Philipp Rauenbusch: "Stereolove ist viel mehr als Reamonn ohne Rea"

Carolin Buchheim

Stereolove. Fünf Männer, eine Band. Vier davon waren bis vor wenigen Monaten in einer anderen Band: Reamonn. Mehr als 10 Jahre war die Band zusammen, dann wollte Sänger Rea Garvey erst eine Pause, dann alleine weiter machen. Seine Musiker blieben zusammen und fanden einen neuen Sänger. "Stereolove ist viel mehr als Reamonn ohne Rea", sagt Bassist Philipp Rauenbusch über diese neue Band. Warum für den Freiburger jetzt alles anders ist, und wie es für ihn sein wird, mit Stereolove am Sonntagabend auf dem ZMF nicht im Zirkus-, sondern im Spiegelzelt aufzutreten:



Die Sonnenbrille ist rosarot und hat Gläser in Herzchenform. 'Stereolove' steht auf den Bügeln, in kleinen schwarzen Buchstaben. Die kitschige Brille gehört zum Promopaket für das erste Album der Band; das erscheint Anfang September und wird 'Stereo loves you' heißen'.


Stereolove-Bassist Philipp Rauenbusch trägt auch eine rosarote Brille. Nicht das Promomodell (auch wenn er das manchmal tatsächlich trägt): Philipps rosarote Brille ist dauerhaft und unsichtbar. Denn wenn der 40-jährige Freiburger über seine neue Band redet, klingt er verschossen, verknallt, verliebt. Stereo loves you. Und Philipp loves Stereolove.

„Ich mag's!“ sagt er, lächelnd, lachend, grinsend, und meint damit alles. Die Band, die Musik, das Leben. Denn alles ist anders, jetzt. Jetzt, wo die Sache mit Reamonn vorbei ist, wahrscheinlich für immer. „Reamonn war riesengroß und erfolgreich,und hat mir ein schönes Leben ermöglicht, aber ich bin froh, dass es vorbei ist“, sagt er. „Es ist so kurios, dass etwas, das von außen so attraktiv, und schillernd und schön aussah, innen drin am Ende so wenig Spaß gemacht hat.“

Dass Reamonn Geschichte ist, die Band, mit der Philipp in mehr als zehn Jahren Bandgeschichte mehr als 1,5 Millionen Tonträger verkauft und ausverkaufte Tourneen gespielt hat, so wirklich richtig ganz endgültig vorbei ist, hat weder er, noch sonst jemand von der Band bisher so richtig gesagt. Im Spätsommer 2010 verkündeten Reamonn, dass sie eine Kreativpause machen würden, ein Jahr lang nur. Schon damals wurde gemunkelt, dass es vorbei sein könnte. Diese Stimmen wurden lauter , als im Herbst 2011 Rea Garveys erstes Soloalbum 'Can't stand the silence' erschien. Es ganz laut gesagt hat trotzdem niemand.

„Ich hatte nicht das Bedürfnis, darüber zu reden“, sagt Philipp heute. „Und niemand hat auch so direkt gefragt.“ Während der geplanten Kreativpause meldete sich Sänger Rea per eMail bei den Bandkollegen und kündigte neben Buch-, Baby- und Fitnessvideoplänen sein Soloalbum an. Die vier Musiker – Gitarrist Uwe Bossert, Drummer Mike "Gomezz" Gommeringer, Keyboarder Sebastian Padotzke und Bassist Philipp Rauenbusch– fühlten sich hinter- und übergangen. Geredet wird zwischen der Band und ihrem früheren Sänger nun nicht mehr.

Wenn Philipp heute über die Reamonn-Jahre redet, dann tut er das mit der Sorte amüsiert-ungläubigen Abstand, den man hat, wenn man sein eigenes Verhalten im Rückblick nicht mehr so richtig versteht. „Die ersten fünf Jahre waren so super. Die letzten sieben Jahre waren nicht mehr so super. Ich habe so viel Energie da rein gesteckt, wir haben da alle so viel Energie reingesteckt, und am Ende wurde es nicht mehr gewertschätzt.“



„Reamonn war ohnehin eine Band, die durch eine Entscheidung funktioniert hat, und nicht so ein Herzding“, sagt Philipp. „Ich habe nie gedacht, dass unsere Verbindung sehr stark ist.“ Dass die Band sich ohne den Sänger neu formiert hat, beweist das Gegenteil. „Uwe Bossert, unseren Gitarristen, konnte ich 2000 nicht einschätzen. Dass sich unser Verhältnis so entwickelt, wie es das getan hat, dass wir zwölf Jahre später so eine dicke Freundschaft haben, das habe ich nie erwartet. Das ist schön.“ Philipp klingt überrascht, glücklich. Verknallt in die neue Realität, die neue Band.

Die würde am allerliebsten natürlich nicht über die gemeinsame Vergangenheit der vier Fünftel Reamonn definiert werden. „Das ist nicht mehr Reamonn“, sagt Phillip. „Natürlich haben vier der fünf Bandmitglieder eine gemeinsame  ziemlich krasse Vergangenheit, aber Stereolove sind nicht Reamonn ohne Rea. Wir spielen keinen einzigen Reamonn-Song mehr. Wir verhalten uns auch nicht wie Reamonn.  Stereolove ist viel passionierter, viel lustiger, viel ehrlicher.“

Ganz anders klingen sie ohnehin. „Stereolove klingt ziemlich bunt, klischeehaft, rosa,“ befindet Philipp. „Schrill, aber total greifbar. Die Musik bietet immer die totale Möglichkeit, sich fallen zu lassen in den Sound, in die Texte. Stilistisch muss nicht alles mehr den roten Faden haben, den Reamonn hatte.“

Das Album 'Stereo loves you' klingt tatsächlich fast gar nicht wie Reamonn, und hat auch nicht unbedingt einen roten Faden: Die zehn Songs sind zwar absolut radiotauglich (wie Reamonn), aber musikalisch höchst variantenreich (nicht wie Reamonn), angenehm unglattgeleckt arrangiert (nicht wie Reamonn) und einfach musikalischer. Besser.



„This is it“, die erste Single, ist dabei noch am ehesten Reamonn-Style: eine sehnsüchtige Hymne mit  Ohrwurm-Hookline, einer Edge-artigen Gitarre und schön treibenden Rhythmusgruppe. „What if I“ hat einen cheerigen  Chorus-Refrain, aber reichlich Tiefe; „Love what you do“ ist eine schlichte Rock-Ballade; „Fallin'“ ein großartiges Rhythmusfeuerwerk. Auch „The love of my life“ ist rhythmisch  spannend und hat außerdem schicke Bläsereinsätze. „Only in dreams“ klingt, kein Witz, dringlich wie Radioheads Meisterwerk „There There“. „This one's for you“ kommt ein bisschen wie ein Vivid-Song, daher. Mit Vivid hatte der neu hinzugekommene Sänger Thom Hanreich in den späten Neunzigern einen kleinen Musikfernseh- und Radiohit: „Still“ - und zwar mit einem Sound, der damals für eine deutsche Band – noch dazu für eine aus Salzgitter – absolut unerhört war.

„Das schöne an Stereolove ist: wir haben noch alle Freiheiten. Wenn wir Swing spielen wollen, spielen wir  Swing. Wenn's eine Punkrock-Nummer sein soll, spielen wir einen Punkrock-Nummer. Und wenn's in Country abrutscht, darf das auch passieren“, sagt Philipp. „Der Sebi hat ein Bass-Saxophon, so ein riesengroßes Ding, und wenn er darauf abdrückt, kann es sein, dass es ein Ska-Part wird, weil es gerade lustig ist. Und das ist okay!“

Nicht nur die stilistische Vielseitigkeit und die spannenden Instrumentierung machen die Stereolove-Songs interessant – einen dicken Anteil hat Sänger Thom Hanreich. Philipp zumindest ist Fan des neuen Frontmanns. „Thom hat ja sowas leicht Eddie Vedder-mäßige in der Stimme und spielt so ein bisschen mit den Timbres so wie Thom Yorke das tut.“ Und nicht nur Hanreichs Stimme, auch seine Songwriting-Skills kommen beim Bassisten gut an: „Thoms Texte sind nie platt“, sagt er. „Da ist zwar immer die wörtliche Bedeutung, aber darunter liegen immer mehrere Interepretationsebenen, in den Texten gibt es so viel zu entdecken.“

Hanreich, der nach dem Ende von Vivid in den frühen Nuller-Jahren neben einem Solo-Album vor allem Film- und Werbemusik machte, traf ziemlich zufällig, über gemeinsame Bekannte, auf die abservierten vier Reamonn-Mitglieder, als die auf der – was damals niemand sagte - letzten Reamonn-Tour unterwegs waren („Wir hatten immer zwei Backstage-Räume.“).

Zuerst jammte man einigermaßen ziellos zusammen, unsicher, ob Songs für andere Künstler, oder etwas Eigenes dabei herauskommen sollte. Schnell stand fest: etwas Gemeinsames sollte es werden. Auf die Entscheidung folgte prompt die kreative Krise: „Die Leichtigkeit war weg, es war Druck da, sofort etwas Gutes zu produzieren, und konsequenterweise kam nur Mist dabei 'raus.“ Anstatt weiter an einem Album zu feilen buchte ein Freund bei Four Music eine kleine Tour im vergangenen Herbst – und Zack! - war die Krise war überwunden. „Danach lief es einfach, wir wollten Songs für diese Tour haben, und sonst nichts.“

Einer der Songs: „This is it“. Einem anderen Freund, Redakteur bei einem bayerischen Radiosender, spielten sie den Song vor, der ihn prompt in die Rotation nahm; andere große Radiosender machten es sofort nach. „Wir waren die einzige Band in den Top-300 Airplay-Charts, die keine Plattenfirma hatte!“

Dank des Radioerfolgs wurde die kleine Tour voll, und schon beim ersten Gig in Köln war die erste Plattenfirma im Haus; jemand von Sony. Mal Gucken, was die Reamonn-Reste so machen. Beim letzten Gig der Tour, in München, brachte der Sony-Mitarbeiter noch zwei Kollegen mehr mit, auch ein Mitarbeiter der EMI war anwesend. „Vor Weihnachten haben wir den Plattenvertrag unterschrieben“, sagt Philipp. Dabei hatten vier Fünftel der Band noch einen Plattenvertrag, über Reamonn. Sowas darf man eigentlich nicht. „Aber das war uns egal“, sagt Philipp, lachend.



Es allein zu machen, ohne Plattenfirma, das wäre nur theoretisch eine Möglichkeit gewesen. „Selber machen, das würde ich sofort machen, wenn ich bei den Toten Hosen wäre, Grönemeyer, Die Ärzte, oder Xavier Naidoo. Dann ist das ein Selbstläufer. Wenn man alles aber erst anstoßen muss, ist eine Plattenfirma  ganz schön nützlich. Und mit Reamonn waren wir auch im Ausland erfolgreich, und das ist in Eigenregie quasi nicht zu stemmen.“ Auch in Bezug auf die neue Plattenfirma ist Philipp flitterwochig glücklich. „Sie helfen uns, unsere Kunst zu generieren, und zwar auf seine sehr anbietende Art, das ist sehr angenehm“, lobt Philipp.

Und jetzt läuft es an, mit Stereolove, und alles ist so gut, rosarot wie die Promobrille. Die erste bescheidene GEMA-Zahlung für 'This is it' ist schon gekommen. Im September erscheint das Album, dann folgt eine Tour. Am Sonntagabend treten Stereolove im Spiegelzelt auf dem ZMF auf. Auch mit Reamonn war Philipp auf dem ZMF; logischerweise auf der Bühne des viel größeren Zirkuszelt, klar. Jetzt im Spiegelzelt aufzutreten, das ist kein Rückschritt, findet er. „Ich darf jetzt auf dem ZMF spielen. Und Musik machen, die ich liebe. Das ist so ein großes Glück, dass die Größe der Bühne total egal ist.“

Philipps Wunsch für Stereolove: „Ich wünsche mir, dass die Platte möglichst vielen Leuten gefällt, wenn sie herauskommt – und dass wir weiter live spielen können.“ Und wenn das nie wieder die Rothausarena, nie wieder das Zirkuszelt sein sollte – egal. „Eine Tour mit lauter Orten wie das Jazzhaus, aber dafür voll – das wäre ein Traum!“ Auf dass er in Erfüllung geht.

STEREOLOVE - THIS IS IT



Quelle: YouTube


STEREOLOVE | EPK - 2011



Quelle: YouTube


Last-Minute-Verlosung

fudder verlost dreimal je zwei Tickets für Stereolove am Sonntag, 15. Juli 2012, auf dem ZMF. Um an der Verlosung teilzunehmen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff "Stereolove", eurem Namen an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss Sonntag, 15. Juli 2012, 10 Uhr. Die Gewinner werden nach dem Ende der Verlosung per eMail informiert. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Mehr dazu:

Was: Stereolove
Wann: Sonntag, 15. Juli 2012, 20:30 Uhr
Wo: ZMF Spiegelzelt
Tickets: 21,65 Euro
  [Bilder: Promo]