PH-Studenten klagen über zu hohe Belastung

Thomas Goebel

Lehramtsstudierende an der Pädagogischen Hochschule kritisieren massiv die Organisation ihrer reformierten Studiengänge. Die Arbeitsbelastung sei zu hoch, Leselisten ürden zu spät bekanntgegeben und die Modulprüfungen zu umfangreich.



Lernstoff sinnvoll aufzubereiten und zu organisieren – damit sollte sich eine Pädagogische Hochschule (PH) auskennen. Doch ausgerechnet der PH Freiburg werfen viele Studierende vor, ihre neuen Lehramtsstudiengänge seien "unstudierbar": Von fehlenden Veranstaltungen, verspäteten Literaturlisten und 69-Stunden-Wochen ist die Rede. Die Hochschulleitung verteidigt die neue Prüfungsordnung.


53 Prozent empfinden die Arbeitsbelastung als "unzumutbar"

Hörsaal 103 ist überfüllt: 300 Studierende drängen sich in den Raum. Es ist schon die zweite Vollversammlung von Lehramtsstudierenden innerhalb von 14 Tagen. Die Treffen organisiert hat eine Arbeitsgruppe von Studierenden im zweiten Semester. Sie sind die ersten, die nach einer neuen Prüfungsordnung studieren – und damit Probleme haben: Bei der ersten Vollversammlung im Mai wurden Fragebogen verteilt, die Ergebnisse der 378 Antworten sind laut der Initiatoren erschreckend.

53 Prozent empfinden demnach die Arbeitsbelastung als "unzumutbar", nur zwei Prozent als "niedrig" oder "angemessen". Die Literaturlisten, mit denen sich die Studierenden auf die anstehenden Prüfungen vorbereiten, bezeichneten überhaupt nur zwei Studierende als "klar, transparent und pünktlich". Und nur rund zehn Prozent sind sich sicher, dass sie die sogenannten Modul-Klausuren zum Ende des zweiten Semesters wie geplant schreiben können – die restlichen 90 Prozent sind je zu Hälfte noch unsicher oder stellen sich schon darauf ein, die Prüfungen erst später zu machen.

"Es geht nicht darum, weniger zu lernen", sagt Dominik Jenne. Er studiert Lehramt für Sekundarstufe I mit den Fächern Geschichte, Deutsch und Politik. Er sorgt sich um die Qualität des Studiums. Seine Kritik richtet sich gegen die in seinen Augen mangelhafte Organisation der neuen Studiengänge: "Theoretisch ist das vielleicht machbar", sagt er, "praktisch funktioniert es aber nicht."

Kaum zu leisten – oder sinnvoll verteilt?

Konkret geht es vor allem um die Klausuren, mit denen der Lernstoff der ersten beiden Semester – des sogenannten ersten Studienmoduls – geprüft wird. Eine Modul-Klausur fasst den Inhalt mehrerer Seminare und Vorlesungen eines Faches zusammen. In der Prüfungswoche, die Ende Juli stattfindet, müssen insgesamt fünf derartige Kompakt-Klausuren geschrieben werden.

Die Studierenden kritisieren diese Ballung, die sich dadurch verschärfe, dass die Prüfungswoche sehr früh liegt – und die Literaturlisten, die die Lerngrundlage bilden, spät verteilt wurden oder immer noch nicht vorliegen. So werde aus 36 Wochenstunden, die die Prüfungsordnung über das Jahr hinweg vorsehe, im Semester vor den Prüfungen ein rechnerischer Aufwand von etwa 69 Wochenstunden. Das sei kaum sinnvoll zu leisten – von ehrenamtlichem Engagement oder Jobs zur Studienfinanzierung ganz zu schweigen.

"Können wir wirklich in der Regelstudienzeit fertig werden?", fragt eine Studentin skeptisch im vollbesetzten Hörsaal 103. "Die neuen Studiengänge sind auf Studierbarkeit hin angelegt", hält Hans-Werner Huneke entgegen, Prorektor der PH für Studium und Lehre. Er stellt sich auf der Versammlung den Fragen der Studierenden. Deren Bedenken hält er für übertrieben und der Situation vor den Prüfungen geschuldet. Es sei "eine der Funktionen der Modul-1-Klausuren, dass diejenigen, die für ein Studium nicht geeignet sind, sie voraussichtlich nicht bestehen." Die Ballung am Ende des zweiten Semesters vermeide ständige Prüfungen; durch die neue Prüfungsordnung sei kein Stoff hinzugekommen: "Er wird nur hoffentlich sinnvoller verteilt."

"Beteiligt euch"

Huneke gesteht allerdings gewisse Anlaufschwierigkeiten zu: Noch könnten nicht alle Lehrveranstaltungen der neuen Studiengänge angeboten werden, weil parallel auch noch nach der alten Studienordnung studiert wird – das mache es für die Studierenden schwieriger, flexibel auszuwählen. Deshalb hat die PH für einige Klausuren einen Ausweichtermin Anfang Oktober eingerichtet – einmalig, wie Huneke betont.

Bei organisatorischen Fragen rät der Prorektor den Studierenden: "Sprechen Sie mit Ihren Dozenten – und tragen Sie es in die Gremien." Zumindest hier ist er sich mit den studentischen Kritikern einig: "Beteiligt euch", sagt Dominik Jenne auf der Vollversammlung zu seinen besorgten Kommilitonen: "Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass sich alles von selbst in Wohlgefallen auflöst."

Stichwort: Lehramt Die Pädagogischen Hochschulen bilden Lehrerinnen und Lehrer für Grundschulen und Sekundarstufe I (Werkreal-, Haupt- und Realschulen) aus. Künftige Gymnasiallehrer studieren meist an einer Universität. Zum Wintersemester 2011/2012 wurden die Studiengänge reformiert, sie sind in Module unterteilt und sehen Schulpraktika vor. Die grün-rote Landesregierung plant laut Koalitionsvertrag auch eine Reform: Langfristig sollen Lehrer nicht mehr für verschiedene Schularten, sondern für Altersstufen ausgebildet werden.

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Badische Zeitung: Pädagogische Hochschule wird 50 - Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten Badische Zeitung: Vizerekotor Schanz zu den Studienbedingungen an der Freiburger Uni [Bild: Thomas Kunz]