Philadelphia: Freiburgs bezauberndste Straßenmusik

Yvonne Weik

Die Geschwister Trommsdorff erobern Freiburg mit ihrer Straßenmusik – nun spielt die Band aus Bayern sogar auf dem ZMF. Eine Erfolgsgeschichte, die im heimischen Wohnzimmer begann.



Es war im Sommer 2007, als Philadelphia geboren wurde. In der Freiburger Innenstadt packten Lena, Lugi und Max aus Bayern ihre Instrumente aus und sangen los. Ihre Musik verzauberte die Zuhörer so sehr, dass sie ihnen vorschlugen, nach Baden zu ziehen. Mittlerweile ist Freiburg die Heimat der Geschwister, der Augustinerplatz ihre Bühne. Und demnächst spielen sie sogar beim Zeltmusikfestival.


Wenn die Trommsdorffs in der Freiburger Innenstadt unterwegs sind, bildet sich innerhalb weniger Minuten ein Halbkreis um das Trio (fudder-Video aus dem Juni 2007). Mehr als 100 Zuhörer sind es manchmal. Wer sie hört, muss einfach stehenbleiben, denn ihre Stimmen sind so ungewöhnlich.

Lena (22), Lugi (26) und Max (27) singen dreistimmig: Klar, deutlich und mit viel Gefühl. Kein Mikro, keine lauten Instrumente. Nur ein Kontrabass, eine Gitarre und Percussionsinstrumente ergänzen den zauberhaften Gesang. Alle Stücke haben sie selbst komponiert und eigene Texte dazu geschrieben. Jazz-Pop nennen sie ihre Musik.



Die drei Trommsdorffs wissen, was sie tun: Seit sie Kinder sind, singen sie. Zu Hause in Mittenwald in Oberbayern wurde das Wohnzimmer zur Bühne. Und auf Autofahrten sangen die Eltern Trommsdorff mit den Kindern im Kanon. Später feilten Max und Lugi bei den Regensburger Domspatzen an ihrer Stimme, Lena im Kinder- und Madrigalchor.

So richtig los ging es mit der Geschwister-Band im Herbst 2006. Nachdem Max drei Tage im Keller des Vaters werkelte, stand er plötzlich mit einer Holzkiste vor Lenas Tür. „Damit spielst du jetzt,“ hat er gesagt. Das Philadelphia-Schlagzeug mit kleiner Trommel, Mini-Becken, Shake-Ei und Fahrradklingel bildet seither den Mittelpunkt der Band. „Das Schlagzeug hat zwei Schlaufen, damit kann ich es mir auf den Rücken schnallen“, sagt Lena. „Du?“, die Brüder lachen. Meistens würden doch sie das Schlagzeug tragen. Lena sieht das anders. Wenn die Geschwister sich mal nicht einig sind, entscheidet übrigens die Trommsdorffsche Zwei-Drittel-Mehrheit. „Einen Chef gibt es nicht“, sagt Lugi.

Dass die Geschwister in Freiburg zusammen Musik machen, ist geplanter Zufall. Im Herbst 2007 packten sie ihre Koffer, um nach Baden zu ziehen. Die Idee entstand so spontan wie ihre Konzerte. Im Sommer 2007 waren sie auf Straßenmusiktour und kamen zufällig nach Freiburg. „Warum zieht ihr nicht hierher? Ihr würdet gut nach Freiburg passen“, fragte ein begeisterter Zuhörer. „Warum nicht?“, dachten sich die Geschwister. Ein anderer schlug ihnen einen Namen für ihr Trio vor: „Brother and Sister-Love“. Die kreativen Bayern übersetzten die Worte ins Altgriechische: Philia für Liebe, adelphe und adelphos für Schwester und Bruder. Philadelphia war geboren.

Heute lebt jeder der drei in einer WG. Zwei bis drei mal die Woche treffen sie sich zum Proben – je nachdem, wie viel Zeit bleibt. Lena macht eine Ausbildung zur Ergotherapeutin, Max holt sein Abi nach und Lugi studiert Sport, Latein und Englisch auf Lehramt. Am liebsten packen die Geschwister ihre Instrumente, um in der Freiburger Innenstadt zu musizieren. Unter den Arkaden am Bertoldsbrunnen spielen sie wegen der guten Akustik; und am Augustinerplatz wegen der Atmosphäre.

Ihre Musik kommt an: „Unplugged mögen die Leute“, sagt Lugi. Oft purzelt dann Silbergeld in den Gitarrenkoffer. Alle Altersgruppen seien vertreten: Kinder, Erwachsene, Omas, Opas, Teenies. „Manchmal wollen die uns nicht mehr gehen lassen“ verrät Lena.

Aber das Leben eines Straßenmusikers kann auch manchmal hart sein: Vor kurzem mussten Philadelphia ein Konzert am Augustinerplatz plötzlich abbrechen. „Irgend jemand hat die Polizei gerufen“, erzählt Max. Ruhestörung. Zwei Polizisten rückten an. Die Stadt Freiburg hat klare Regeln für Straßenmusiker definiert.

Auf einem Merkblatt steht genau, wann man wie lange und mit welchen Instrumenten Musik machen kann. Spätestens um 18.45 Uhr dürfen Straßenmusiker nicht mehr auftreten, Sonntags sowieso nicht. Verboten sind laute Instrumente wie Trommeln und Trompeten – und Tonverstärker. Außerdem dürfen maximal 45 Minuten an einer Stelle gespielt werden, dann müssen die Künstler weiterziehen. „Wenn die Stimmung gut ist, fällt das schwer,“ sagt Lugi.

Freiburg ist kein besonders heißes Pflaster für Straßenmusiker. Meist reagieren die Beamten erst, wenn es Beschwerden gibt. Die drei Trommsdorffs haben schon in vielen deutschen Städten gespielt. „Überall sind die Vorschriften anders“, sagt Max. Ihre Erfahrung: Je kleiner der Ort, desto weniger Regeln. Und was passiert, wenn man gegen die Vorschriften verstößt? „Bisher zum Glück noch gar nichts“, sagt Lugi.



Mit dem Umzug nach Freiburg haben die drei ihre Bandkarriere mächtig beschleunigt. Gerade haben sie die erste CD veröffentlicht: Für „No bad people“ standen sie ein halbes Jahr im Tonstudio, investierten viel Zeit, Energie und Geld. „Es läuft gut an, wir haben schon 400 CDs verkauft“, freut sich Lugi. In zwei Wochen werden Philadelphia sogar auf dem Zeltmusikfestival in Freiburg auftreten, zunächst unplugged, dann mit Verstärker und Mikro im Action-Zelt. Auch in Zukunft wollen die Geschwister auf Festivals spielen.

Doch ihr Herz hängt an der Straßenmusik. Im August gehen sie deshalb zwei Wochen auf Deutschlandtour. „Das Bahnticket nach Berlin haben wir schon gelöst – ohne Rückfahrt“, erzählt Lena. Sie wollen sich treiben lassen, mal hier, mal dort spielen und bleiben, wo es ihnen gefällt. So sind sie auch schon durch Italien und Slowenien getourt. Straßenmusik und Urlaub, für die Trommsdorffs die ideale Kombination. Gerne erinnern sie sich an die begeisterten Italiener beim Spontankonzert in der Toskana und an die Gastfreundschaft in Slowenien.

2010 wollen die Geschwister auf der ganzen Welt musizieren. Lena will zuerst nach Skandinavien, Max träumt von den arabischen Ländern. „Wir fangen in Europa an, aber die ganze Welt steht uns offen“, sagt Lugi. Doch bis dahin werden die drei immer wieder die Instrumente packen und die Freiburger Innenstadt mit ihren Klängen verzaubern.

Beim Zeltmusikfestival am Freiburger Mundenhof spielen Philadelphia unplugged am 13. 7. (ab 13 Uhr), am 17. 7. und am 21. 7. ( jeweils ab 19 Uhr). Im Action-Zelt gibt es am 15. 7. ab 21 Uhr Musik mit Verstärkern. Am 2. August startet die Deutschland-Straßenmusik-Tour in Berlin.

Mehr dazu: