faszination für die Gewalt der Hools, für ihre Matches?
Winkler: Ja, klar. In gewisser Form ist der Drang nach Gewalt bei jedem Menschen da. Das kann völlig unterschiedlich aussehen, denn Gewalt lässt sich ja weit definieren. Dieser Drang ist verschieden ausgeformt, er wird unterdrückt oder ihm wird nachgegangen.

Fudder: Der Mensch ist also nur ein Tier?
Winkler: So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber ganz weit bin ich davon auch nicht entfernt. Ich würde den Menschen nicht super weit über Tiere erheben. Die Faszination entsteht aber aus anderen Gründen. Was treibt die Menschen, so weit zu gehen? Wie kann man Spaß daran haben, sich zu schlagen? Oder geht es nur ums Adrenalin und ist es egal, woher man es bekommt? Bei manchen ist es vielleicht die Sozialisation, die sie dazu bringt, sich zu schlagen. Andere kommen eher auf die Idee, Bungee-Jumpen zu gehen. Das hängt damit zusammen, wo man aufwächst und wen man trifft.

Fudder: Ich habe mich beim Lesen wie in einem Alptraum gefühlt, aus dem ich nichtaufwachen konnte. Warum schafft Heiko Kolbe, der Protagonist des Romans, es einfach nicht der Szene den Rücken zu kehren?
Winkler: Das muss natürlich jeder Leser für sich interpretieren. Aber so viel kann ich sagen: Heiko ist einer, der in der Schule ein Außenseiter war. Manche mögen ihn Verlierer nennen. In der Szene bekommt er zum ersten Mal in seinem Leben Bestätigung, weil er etwas gut kann. Und seine Freunde sind auch alle in der Szene. Dann beginnen sie, anderen Sachen nachzugehen. Das findet Heiko nicht so geil, weil er Angst haben muss, dass die anderen weiterkommen in ihrem Leben. Und er nicht. In seinen Augen ist das Verrat, weil dieses Hooligan-Ding deckungsgleich mit seinen Freunden ist. Er hat Angst, seine Freunde zu verlieren. Obwohl Ulf oder Jojo (seine Freunde) das natürlich als totalen Quatsch bezeichnen würden.

"Natürlich ist die Hooliganwelt in Deutschland eine Männerwelt."


Fudder: Ihr Roman wurde auf Zeit Online dafür kritisiert, dass er stark zwischen Tresenton und Literaturhauspoesie wechsle. Dadurch verliere die Geschichte an Echtheit. Wie haben Sie diese Kritik aufgenommen?
Winkler: Ich finde das interessant. Auch will ich der Kritik überhaupt nicht ihre Berechtigung absprechen, aber ich stimme damit nicht überein. Ich bin der Meinung, dass Menschen vielschichtiger sind, als das, worauf Zeit Online hinauswollte. Ich hoffe, die meisten Leser merken, dass Heiko mit seinen Kumpels anders spricht als er mit Manuela (seiner Ex-Freundin) oder Axel, einer krassen Respektsperson, spricht. Je nachdem mit wem man spricht, verhält man sich anders und benutzt einen anderen Wortschatz. Genauso ist es auch, wenn man nur für sich denkt. Dann benutzt man auch eine andere Sprache. Menschen haben einfach mehrere Dimensionen. Wenn ich jetzt nur diese ganze Fäkalsprache und Mündlichkeit durchgezogen hätte, würde es das für mich nicht treffen. Heiko ist ja kein Trottel.

Fudder: Eine andere negative Kritik war, dass ihr Buch "eine archaische Männerwelt aus vollgekotzten Trikots und Knochenbrüchen verherrliche."
Winkler: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich das nicht so sehe. In meiner Empfindung habe ich darauf geachtet, dass ich das alles nicht werte. Natürlich habe ich meine eigene Meinung zum Hooliganismus. Aber ich wollte bewusst nicht werten. Allein schon, weil es aus der Ich-Perspektive eines Hooligans geschrieben ist. Und natürlich ist die Hooliganwelt in Deutschland eine Männerwelt. Das ist nun mal so. Theoretisch hätte man die Geschichte auch so bauen können, dass es um eine Frau geht, die in die Szene reingeschlittert ist oder da rein möchte. Aber das war nicht mein Vorhaben. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die welthaltig ist. Ich finde, Literatur kann nicht realistisch sein. Wenn dann authentisch. Und wenn man von Deutschland spricht, ist es einfach eine total männerbesetzte Sache. In Russland gibt es auch Frauen-Truppen, da wäre das etwas anderes gewesen.

Fudder: Haben Sie auch Reaktionen aus der Hooligan-Szene bekommen?
Winkler: Ja, habe ich tatsächlich. Das war während der Leipziger Buchmesse, lange bevor das Buch herausgekommen ist. Auf einer Lesung hat sich herausgestellt, dass der Barkeeper selbst als Hooligan unterwegs war. Ich habe dort die Anfangsszene gelesen, wenn Heiko und seine Kumpels im Auto auf dem Weg zum Match gegen die Kölner sind. Der Barkeeper hat mir am nächsten Tag gesagt, dass es sich genauso anfühle und ich die Stimmung gut getroffen habe. Das hat mich sehr gefreut. So habe ich eine Bestätigung, dass es nicht kompletter Bullshit ist, den ich da geschrieben habe.
Philipp Winkler, Jahrgang 1986, ist in Hagenburg bei Hannover aufgewachsen. Winkler hat Literarisches Schreiben in Hildesheim studiert. Für Hool ist er mit dem ZDF-Literaturpreis "Aspekte" und dem Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet worden. Er steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Philipp Winkler: Hool. Aufbau Verlag, Berlin, 2016. 310 Seiten. 19,95 Euro.