Pilotprojekt

Pflegeschüler an der Uniklinik übernehmen Station

Claudia Förster Ribet

Uniklinik testet mit Pilotprojekt, wie angehende Krankenpflegefachkräfte besser auf den Klinikalltag vorbereitet werden können. Das Ziel: Die Auszubildenden auf die Verantwortung vorzubereiten.

"Am Anfang war es ungewohnt", sagt Angela Pfaff, "weil sonst wir die sind, die zuschauen. Jetzt ist es andersherum." Obwohl die 23-Jährige noch in der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin ist, übernimmt sie seit drei Wochen verantwortungsvolle Aufgaben, die sonst examinierten Pflegekräften der chirurgischen Station Ecker an der Uniklinik vorbehalten sind. Unter dem Motto "Verantwortung übernehmen – neue Lernsituationen schaffen" läuft dort ein Pilotprojekt, bei dem die Station von Pflegeschülern geleitet wird.


"Krankenpflegeschüler bemängeln oft, dass sie zwar in der Arbeit am Patienten sicher sind, aber nichts von der Organisation im Hintergrund mitbekommen", erklärt Kerstin Krüger-Iyayi, Leiterin der Station Ecker. Dabei sei diese Hintergrundarbeit entscheidend. Es müssen Transporte zum OP organisiert werden, Schichten verteilt und Personallücken, etwa nach Krankmeldungen, gestopft. Das alles dürfen die Azubis in wöchentlich wechselnden Rollen jetzt selbst ausprobieren: Eine angehende Pflegefachkraft leitet die Station, andere koordinieren als Prozessverantwortliche die Aufnahmen und Entlassungen von Patienten und wieder andere sind für Service und Versorgung zuständig, also zum Beispiel für die Bestellung von Essen und Medikamenten.

Prioritäten zu setzen will gelernt sein

"In der ersten Woche mussten wir manchmal noch dazwischengehen, wenn sich ein Schüler verzettelt hat", erzählt Krüger-Iyayi. Zu den größten Herausforderungen gehöre dabei, den Überblick zu behalten, die Arbeit zu strukturieren und Prioritäten zu setzen. Mittlerweile habe sich das Team aber eingespielt und der Stationsalltag laufe flüssig.

"Der Anfang war schwer, denn plötzlich musste man unglaublich viel gleichzeitig im Blick behalten. Normalerweise sind wir nur für drei oder vier Patienten verantwortlich und haben ständig jemanden, der uns Anweisungen gibt", erzählt Pflegeschüler Sebastian Kühne, der zurzeit die Station leitet. Zwar sind auch während des vierwöchigen Schulprojekts examinierte Pflegekräfte in der Nähe, doch diese halten sich im Hintergrund und greifen nur dann ein, wenn ein Azubi explizit um Hilfe ersucht.

"Mir ist es besonders schwergefallen, Aufgaben an andere zu delegieren", berichtet Angela Pfaff von ihrer Woche in der Rolle der Stationsleiterin. "Man will alles allein schaffen, was natürlich nicht geht. Das zu erkennen und Arbeit abzugeben, ist gar nicht so einfach", sagt die junge Frau.
Krankenpflege als Beruf

Wer sich in Freiburg zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegefachkraft qualifizieren will, kann zwischen drei Ausbildungsanbietern wählen. Die Akademie für Medizinische Berufe der Uniklinik bietet 325 Ausbildungsplätze – plus 150 weitere Plätze speziell für Kinderkrankenpflege. Die Schule für Gesundheits- und Krankenpflege des Diakoniekrankenhauses zählt 60 Schülerinnen und Schüler, die Gesundheits- und Krankenpflegeschulen im Regionalverbund kirchlicher Krankenhäuser RKK am Loretto-Krankenhaus und am St. Josefskrankenhaus zusammen 140. Zugangsvoraussetzung ist die Mittlere Reife. Während der dreijährigen Ausbildung erhalten die Schüler in der Regel eine monatliche Vergütung zwischen 1090 und 1250 Euro. Bundesweit sind rund eine Million Menschen in der Krankenpflege tätig, davon sind rund vier Fünftel Frauen. Mehr als 40 Prozent der Pflegekräfte arbeiten in Teilzeit. Der tarifliche Monatsbruttoverdienst im öffentlichen Dienst liegt laut Arbeitsagentur zwischen 2700 und 3200 Euro.

Herausfordernd war der Verantwortungswechsel aber nicht nur für die Azubis. "Manchmal war es ganz schön anstrengend, mich zurückzunehmen", berichtet Krankenpflegerin Aline Osner über das Projekt. "Die Wahrheit ist: Wenn ich alles allein machen würde, wäre ich schneller", fügt sie hinzu. Als Belastung oder gar Zeitverschwendung sehen sie und ihre Kollegen das Projekt aber keineswegs. "Die Schüler haben sich in den vergangenen drei Wochen enorme entwickelt, mehr, als in einer gängigen Praxisphase nicht möglich gewesen wären", sagt Stationsleiterin Krüger-Iyayi.

"Eine gute Ausbildung für Pflegende ist eine wichtige Investition, um die Spitzenversorgung hier am Klinikum langfristig zu sichern." Björn Stark, Ärztlicher Direktor der Klinik für Plastische und Handchirurgie
Auch Björn Stark, ärztlicher Direktor der Klinik für Plastische und Handchirurgie und somit der Station Ecker, betont: "Eine gute Ausbildung für Pflegende ist eine wichtige Investition, um die Spitzenversorgung hier am Klinikum langfristig zu sichern". Geplant ist deshalb, die Station Ecker künftig zweimal jährlich zur Schulstation zu machen und das Projekt auch auf andere Bereiche der Uniklinik auszuweiten.

Und wie erleben Patienten das Projekt? "Der ein oder andere war etwas unsicher, aber das darf man als Schüler ja auch sein", sagt Patientin Anja Reinschmidt. "Mich stört das überhaupt nicht. So bekommen sie Verantwortung, ohne ins kalte Wasser geschmissen zu werden". Darüber ist auch Pflegeschülerin Angela Pfaff froh. Ihr Fazit zum Projekt: "Der Einblick in den wahren Alltag war sehr hilfreich – jetzt steht nach dem Examen kein riesiges Fragezeichen mehr".