Phänomen Ballermann: Warum Mallorca-Urlauber saufen, singen, tanzen und Tracht tragen

Simone Werner

Der Unterhaltungswissenschaftler Sacha Szabo forscht über Jahrmärkte, Achterbahnen, Playmobil - und das Phänomen Ballermann. Im Dienste der Wissenschaft mischte der Freiburger sich mehrere Wochen lang unter das Partyvolk von El Arenal auf Mallorca.



Nimmt man es ganz genau, dann ist der Ballermann nur ein edelstahlverkleidetes Strandlokal mit der Nummer sechs an der Playa de Palma auf Mallorca. Der Ballermann sieht genau so aus, wie die anderen 14 sogenannten "balnearios". Doch für Sacha Szabo ist 'Ballermann' viel mehr: "Der Ballermann ist ein soziales Phänomen, das eine immense mediale Ausstrahlungskraft hat, und mit dem sich scheinbar noch kein Mensch beschäftigt hat. Dem wollte ich auf den Grund gehen."


Szabo hat einen ziemlich coolen Beruf. Der Unterhaltungswissenschaftler forscht zu Themen wie Playmobil, Achterbahnen, den Schlümpfen und Jahrmärkten. Für sein Ballermann-Projekt war der 43-Jährige in den vergangenen vier Jahre insgesamt zehn Wochen auf Mallorca unterwegs.

Seine These: 'Ballermann' ist der Überbegriff einer bestimmten Art der Erlebniskultur, die man auch am Goldstrand in Bulgarien oder auf der Halbinsel Krim wieder findet. Das soziale Phänomen 'Ballermann' ist seiner Meinung nach nicht ortsgebunden und könne beispielsweise auch im Ruhrpott inszeniert werden. Erfolgreich sei es, weil es in der Moderne ein Bedürfnis nach Gemeinschaft gebe, das an den jeweiligen Orten mittels neuinszenierter parareligiöser Rituale befriedigt werde.

Alle Elemente eines Klischee-Ballermann-Aufenthalts - Musik zum Mitgröhlen, banale Tänze, Saufspiele, sowie peinliche Kleidung, die man Zuhause niemals anziehen würde - hat Szabo dabei eingehend analysiert. Er sieht in all' diesen Klischees Rituale mit zwei Funktion: die Herstellung von Gemeinschaft und "Außeralltäglichkeit", dem Ausstieg aus dem Alltag.

Ein Kernstück: die Musik. Ein typischer Ballermann-Hit ist einfach gestrickt, leicht zu merken und hat einen hohen Mitmach-Faktor.  So findet Szabo zum Beispiel "Joana du geile Sau" von Peter Wackel äußerst interessant: Der Sänger schreit darin in die Menge "Joana", das Publikum antwortet mit "Du geile Sau", wodurch eine Interaktion entsteht, also Gemeinschaft hergestellt wird.

Interessanterweise finden sich laut Szabo in einigen erfolgreichen Ballermann-Hits, zum Beispiel von Mickie Krause, oft sogar ironische Brüche, das heißt, das Publikum wird spaßhaft beschimpft. Im Lied "Arschgeweih" kommen die Parolen "Ich will ne Frau ohne Arschgeweih" vor. Dabei sind es laut Sacha Szabo stereotypischerweise doch genau Arschgeweihträgerinnen, die sich am Strand von Palma massenhaft einfinden.

Gemeinschaft werde auch durch die zu den Songs gehörenden Tänze kreiert. Das gemeinsame Tanzen stellt Nähe her und baut Hemmungen ab. Ein typisches Beispiel: der Lasso-Tanz, der zu Olaf Hennings Song "Cowboy und Indianer" gehört, und den Song erst zu einem richtigen Hit machte.

Auch Trinkspiele haben nach Ansicht von Szabo eine gemeinschaftsfördernde Funktion. Sie strukturieren eine Gruppe, bauen dank des Rausches Hemmungen ab und erzeugen Gemeinschaft.  Die gleiche Funktion hat auch die Kleidung des Ballermann-Besuchers: T-Shirts von Ballermann-Diskos und Trachten zeigen sofort, wohin man sich zuordnet. Während seiner Exkursionen ins Ballermann-Nachtleben hat Szabo selbst allerdings keine Tracht und auch kein Bierkönig- oder Junggesellenabschiedsmottoshirt angezogen - er war in Straßenkleidung unterwegs. "Schwarze Anzüge sind im Sommer auf Mallorca eher unkonfortabel", scherzt er. Trotzdem hätten die feiernden Gruppen ihn schnell integriert. Die Ballermänner und -frauen fanden sein Anliegen "lustig" und haben sich in den verrücktesten Posen mit ihm zusammen fotografieren lassen, erzählt er.

Eigentlich sei 'Ballermann' am ehesten mit Karneval zu vergleichen. Im Karneval geht es laut Sacha Szabo darum, die Angst vor dem Tod zu verlachen und eine andere, lebensbejahendere Form des Glaubens auszuleben. Genau diese Nähe des Karnevals zur Kirche finde man auch am Ballermann wieder, der wie die Kirche auf das Bedürfnis des Menschen reagiert.

Sacha Szabo geht sogar so weit, dass er im Zusammengang mit Trinkspielen Parallelen zur Kirche zieht: "Hier drängt sich die Nähe zur "Communion" (lat: Gemeinschaft) auf, in deren Rahmen Wein als das Blut Christi gereicht wird", schreibt er in seinem Buch. Einige Getränke, wie auch Sangria, würden schließlich aus ein und demselben Gefäß getrunken. Auch aufgrund seiner Farbe könne Sangria mit dem 'Blut Christi' in Verbindung gebracht werden.

Selbst in der Architektur der Großraumdisko 'Megapark' sieht er Indizien für diese Theorie.  "Der Partytempel ist der Ruine einer gotischen Kathedrale nachempfunden. Es gibt sogar eine Art Kirchenfenster, in denen die Motive Hopfen und Malz angepriesen werden. An vielen Stellen findet sich die bayrische Raute wieder."



Im Megapark werden oft ursprünglich christliche Lieder auf die Situation vor Ort umgedichtet: Das christliche Kinderlied "Laudato si, o mio Signore", der Sonnengesang des Franz von Assisi, wird durch eine Verballhornung plötzlich mit ganz merkwürdigen Wünschen belegt. Statt "Sei gepriesen, du hast die Welt erschaffen, sei gepriesen für Sonne, Mond und Sterne, sei gepriesen für Meer und Kontinente, sei gepriesen denn du bist wunderbar Herr" singt man dort zum Beispiel "Sei gepriesen für Urlaub und Safari, sei gepriesen für Wodka und Barcardi, sei gepriesen für Opel und Ferrari, sei gepriesen denn du bist wunderbar! Yeah". Genauso verhalte es sich auch mit "Kumbaya", das Michael Mittermeier vor Jahren zusammen mit der Band Guano Apes verballhornt hat. Letzten Endes, sagt Sacha Szabo, skizziere Jürgen Drews, durch seine freundliche Art ganz gut, wie die Ballermannszene auftritt. "Im Lied 'König von Mallorca' findet man versteckt den Geheimcode dessen, was das Erfolgserlebnis der Partymeile auf Mallorca ausmacht: eine Auszeit vom Alltag, verrückt zu sein, wobei Normbrüche erlaubt sind. "Aus einem touristisches Erleben des Südens als räumliche Distanz des Alltags, wird ein rauschhaftes Erleben, das durch Alkohol hergestellt wird mit Ritualen begleitet und zu einer Lockerung der alltäglichen Normen führt", fast Szabo in seinem Buch zusammen.

Was der Unterhaltungswissenschaftler während seiner Beobachtungsstudie am Strand von Palma vorfand, hat sein Bild vom Ballermann, das größtenteils durch die Berichterstattung der 90er Jahre geprägt wurde, völlig konterkariert. "Statt komatöser Bierleichen, Prügeleien und exzessiver Feierszenen, in denen ein latentes Gewaltpotenzial zum Ausdruck kommt, habe ich etwas erlebt, das sehr diszipliniert abläuft. Die ganzen Exzesse, die ich erwartet habe, fanden überhaupt nicht mehr statt. Ich bin also mit viel mehr Vorurteilen hin, als ich zurückgekommen bin."

Der Ruf des Ballermanns sei also nicht gerechtfertigt und genau wie bei ihm selbst, würden daher auch die medial geprägten Erwartungen von Ballermann-Urlaubern enttäuscht. In seinem Buch zitiert er dazu: "Wir entdecken einheitlich gekleidete Buchergruppen, die wohl die gleichen Erwartungen an den Ballermann 6 hatten wie wir, und nun enttäuscht und desillusioniert vor dem Strandcafe sitzen und sich bemühen, die herbeiphantasierte Stimmung doch noch Realität werden zu lassen."

Ende April wird Sacha Szabo erneut zum Saison-Opening zum Ballermann fahren. Er hofft, Jürgen Drews und Mickie Krause, "den König und den Schamanen des Ballermanns", und andere Protagonisten persönlich zu treffen. Neben den Ballermann-Protagonisten wird Sacha Szabos Aufmerksamkeit in Zukunft auch auf der Psychologie und der Soziologie des Grillens liegen. Eines können wir vorab schon verraten: Laut Sacha Szabo ist das Grillen einer der wenigen Bereiche, in denen sich Männlichkeit heutzutage noch in Pose werfen kann. Wir sind gespannt.

Verlosung

fudder verlost zwei Exemplare des Buchs "Ballermann. Das Buch" von Sacha Szabo und vier Ballermann Après Ski Party 2012 CDs. Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit seinem Namen und seiner Adresse sowie dem Betreff "Ballermann-CD" oder "Ballermann-Buch" an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Freitag, 4. Mai 2012, 12 Uhr.  Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt.

Mehr dazu:

[Bild 1: Promo; Bild 2: Jürgen Fälchle/fotolia.com; Bild 3: Simone Werner]