Fünfter Prozesstag

Pflegemutter und Jugendamt sagen aus: So lief der fünfte Prozesstag ab

Florian Kech

Mit Spannung ist im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Maria L. die Aussage der Pflegemutter erwartet worden. Im Zeugenstand beschreibt sie Hussein K. als umgänglichen und selbstständigen jungen Mann. Der fünfte Prozesstag am Landgericht Freiburg im Liveblog.

Ein langer Verhandlungstag geht zu Ende. Am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt.

18.15 Uhr

Seit der Haft habe die Pflegemutter keinen Kontakt mehr zu Hussein. Er wiederum habe ihr mehrere Briefe geschrieben und sich darin auch entschuldigt für das, was er getan habe.

"Wie kann diese Aussage, sie würden jeden Abend gemeinsam essen, in den Bericht des Jugendamts gelangen?", hakt Oberstaatsanwalt Berger nach. "Hat Hussein geflunkert?" Dazu könne sie nichts sagen, antwortet S.

Der Oberstaatsanwalt kommt auf die Tatnacht zu sprechen. "Ich habe schon mit Hussein über die Tat geredet", sagt S. Das geschah während einer Autofahrt nur zwei Tage nach der Tat. Er habe geschwiegen und dann gesagt, er wüsste nichts davon. Danach seien sie einkaufen gegangen. Er sei vollständig geistesgegenwärtig gewesen. Sie hätte niemals für möglich gehalten, dass er etwas mit dem Mord zu tun haben könnte.

"Ist Ihnen am Körper etwas aufgefallen?", fragt Berger. "Nein, nichts", antwortet S.

Hussein-Verteidiger Glathe fragt, ob sie sich mit seinem Mandanten über DNA-Tests unterhalten habe, und dass man mit einer Probe den Täter dingfest machen könne. Die Pflegemutter bejaht die Frage, "aber Hussein hat kein Interesse an dem Thema gehabt".

Glathe stellt die Taschengeldfrage. Die Pflegemutter habe Hussein als "gestylt" beschrieben, er sei oft zum Friseur gegangen und sich Klamotten gekauft. Er habe bei ihnen gelegentlich im Garten gearbeitet und etwas dazu verdient, sagt S. Von Geldproblemen habe sie nichts mitbekommen.

Einmal habe er gesagt, er gehe nach Karlsruhe, um Sachen zu kaufen. Dann blieb er "zwei, drei Nächte weg", sagt S. Er habe Freunde getroffen. Um ihn seien immer Freunde gewesen. "Ich habe seinen Charakter so eingeschätzt, dass er nicht alleine kann", sagt S.

17.50 Uhr

Zeugin S. hat Platz genommen. Die 56-Jährige Pflegemutter von Hussein K. spricht mit französischem Akzent. "Ich sehe bei Ihnen keinen Anlass, dass Sie sich in irgendeiner Weise strafbar gemacht haben", sagt Richterin Schenk und verzichtet deshalb auf die in kritischen Fällen übliche Belehrung.

In der Flüchtlingseinrichtung im Münstertal habe Zeugin S. regelmäßig Jugendliche bei Arztbesuchen begleitet. Sie spricht Persisch, was die Verständigung erleichterte. Hussein wirkt jetzt aufmerksamer als während der vorherigen Zeugenvernehmungen, seine Körperhaltung ist aufrecht, der Dolmetscher übersetzt für ihn in seiner Muttersprache Dari.

Eigentlich hatten sie sich für einen anderen Flüchtling im Münstertal entschieden. Aber weil Hussein so einen traurigen Eindruck gemacht habe und man nach einer schnellen Lösung für ihn suchte, bot man ihm die Unterkunft in Ebnet an. Hussein lebte in einer 70-Quadratmeter-Wohnung, für die er einen eigenen Schlüssel bekam. Die Wäsche habe sie übernommen, "sauber hat er selber gemacht", sagt die Pflegemutter. "Ich musste ihn einlernen, aber er wurde sehr schnell selbständig." Im Wesentlichen habe er sich dann selbst versorgt.

Morgens sei sie immer zur Wohnung, um zu kontrollieren, ob er zur Schule gegangen sei. Manchmal musste sie ihn wecken. Sie achtete auch darauf, dass er die Wohnung sauber halte.

Wenn er nachmittags heimkam, sei er oft müde gewesen. Gemeinsam gegessen hätten sie nicht. Ein, zwei Mal habe sie ihn zum Essen eingeladen, doch sie habe schnell gemerkt, dass er kein Interesse an Gesellschaft habe. Freunde der Familie hätten sich gerne mit Hussein über seine Flucht und Ziele unterhalten.

Die Richterin verweist auf eine Aussage einer Mitarbeiterin des Jugendamtes, wonach Hussein K. mit der Pflegefamilie gemeinsam zu Abend gegessen habe. "Nein, das haben wir nicht", sagt Frau S.

400 Euro habe Hussein im Monat erhalten für Essen, Kleidung und Sonstiges. Als sie gemerkt habe, dass er mit dem Geld nicht klar komme, habe sie in Tranchen gezahlt. "Er konnte nicht richtig einteilen", sagt die Pflegemutter.

Meistens sei er um 17.30 Uhr von der Schule nachhause gekommen. "Hussein war selten alleine. Meistens war er mit Freunden unterwegs", sagt die Zeugin. Sie selbst habe die meisten von seinen Freunden gekannt und habe diese auch daheim, unter anderem in der Einrichtung in Umkirch, besucht und für sie übersetzt. "Die Freunde, die ich kannte, haben einen sehr vernünftigen Eindruck auf mich gemacht." Wenn sie Hussein fragte, was er und seine Freunde machten, habe er gesagt, sie lernten gemeinsam Deutsch. Einer seiner Freunde hatte psychische Probleme. Hussein habe einen positiven Einfluss auf diesen gehabt und dafür gesorgt, dass er keinen Alkohol trinke. "Das hat mich sehr beruhigt."

Erst im Nachhinein, als sie noch einmal den E-Mail-Verkehr mit der Schule checkte, sei ihr klar geworden, dass er im November viele Fehlzeiten hatte. Trotzdem habe er einen "sehr ausgeglichenen Eindruckt" auf sie gemacht. Es kam vor, dass sie ihn weckte und er gleich wieder einschlief. Oft habe er über Kopfschmerzen geklagt. "Dann habe ich ihm halt eine Entschuldigung geschrieben." Sie habe sich schon Sorgen um ihn gemacht, sagt die Pflegemutter.

"Weil wir wussten, dass das ein delikates Thema ist, haben wir nie über Religion geredet", sagt Frau S. In seiner Zeit im Münstertal habe sie mitbekommen, dass er mit dem Christentum liebäugelte. Aber ausführlich darüber geredet hätten sie nicht. Gebete oder andere religiöse Praktiken habe sie bei ihm nicht beobachtet. Er habe nur auf Schweinefleisch verzichtet und keinen Alkohol gekauft, sagt sie.

Gelegentlich habe Hussein auswärts übernachtet, bei Freunde, wie er der Pflegemutter sagte. Das habe sich im November gehäuft. Sie hatten eine Absprache getroffen, dass er immer anrufe und sage, wo er sich aufhalte. "Ich muss sagen, er war nicht so zuverlässig", sagt die Pflegemutter. Hussein habe dann behauptet, er habe sein Handy verloren.

"Wie oft war Hussein unter der Woche um 17.30 Uhr zuhause und blieb dann zuhause?", fragt die Richterin. "Zu achtzig, neunzig Prozent", gibt die Zeugin zur Antwort.

Die Pflegemutter lernte mit Hussein Deutsch, er habe schnell Fortschritte gemacht. Sie habe ihm angeboten, eine zusätzliche Deutschlehrerin zu engagieren. Doch er lehnte ab.

"Musste sich Hussein bei Ihnen melden, wenn er abends nachhause kam?", fragt die Richterin. "Nein, das nicht. Wenn er abends nicht zuhause war, bin ich davon ausgegangen, er ist nicht da", sagt S.
Seitdem klar ist, dass Hussein K. in einer Pflegefamilie untergebracht war, hält sich ein Gerücht hartnäckig: Pflegefamilien können bis zu 3000 Euro dabei verdienen. Was ist dran?

Die Pflegeeltern hätten ihm von Anfang an klargemacht, dass Drogen und Alkohol verboten seien. Erlaubt sei nur Rauchen im Garten gewesen. Manchmal habe S. in der Wohnung geprüft, ob es nach Haschisch röche, aber nie etwas feststellen können.

Husseins Stimmungen hätten nur am Anfang geschwankt. Nach den Sommerferien sei er immer ausgeglichener und selbstbewusster gewirkt, sagt S., die ihren ehemaligen Zögling als fröhlichen Jungen beschreibt. Er habe auch oft und gerne gesungen.

"Er hatte sehr viele Freunde", sagt S., überall habe er Leute gekannt. Sie habe ihn nie als aggressiv erlebt, kritisch sei er dagegen schon gewesen.

Die Pflegemutter begleitete Hussein oft zu Arztterminen. Oft seien Schlafprobleme der Grund gewesen. Immer wieder habe er sich Sorgen um die Mutter gemacht. Diese würde angeblich von einem Mullah bedroht. S. bot ihm an, mit der Mutter über einen Internetchat zu sprechen, doch dies habe er abgelehnt.

Hussein bekam ein Medikament verschrieben gegen den Schlafmangel, habe dieses nach einer Weile aber nur noch unregelmäßig eingenommen, sagt S.

"Er hatte so viele Pläne gehabt", sagt S. Er habe eine Schreinerlehre anfangen, einen Kiosk eröffnen oder Flugbegleiter werden wollen. Sie hätten ihn in allem unterstützt, sagt S.

Über das Alter habe sie sich nie mit Hussein unterhalten. "Da ich mit vielen Flüchtlingen zusammengearbeitet habe, weiß ich, das Alter ist nie richtig", sagt S. Einmal hatte sie ihm einen Geburtstagskuchen gebacken, worauf er gesagt habe, das sei nicht sein richtiger Geburtstag. Mehr sei darüber nicht gesprochen worden.

16.50 Uhr

Vor der letzten Zeugenvernehmung füllen sich die Plätze im Publikum. Das kann am Feierabend liegen, oder an der mit Spannung erwarteten Aussage von Husseins Pflegemutter. Sie hätte eigentlich schon am vergangenen Prozesstag vernommen werden sollen. Doch damals war die Zeit zu knapp. Die zähe Vernehmung von zwei Weggefährten des Angeklagten hatten zu lange gedauert.

16.00 Uhr

Es geht Schlag auf Schlag. Zeugin Nummer acht wird von der Richterin über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt, dann stellt sie sich vor. B. ist Studentin und hat im Rahmen eines Praxissemesters an einer Schule den Angeklagten kennengelernt.

Die Zeugin beschreibt Hussein als "Gentleman", er sei sehr zuvorkommend gewesen. Wenn Schüler störten, ermahnte er sie, zuzuhören. "Er war nicht so abweisend wie manch andere", sagt die Zeugin. Sie war zuversichtlich, dass er es in Deutschland schaffen würde. "Ich dachte, der möchte was erreichen."


An der Schule habe Hussein zwei Freunde gehabt. Er sei der Witzigste unter ihnen gewesen und der Kopf des Trios. Auch der Studentin hat Hussein von seinen Schlafproblemen berichtet. Daraufhin riet sie ihm, Beruhigungstees zu kaufen.

Er erzählte ihr auch vom Colombipark und dass er dort von Männern Geld für Sex angeboten bekäme. Er tat schockiert und habe gesagt, so etwas nie zu machen. Von Drogen habe er nichts erzählt. "Er war halt sehr oft müde und hatte Fehltage", sagt die Zeugin. Aber Alkohol habe sie nie an ihm gerochen.

In der Klasse sei auch über die Rolle der Frau diskutiert worden und die Frage, ob Frauen Sport treiben dürften. Viele arabische Schüler waren dagegen, weil Frauen Schleier tragen sollten. Hussein sei da toleranter als die meisten anderen gewesen.

Hussein sprach mit der Zeugin auch über seine Pflegefamilie. Er habe gesagt, dort viele Freiheiten zu genießen. Er habe selber gekocht und sei auch sonst nicht in ein "klassisches Familienleben" eingebunden gewesen.

15.36 Uhr

Es gibt neue Erkenntnisse über das Nicht-Erscheinen des ersten Zeugen. Richterin Schenk habe noch einmal die Akten durchgesehen und könne nicht garantieren, dass der Zeuge die Vorladungen je erhalten habe. Der Zeuge ist ein Bekannter des Angeklagten und lebte eine Weile in einer Einrichtung in Umkirch, die in der Zwischenzeit aber aufgelöst wurde. Seine Aussage soll an einem anderen Prozesstag nachgeholt werden.

15. 35 Uhr

Zeuge Nummer sieben ist Sozialarbeiter und lernte in der Einrichtung Wiese im Münstertal Hussein kennen. K. spricht Deutsch mit kurdischem Akzent. Die Jugendlichen seien dort rund um die Uhr betreut worden. Bis maximal 22 Uhr durften sie draußen unterwegs sein, mit besonderer Genehmigung eine Stunde länger.

"Hussein war genau wie die anderen Jugendlichen", sagt K. Einmal wurde er gerufen, als Hussein ausgerastet sei und mit der Faust gegen die Wand schlug. Er habe gesagt, er fühle sich nicht gut, man kümmere sich nicht um ihn, er wolle zum Arzt. Im Krankenhaus wurde er psychologisch untersucht. Hussein habe angegeben, seine Familie zu vermissen. Das sei das einzige Mal gewesen, dass Hussein auffällig geworden war. Man habe festgestellt, dass Hussein unter Atemnot leide, offenbar ein Asthmaanfall. Das sei auch der Grund gewesen, weshalb man ihn nach dem Ausraster in die Klinik gebracht habe. Über die Einnahme von Medikamenten oder eines Sprays wusste Zeuge K. nichts zu berichten.

Zeuge K. wollte mit Hussein über seine Vergangenheit und die Fluchterfahrungen sprechen. "Aber wir konnten uns nicht verständigen", sagt er.

"Persönlich habe ich ihn nie besoffen gesehen", berichtet K., aber er habe den Eindruck gehabt, dass Hussein Alkohol gegenüber aufgeschlossen sei. "Haben Sie mal Alkohol an ihm gerochen?", fragt die Richterin. Der Zeuge verneint. "Hätten wir Verdacht geschöpft, hätten wir einen Test machen lassen."

Hussein sei körperlich größer gewesen als die anderen, gibt der Betreuer an, aber an seiner Angabe, erst 18 zu sein, habe er nicht gezweifelt. N. beschreibt Husseins kindliche Züge. Er sei lustiger gewesen als die anderen, auch angenehmer und fröhlicher. Vor allem aber habe ihn Husseins "fortschrittliche Einstellung" beeindruckt. Der Angeklagte habe den Wunsch geäußert, zum Christentum zu konvertieren. Er habe seinem Betreuer auch von einem Imam erzählt, der seine Mutter bedrohte.

14.51 Uhr

Mit Zeuge Nummer sechs sagt ein 32-jähriger Schreiner aus Freiburg aus. N. gab einer Migrationsklasse einen Schreinerkurs. Zu den sechs Teilnehmern gehörte auch Hussein K. Pünktlichkeit sei nicht ihre Stärke gewesen. "Er war ein guter Schüler und relativ sozial", sagt N., Hussein sei sogar eine Entlastung für ihn gewesen, weil er schnell verstanden und sein Wissen den anderen Schülern vermittelt habe.

Schreiner N. hatte bei einer Schreinerei angefragt, ob sie für Hussein eine Stelle frei hätten. Doch dort wurde nicht ausgebildet. Hussein habe auch kein Interesse an einem Holzberuf gehabt, weil dort seiner Meinung nach zu wenig Geld verdient würde. Er bevorzugte einen Job in der Kfz-Branche.

Alkoholisiert oder im Drogenrausch habe er Hussein im Kurs nie erlebt, sagt N. "Er wurde in Ruhe gelassen und musste sich nicht messen", sagt N. Hussein habe eine Autorität ausgestrahlt. Er habe sehr auf sein Äußeres geachtet und ständig die Frisur gewechselt. Damit war er unter den Schülern aber keine Ausnahme.

Im November, also nach der Tat, wirkte er "ein bisschen zurückgezogen und melancholisch", sagt Zeuge N. auf Nachfrage des psychiatrischen Sachverständigen Hartmut Pleides.

14.34 Uhr

Die Verhandlung wird nach der Mittagspause mit Zeugin Nummer fünf fortgesetzt. Im Zeugenstand sitzt Frau R., eine 61 Jahre alte Lehrerin aus Freiburg. Sie war Klassenlehrerin von Hussein K. Sie unterrichtet die Fächer Deutsch, Mathe und lebensbezogene Kompetenz. In einem Jahr sollte ihr Schüler Hussein den Hauptschulabschluss machen.

Sie hat ihn insgesamt nur etwa dreißig Tage unterrichtet, bevor er im Dezember festgenommen wurde. Mit zwei Klassenkameraden sei er enger befreundet gewesen, manchmal störten sie den Unterricht, redeten laut auf Afghanisch miteinander. Nach einigen Ermahnungen stellten sie die Störungen ein. "Mein Eindruck war, dass Hussein der Drahtzieher war", sagt Zeugin R.

Hussein sei öfters verspätet zum Unterricht erschienen und habe dies auf seine Schlafstörungen geschoben. Darüber habe die Lehrerin auch mit den Pflegeeltern gesprochen. Wenn er gefehlt habe, habe er den Unterrichtsstoff am Nachmittag nachgeholt, sagt Frau R. "Er hat zu den leistungsstärkeren Schülern gehört, mit einer schnellen Auffassungsgabe." Die Lehrerin hatte Hussein mehr als den Hauptschulabschluss zugetraut. Manchmal erschien er ihr unterfordert.

Husseins Verhalten ihr gegenüber beschreibt die Lehrerin insgesamt als "höflich und korrekt". Nur einmal erlebte sie ihn "wie in einer anderen Welt", als er während eines Tests teilnahmslos aus dem Fenster starrte. Hussein fiel bei dem Test dann durch.

Hussein wurde eine Lehrstelle als Schreiner in Aussicht gestellt. Das Angebot wurde vom Arbeitgeber dann aber zurückgezogen, nachdem dieser einem anderen Lehrling den Vorzug gegeben hatte.

Die Richterin fragt, ob sie etwas von Husseins Alkoholkonsum mitbekommen habe. "Ich hatte einen Verdacht", sagt die Lehrerin. Ein Drogentest sei aber nie veranlasst worden. Im Unterricht sei er nie als berauscht aufgefallen.

Seine Altersangabe hielt die Lehrerin für glaubwürdig. Hussein hatte damals behauptet, er sei minderjährig. Hussein sei kein fröhlicher Schüler gewesen, eher "verstimmt und verschlossen", sagt Zeugin R.

12.11 Uhr

"Mein Eindruck von Hussein war, dass er die Selbstverantwortung eines Teenagers hatte", beschreibt Zeugin L. die von ihr festgestellte Unreife des Angeklagten. Mittelfristige Ziele ihrer Betreuung seien gewesen, ihn in eine Ausbildung zu bringen und dass er selbständig den Haushalt bewältige.

Die Zusammenarbeit mit der Pflegefamilie sei sehr zugewandt und freundlich gewesen, sagt L. "Es gab aber nicht viel Kontakt. Es gab dieses eine Gespräch", sagt die Zeugin.

Es habe keine Auffälligkeiten bei Hussein gegeben, sagt S., und auch an der Altersangabe "gab es keine begründeten Zweifel." Auf die kritische Nachfrage des Oberstaatsanwalts sagt sie: "Hinterher ist man immer schlauer."

11.59 Uhr

Zeugin Nummer vier betritt den Gerichtssaal. Frau L. ist Sozialpädagogin beim Jugendamt Breisgau-Hochschwarzwald. Sie koordiniert Hilfen für Flüchtlinge. Als Hussein zur Pflegefamilie in Ebnet zog, übernahm sie die Zuständigkeit für ihn.

"Betreutes Einzelwohnen" nenne man die Unterkunft, die Hussein in Ebnet zuteil wurde, erklärt die 34-Jährige. Sie hatte im September 2015 einen so genannten Hilfeplan für Hussein aufgestellt und danach, im August 2016, ein Hilfeplangespräch mit ihm geführt. Ob diese Reihenfolge üblich sei, fragt Richterin Schenk. Die Zeugin bejaht die Frage.

Er habe damals zu achtzig Prozent die Schule besucht, die Fehlzeiten begründete er mit den "niedrigen Tätigkeiten" im Praktikum, auf die er keine Lust hatte. Er habe angegeben, dass er sich bei den Pflegeelfern in Ebnet wohl fühle und dort auch bleiben möchte.

In der Anfangszeit sei er Klassenbester gewesen. Das habe später nachgelassen, sei aber immer noch zufriedenstellend gewesen, sagt Sozialpädagogin L.

Er gab an, viel Sport zu treiben, dass ihm aber der Antrieb fehlte. Außerdem habe er gesagt, gerne zu singen. Daraufhin habe S. ein längeres Gespräch mit ihm über Gesangsmöglichkeiten geführt. Wegen seiner Schlafprobleme sei ihm von der Kinderpsychiatrie ein Schlafmittel verschrieben worden. Man habe auch über eine Therapie nachgedacht, verwarf die Idee aber, weil seine Deutschkenntnisse noch nicht ausreichend gewesen seien. Man habe die Therapiepläne aber nicht verworfen, sagt L.

"Haben Sie über Drogen gesprochen?", fragt die Richterin. "Ich wusste, dass er Nikotin raucht", antwortet Zeugin L.

11.34 Uhr:

Der dritte Zeuge nimmt Platz. Herr S. ist 58 Jahre alt und arbeitet beim Jugendamt. Er hatte den Erstkontakt von Seiten der Behörde mit Hussein K. Am 12. November 2015 bekam er Hussein K. zugeteilt. Innerhalb von sieben Tagen führte er ein Gespräch mit ihm, um die Minderjährigkeit zu überprüfen. Ein Dolmetscher und eine Kollegin unterstützen ihn. Das Gespräch fand am 18. November statt. Zuvor hatte sich Hussein nach seiner Ankunft direkt bei der Bundespolizei gemeldet und um Hilfe gebeten. Das sei bei Flüchtlingen so üblich, sagt S.
"Er war sehr auskunftsfreudig und so hat sich für uns ein klares Bild ergeben." S. Mitarbeiter des Jugendamts Breisgau-Hochschwarzwald
Bei dem sogenannten Clearing-Gespräch befragten sie Hussein über seine Herkunft. Er habe berichtet, in Afghanistan geboren worden zu sein, seinen Vater 2012 verloren zu haben. Er sei bei der Mutter aufgewachsen, habe in der sechsten Klasse die Schule geschmissen. Danach sei er in den Iran zum Arbeiten, wo sich bereits sein Bruder aufhielt. Weil die Taliban versucht hätten, ihn als Krieger zu akquirieren, schloss er sich einer Schlepperbande an und flüchtete nach Griechenland.

Bei den Mitarbeitern des Jugendamts gab Hussein an, unter Asthma zu leiden und bat um psychologische Hilfe. Der 12. November 1999 sei das Geburtsdatum gewesen, das Hussein damals genannt habe. "Uns kamen die Angaben plausiblen vor", sagt S. "Er war sehr auskunftsfreudig und so hat sich für uns ein klares Bild ergeben", sagt S. Weitere Überprüfungen betrachtete man als nicht notwendig.

Der Mitarbeiter des Jugendamts hat einen Aktenordner vor sich, in dem er immer wieder nachschlägt, wenn die Richterin etwas genauer wissen will. Er wirkt sehr gut vorbereitet.

Seit 2011 beschäftige S. sich im Jugendamt mit Flüchtlingen. Das Clearinggespräch mit Hussein sei das sechzigste oder siebzigste dieser Art gewesen. "Wir waren personell sehr gut aufgestellt und hatten die notwendige Zeit." Es dauerte ungefähr neunzig Minuten, das entspräche dem Durchschnitt.

"Er wirkte in dem Gespräch authentisch. Die Traumatisierung wirkte für mich nicht nachvollziehbar", sagt S. Er habe von einer strapaziösen Flucht gesprochen, aber keine Details genannt. Von einem Missbrauch durch Mullahs oder Alpträumen sei nicht die Rede gewesen. "Er hatte jugendliche Gesichtszüge, keinen Adamsapfel erkennbar, keine Brusthaare", sagte S., "von daher war die Altersangabe plausibel für uns." Der Zeuge darf gehen.

11.13 Uhr:

"Hatte Hussein mal eine Freundin", fragt Verteidiger Glathe. Das habe er ihm erzählt, antwortet Zeuge H., aber gesehen habe er nie eine.

"Wir sind nur zum Trinken nach Freiburg gegangen", erinnert sich Zeuge H. "Hier kann man chillen und Spaß haben." In der Regel habe man sich bereits nachmittags getroffen und im Edeka Wodka besorgt. "Der Einschenker sorgt dann dafür, dass alle gleich viel abbekommen." Ein Sachverständiger will es genau wissen: "Hat Hussein mehr getrunken als die anderen?" "Einmal hat er mehr getrunken, einmal weniger", antwortet H. Danach wird er aus dem Zeugenstand entlassen. Er atmet auf.

10.59 Uhr:

"Haben Sie sich mit Hussein über sein Alter unterhalten?", fragt Richterin Schenk den zweiten Zeugen. "Sie wissen, dass Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, kein richtiges Datum angeben?", fragt Zeuge H. zurück. In einer früheren Vernehmung sagte H., Hussein sei 21. "Ich habe ihn so verstanden, dass er sagte, er sei volljährig. Aber der Hussein ist so ein Junge, der seine Privatsachen niemandem erzählt."

"Bei uns ist es üblich, dass man sich älter macht, damit man Respekt bekommt", antwortet H. Auf die Frage der Richterin, ob er Hussein geglaubt habe, dass er 21 Jahre alt sei.

Die Richterin kommt auf Griechenland zu sprechen, wo Hussein eine junge Frau von einer Klippe stürzte und sie schwer verletzte. Hussein habe nur davon erzählt, dass es Stress gegeben habe und er Probleme gehabt hätte. Die Aufmerksamkeit des Zeugen scheint nachzulassen, er hat immer wieder Schwierigkeiten, der Richterin zu folgen.

Gegenüber der Polizei gab H. an, Hussein habe ihm erzählt, er habe in Griechenland einen jungen Flüchtling sexuell missbraucht. Daran kann er sich heute nicht mehr erinnern. Hussein habe ihm aber von Bordellbesuchen berichtet, die in Griechenland viel billiger seien als in Deutschland.

Hussein sei in Deutschland sehr viel unterwegs gewesen, sagt H. Manchmal sei er nach Hamburg gefahren, um dort Ecstasy zu besorgen. "Hatte er deswegen Ärger bekommen, weil er so viel unterwegs war? Zum Beispiel von seiner Pflegefamilie?", fragt Hussein-Verteidiger Sebastian Glathe. "Davon habe ich nichts mitgekriegt", antwortet H.

10.26 Uhr:

Auf unsere Nachfrage bestätigt der Anwalt der Nebenklage, Eckart Berger, der abwesende erste Zeuge sei ein Freund des Angeklagten.

Die Verhandlung geht weiter. Der zweite Zeuge, ein weiterer Freund Hussein K.s, wird von der Richterin vernommen. H. wohnt heute in der Flüchtlingsunterkunft in Eschbach und ist 19 Jahre alt. Hussein und er kennen sich aus einer Wohngruppe im Münstertal. Dort verbrachten die beiden im vergangenen Jahr zusammen mit anderen Afghanen etwa ein halbes Jahr.

Er beschreibt Hussein als "freundlichen, netten Jungen". Sie tranken zusammen Wodka und Whisky im Colombipark, manchmal auch in Bars oder im Schwimmbad. Die Richterin interessiert sich für die Menge des konsumierten Alkohols. "Eine Flasche Wodka für zwei Personen", antwortet der Zeuge, er wirkt sehr relaxt. Hussein K. folgt den Aussagen ohne Regung, den Blick meist zum Boden gerichtet.

"Nein, er war nie aggressiv" Zeuge H.
"Wenn ich besoffen war, habe ich auch Leute beschimpft, doch meine Freunde haben mich zurückgehalten", sagt H. Sein Freund Hussein sei auch oft besoffen gewesen, aber sich in der Gruppe kontrolliert verhalten. "War er auch mal aggressiv", hakt die Richterin nach. "Nein, er war nie aggressiv", sagt H. "War er mit Worten aggressiv?", fragt die Richterin. "Mit Männern schon, aber Frauen gegenüber nicht", sagt H., der betont, dass es normal sei, dass man sich als Flüchtling auf der Straße manchmal wehren müsse.

H. Berichtet von einem Streit mit Hussein K., eine verbale Auseinandersetzung, es ging um eine Uhr. Danach hatten sie keinen engeren Kontakt mehr.

9.42 Uhr:

Während der knapp einstündigen Unterbrechung bleiben nur der Anwalt von Maria L.s Eltern sowie der Dolmetscher im Saal. Eine Zuhörerin spricht diesem ihr Kompliment aus. Sie verfolge den Prozess von Anfang an und staune, mit welcher Ruhe er den Angeklagten übersetze. "Das ist mein Job", sagt der Dolmetscher und bedankt sich.

9.27 Uhr:

Der Anruf der Richterin schlug fehl. Die Befragung des ersten Zeugen fällt aus, die Verhandlung geht um 10 Uhr weiter. Um welchen Zeugen es sich handelt, bleibt unklar. Manche Gerichtsreporter vermuten, es sei ein Kumpel des Angeklagten.

9.15 Uhr:

Um 9.05 Uhr wird Hussein K. in Fußfesseln, begleitet von vier Polizisten in den Gerichtssaal geführt. Ratlosigkeit zu Beginn: Der erste Zeuge erscheint nicht. Richterin Kathrin Schenk sagt, sie habe seine Handynummer und werde nun versuchen, ihn anzurufen. Falls er nicht kommt, kann der Prozess erst in einer Stunde mit dem zweiten Zeugen fortgesetzt werden. In wenigen Minuten wissen wir mehr.
Was wird am fünften Prozesstag verhandelt?

Kurz nachdem Hussein K. nach Freiburg kam, soll er zu trinken angefangen haben. Fast jeden Abend sei er in der Drogenszene abgehangen, habe Haschisch geraucht, sogar Heroin konsumiert. Haben seine Pflegeeltern in Freiburg-Ebnet, wo er sich von April 2016 bis zur Festnahme am 2. Dezember aufhielt, von den Exzessen nichts mitbekommen? Und fiel ihnen nach der Tatnacht nichts Verdächtiges an ihrem schutzbefohlenen Flüchtling auf? Diese Fragen gehören zu den ungeklärten Rätseln des Dreisam-Mord-Prozesses.

Am Nachmittag des fünften Prozesstags wird die Pflegemutter von Hussein K. befragt. Zuvor treten zwei Mitarbeiter des Jugendamts Breisgau-Hochschwarzwald in den Zeugenstand. Insgesamt sind neu Zeugen geladen. Die Verhandlung beginnt um 9 Uhr und wird voraussichtlich bis in den frühen Abend dauern.

Rückblick

Der afghanische Flüchtling Hussein K. ist angeklagt des heimtückischen Mordes in Tateinheit der schweren Vergewaltigung. Seit dem 5. September 2017 läuft der Prozess gegen den jungen Mann. Die Jugendkammer mit Richterin Kathrin Schenk hat insgesamt 16 Verhandlungstage angesetzt, die sich über knapp drei Monate erstrecken. Im Prozess sollen 45 Zeugen und zehn Sachverständige zu Wort kommen. Das Urteil könnte am 8. Dezember fallen.

Wer war Maria L.?

Der Name Maria L. hat traurige Bekanntschaft erlangt. Bundesweit berichten Medien im Rahmen des Prozesses über den mutmaßlichen Mörder. Das Opfer tritt dabei in den Hintergrund. Wer war Maria L.? Wie erinnert man sie? Mehr dazu

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