Phänomen Bubble Tea: Bunt, ungesund, trendig

Fabienne Hurst

Freiburg ersäuft in bunten Kugeln. Bald eröffnet der sechste Bubble-Tea-Laden. In futuristischen Plastikschänken mit dem Charme einer Frauenarztpraxis mischen hippe Verkäufer Glibberkügelchen mit verdünntem Sirup. Auch McDonalds serviert seit einer Woche das taiwanesische Modegetränk. Aber weshalb hat es dieser zuckrige Tee überhaupt zum Hype geschafft?



Die Schlange reicht bis zur Tür. Teenager, viele übergewichtig, drängen sich um die bunt leuchtende Menükarte. „Princess-Bubble-Tea klingt gut“, findet ein Mädchen im engen Neon-Top, und wenige Minuten später hält es das Kunstwerk in der Hand: Erdbeermus, Milch, gefrorener Joghurt, Zuckersirup, Schlagsahne, Erdbeer-Gelee-Perlen und pinke Marshmallows. Willkommen im Bubble-Tea-Paradies.


Hier, im „Mylicious“ im Untergeschoss der Schwarzwaldcity, hat vor einem Jahr alles angefangen. Besitzerin Mey Von hat damals das Suppekochen gegen Tee-Blubbern ersetzt und damit einen Hype losgetreten, der eigentlich nicht so recht in die deutsche Bio-Hauptstadt passte.



Überzeugt hat wohl vor allem die Hauptattraktion: Im Mylicous kreiert der Bubble-Fan sein Getränk selbst. Er wählt Teesorte, Geschmacksrichtung, Aggregatzustand, Temperatur, Bubble-Konsistenz, deren Geschmack und die Größe des Bechers. Der Bubble-Tea war also kreativ, neu, bunt, lustig - und gefiel vor allem einer sehr jungen Zielgruppe zwischen 8 und 16 Jahren. Heute, mit sechs Mal mehr Konkurrenz als vor 12 Monaten, ist bei Mey Von noch immer volles Haus, denn die Kids bringen längst ihre Eltern mit zum Teeschlabbern.

Zwei Mal Steak mit Pommes im Plastikbecher

Einer der treuesten Mylicious-Stammkunden ist der Freiburger Trendsetter und Fun-Food-Spezialist Fabian 'Cruel' Baur. Er lässt ganz Freiburg via Twitter wissen, wenn es ihn mal wieder nach den bunten Kugeln gelüstet. Als er an diesem Abend ins Mylicious stolziert, fragt Besitzerin Mey Von ihn fast besorgt: „Du warst aber schon lange nicht mehr hier. Hab mich schon gefragt, was los ist.“

Cruel lächelt. Er habe die ganzen neuen Bubble-Tea-Läden in Freiburg testen müssen, deshalb. Dann bestellt er zwei Mal Steak mit Pommes im Plastikbecher – das brennwerttechnische Äquivalent eines halben Liters Joghurt-Shake mit Oreo-Keks-Krümeln und Glibber-Schokoperlen.

 
Bis auf 500 Kalorien bringt es ein 0,2-Liter-Becher Bubble Tea im Schnitt, rund ein Drittel des Tages-Energiebedarfs eines Kindes. Die Milchshakes und Frozen-Joghurt-Mixgetränke übersteigen diesen Wert noch um ein Vielfaches. Mey Von weiß, dass ihr Produkt nicht besonders gesund ist. „Wir versuchen aber immerhin, so viele natürliche Produkte zu verwenden wie nur möglich: Also echten aufgebrühten Tee, richtige Kokosmilch und kein Milchpulver“, sagt die Unternehmerin.

Schön bunt und ungesund

Dass die bunten Mix-Getränke Lebensmittelskeptiker auf den Plan rufen, befürchten auch die anderen Bubble-Tea-Geschäfte. Das „Kxuio“ im Bursengang will diese potentiellen Spielverderber durch schöne Informationen auf den Thekenschildchen beruhigen: Man verwende ausschließlich „natürliche Aromen“ und im Joghurt drehten sich jede Menge „gesunde Kulturen“.

„Das ist totaler Quatsch“, sagt Ernährungsberaterin und Sommelière Silke Nolden. Tatsächlich muss man die gesunden Zutaten im Bubble Tea mit der Lupe suchen. „Da sind sicher ein paar Spurenelemente drin, aber der Zucker und das putschende Teein machen daraus ein ganz gefährliches Getränk.“ Die Putschwirkung sei nicht zu unterschätzen, warnt Nolden, vor allem was die Volumen angeht. In die größten Portionsbecher passen 0,7 Liter Zucker-Teein-Mix. „Wenn ein 11-Jähriger sich drei Mal am Tag einen Latte Macchiato kauft, würden sich die Leute auch wundern.“



Den Inhalt der Tee-Getränke zu kontrollieren, ist derzeit unmöglich. „Das Problem ist, dass es sich um lose Ware handelt“, sagt Sabine Partheymüller von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Deshalb müssen die Becher keine Zutatenlisten tragen, in denen angegeben wird, welche Farb-, Aroma- und Konservierungsstoffe genau darin enthalten sind. Auch für die Nährwerte gibt es keine Kennzeichnungspflicht.“

Auch die Techniker Krankenkasse warnt mittlerweile vor dem Getränk und schreibt in einer Mitteilung: „Das Teegetränk wird nicht nur mit kalorienreichem Fruchtsirup versetzt, die kaugummiähnlichen Kügelchen sind ebenfalls noch gesüßt.“ Im Februar hatte bereits der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands in Köln die Eltern alarmiert: Kleinkinder könnten sich leicht an den Kügelchen verschlucken, die Kügelchen gelangen über die Luftröhre in die Lunge und können zu einer Lungenentzündung oder sogar zu einem Lungenkollaps führen.   Noch dazu ist der trendige Tee fünfmal so teuer wie Wassereis (im Durchschnitt kostet ein kleiner Becher zwischen drei und vier Euro) und verbraucht dreimal so viel Plastik (Becher plus Deckel plus Strohhalm plus Serviette).

Frühe Form der Triebbefriedigung

Bubble-Fan Cruel Baur sind all diese Negativ-Faktoren egal: „Es ist einfach ein Geschmackserlebnis der besonderen Art“, schwärmt er und rührt verzückt in seinem Shake. „Dafür trinke ich jetzt weniger Kaffee.“ Der Freiburger Unterhaltungs-Wissenschaftler und Trendforscher Sacha Szabo vermutet einen Bezug zum Kaffeehaus-Ketten-Trend. „Wir sehen beim Bubble-Tea wie eine neue Kultur eine alte, nämlich die hoch ausdifferenzierte Tee-Kultur, überdeckt“, sagt der Soziologe. „Der Aufwand des Teekochens, der zum Genuss ja dazugehört, wird gekappt und durch ein irritierendes Erlebnis ersetzt. Nachdem bei Starbucks bereits Kaffeekultur popularisiert wurde, wird nun das Teeprozedere durch Bubble-Teas ersetzt und zwar durch einen besonderen Attraktor: die Boba-Kugeln.“

 
Der Bubble-Tea erlaube ein lustvolles Trinken – und das durchaus im mehrdeutigen Sinne. Dies geschehe einerseits durch den Zucker, „da Süße vom Menschen als angenehm empfunden wird“, so Szabo. Der Forscher geht in seiner Analyse noch weiter: „Unsere Vorstellung vom Paradies als Land, in dem Milch und Honig fließt, wird ja auch durch die Grundzusammensetzung des Bubble-Tea angesprochen.“ Zum anderen sei die Konsistenz ein essentieller Lust-Faktor. „Es ist ein Hybrid zwischen Essen und Trinken, eigentlich ist es eine Art Lutschen. Und das Lutschen ist nun psychologisch eine sehr frühe Form der Triebbefriedigung.“

Der Anfang vom Ende?

Die geradezu inflationäre Eröffnungswelle der Bubble-Tea-Läden lässt ihr baldiges Ende bereits erahnen. McDonalds dürfte das nur noch beschleunigen. Doch Mey Von vom Mylicious bringen die neuen Läden nicht aus der Ruhe. „Ich habe vorausgedacht und von Anfang an auf Kreativität und Persönlichkeit gesetzt“, sagt Mey Von. Mit ihren rund 500 verschiedenen Sorten seien Bubble-Tea-Ketten für sie keine Konkurrenz.



Glaubt man dem Trendexperten Sacha Szabo, dürfte sie mit dieser Strategie Erfolg haben. „Süßigkeiten-Trends sind wenig nachhaltig. Man probiert noch ein paar Variationen aus und dann sucht man den nächsten Kick. Aber wenn Bubble Teas immer weiter Abwechslung leisten können, dann haben sie das Zeug zum Kult-Getränk.“

Was ist Bubble Tea?

Der vor 25 Jahren in Taiwan erfundene klassische Bubble Tea besteht aus Schwarz-, Kräuter- oder Früchtetee, an dessen Boden erbsengroße Kugeln schwimmen, deren Konsistenz an Götterspeise und Kaugummi erinnert. Diese glibberigen Tapioka-Kugeln bestehen aus der geschmacklosen Stärke der Maniokwurzel, die gesüßt, aromatisiert und einfärbt wird. Alternativ gibt es Bubble Tea auch mit den an Badeperlen erinnernden Geleebällchen, die so genannten Boba-Perlen aus Fruchtsaft: Sie zerplatzen beim Draufbeißen spektakulär auf der Zunge. Bubble-Tea-Trinker und Trinkerinnen saugen Tee und Perlen durch einen überdimensionalen Strohhalm aus verschweißten Plastikbechern.

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[Foto 1: dpa; Rest: Fabienne Hurst]