Interview

Pferdestall, Würschtlepuff und Roter Punkt: So wild war früher das Freiburger Nachtleben

David Weigend

Wer glaubt, die Nachtschwärmer seien in Freiburg früher ruhiger und sittsamer gewesen, liegt daneben. Ein Gespräch mit den Party-Veteranen Armin Schäfer und Bernd Winkler über das wilde Freiburger Nachtleben in den 70er- und 80er-Jahren.

Armin Schäfer und Bernd Winkler empfangen den Reporter an einem kalten Dezembernachmittag in ihrem spanischen Restaurant in der Wiehre. Winkler trägt Hemd und Krawatte, Schäfer Poloshirt und Kochschürze. Das Lokal ist noch geschlossen. Sie setzen sich an einen Tisch neben der Glasfront, mischen Apfelschorle und warnen gleich davor, dass dieses Gespräch etwas länger werden könnte. Dann lehnen sich die beiden zurück und malen ein Freiburger Sittengemälde – aus einer Zeit, als die Stadt noch hedonistischen Charakter hatte.


BZ: Herr Winkler, wann sind Sie eingestiegen ins Freiburger Nachtleben?
Winkler: 1978 bot mir Michael Grünwald an, im "Pferdestall" Geschäftsführer zu werden. Ich war 24, ein junger Bursche, und schlug ein. Grünwald hielt im Nachtleben die Fäden in der Hand. Liiert war er mit Gina Wildkatze, Betreiberin der Playboybar, Diva von Freiburg. Einmal standen die beiden vor einem Blumengeschäft. Gina blickte ins Schaufenster und sagte, sie wisse gar nicht, welche Blume sie haben wolle. Grünwald ging rein und rief: "Ich kaufe alles, was hier rumsteht."

BZ: Wie hat man sich den "Pferdestall" vorzustellen?
Winkler: Als Szenetreffpunkt. Nachtschwärmer und Gestalten aus der Halbwelt tummelten sich dort. Das Lokal befand sich an der Ecke Bertoldstraße / Niemensstraße, im jetzigen "Aspekt", mit Erdgeschoss und Keller. Rustikale Einrichtung. Dennoch mit Klingel und Türsteher. Das war Usus bei den Clubs der 70er. Getanzt wurde oben wie unten. Im Keller sammelte sich jenes Publikum, das Intimität schätzte. Da wurden auch Geschäfte gemacht, mitunter halblegale.

BZ: Hatte der Pferdestall eine harte Tür?
Winkler: Es gab viele, die wir nicht drinhaben wollten. Dazu gehörte auch der Morat, Ober-Zuhälter Freiburgs. Ein gefürchteter Mann. Wenn der kam, verkrümelten sich die Gäste. Einmal lief er im Suff im Würschtlepuff ein. Das war ein Imbiss mit Nachtkonzession am Holzmarkt -sehr beliebt, weil du ja damals nach 22 Uhr nirgendwo mehr etwas zu essen bekamst. Außer im Löwen in der Herrenstraße, da gab es bis um 3 Uhr Schweinshaxe mit Sauce Béarnaise.

BZ: Wir schweifen ab.
Winkler: Pardon. Da kam also der betrunkene Morat eines Nachts in den Würschtlepuff und befahl allen Gästen, Liegestützen zu machen. Wer nicht parierte, bekam Backpfeifen. Wenn es ihm gefiel, ging Morat auch mal mit einer Kalashnikov durch die Stadt. Die Polizei hielt die Füße still.

BZ: Andererseits ließ das Milieu auch Geld in Ihren Bars liegen.
Winkler: An manchen Abenden kamen die Huren im Taxi vorgefahren. Geld, zumal schnell verdientes, spielte keine Rolle. Die Damen bestellten Krimsekt für 1000 Mark. Sie wollten sich gegenseitig zeigen, wie gut es ihnen ging. Doch manchmal kippte die Stimmung, wenn sie es übertrieben und sich zu sehr provozierten.

"Wer einen Porno schauen wollte, bezahlte am Einlass 15 Mark und bekam dafür eine Schachtel Pralinen. Man sah damals die ganzen Opas mit diesen Pralinenschachteln unterm Arm durch die Stadt laufen."

BZ: Gab es eigentlich Porno-Kinos in Freiburg?
Winkler: Das erste Sexkino befand sich in der Löwenstraße 8, in jenem Gebäude, wo auch der Astoria-Lichtspielkomplex beheimatet war. Für die Konzession verpflichteten sich die Betreiber, keinen Eintritt zu verlangen. Wer einen Film schauen wollte, bezahlte am Einlass 15 Mark und bekam dafür eine Schachtel Pralinen. Man sah damals die ganzen Opas mit diesen Pralinenschachteln unterm Arm durch die Stadt laufen.

BZ: Welches Tanzlokal galt in den 70er Jahren als erste Adresse in Freiburg?
Winkler: Der "Römische Kaiser", im Keller vom Schuhhaus Salamander. Da spielten Tanzkapellen und es bedienten Kellner im Smoking. An manchen Abenden standen die Gäste bis zum Martinstor Schlange. Geführt wurde der "Kaiser" von Stadtrat Peter Poralla. Stets prüfte er bei den Kellern, ob die Schuhe gewichst und die Fliegen sauber gebunden waren. Poralla gab den "Kaiser" aus gesundheitlichen Gründen auf. Nach einer erfolglosen Episode namens "Downtown" eröffnete Rubin Safro an gleicher Stelle das "Alt Freiburg No.1". Dort wurde ich Geschäftsführer.

BZ: Welche Künstler traten im "Alt Freiburg" auf?
Winkler: Roland Kaiser, Roy Black, Bill Haley, Percy Sledge…

BZ: …der Sänger von "When a Man loves a Woman"?
Winkler: Genau. Der Laden war brechend voll. Der Mann muss sich vorm Auftritt irgendwas reingepfiffen haben. Jedenfalls ist er gleich zu Beginn von der Bühne gefallen und hatte Mühe, wieder auf die Beine zu kommen.

BZ: Haben die Musiker selbst gesungen?
Winkler: Teilweise. Einmal war der Schlagersänger Gerhard Wendland da, mit Perücke und Voll-Playback. Während des Auftritts verwickelte sich das Tonband. Katastrophe.

BZ: Stimmt es, dass Thomas Gottschalk bei Ihnen aufgelegt hat?
Schäfer: Ja, das war ungefähr 1982. Im "Landhaus", Humboldtstr. 3, hatte Burda eine Modenschau organisiert. Als Moderator fungierte Gottschalk, danach legte er noch eine Stunde Platten auf. Für den Abend kassierte er 500 Mark.
Winkler: Im "Landhaus" trat auch mal Peter Maffay mit Band auf, allesamt langhaarige Rocker. Mittags trugen sie die Instrumente rein. Rubin Safro, dem der Club gehörte, sah das und sagte mir: "Lassen Sie das Gesindel nicht rein. Die machen uns den Laden kaputt. " Ich erklärte ihm: "Wir sind ausverkauft, die Karte für 40 Mark." Darauf Safro: "No ja. Vielleicht sind’s doch ganz nette Jungs."

"Die Leute, die dort arbeiteten, liefen in orangefarbenen Klamotten rum und wirkten wie nach einer Gehirnwäsche. Alles happy, alle lucky. Sie zündeten Kerzen an, tanzten barfuß und beteten dabei. Ich hab’ die Nummer nie kapiert." Armin Schäfer über die Bhagwan-Disco
BZ: Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, dass es in den 80er Jahren in Freiburg auch eine gut besuchte Bhagwan-Disco gab.
Schäfer: Ja, in den Räumen des "Agar". Der Laden war schneeweiß gestrichen und taghell. An einer Wand hing ein riesiges Bild des Gurus Osho. Musik lief nur in Zimmerlautstärke. Fünf Mark Eintritt, um Mitternacht wurden die Gäste rausgeschmissen. Die Leute, die dort arbeiteten, liefen in orangefarbenen Klamotten rum und wirkten wie nach einer Gehirnwäsche. Alles happy, alle lucky. Sie zündeten Kerzen an, tanzten barfuß und beteten dabei. Ich hab’ die Nummer nie kapiert.
Winkler: Vereinsamte Menschen fühlten sich davon angezogen. Sobald man der Sekte beitrat, konnte man an Gruppensex teilnehmen. Die hatten ein großes Haus in der Kartäuserstraße, da haben sie wild rumgevögelt.

BZ: Und all das in der Erzdiözese Freiburg. Eigentlich müsste man doch annehmen, dass es im Nachtleben früher prüder zugegangen sei.
Schäfer: Im Gegenteil. Ich glaube, die Leute hatten deutlich mehr Spaß. Das war in den Siebzigern viel lockerer. Man ging aus, trank, flirtete, tanzte miteinander und landete in der Kiste.
Winkler: Auch in den Clubs gab es Sex. Wir hatten im Landhaus und später im Divino eine Toilettenfrau. Sie hatte die Anweisung, nicht einzugreifen, wenn zwei Leute in einer Kabine verschwanden. Das kam oft vor.

BZ: Abgesehen von Dreisameck und Schwarzwaldhof – wo feierten die Alternativen?
Schäfer: In der "Tangente" in der Nußmannstraße – Vorgänger vom Sound. Das war in den 80ern ein richtiger New-Wave-Laden. Der vielleicht wichtigste Club für die alternative Szene war der Rote Punkt am Münsterplatz. Ein tiefer Gewölbekeller neben dem historischen Kaufhaus. Da drang nichts raus. Ende der 70er ging es da richtig rund.
Winkler: Mittwochs und samstags gab es Live-Gigs und in den Pfeifen wurde so manches geraucht. Viele schwärmen noch heute vom psychedelischen Flair im "Roten Punkt".

BZ: Welche Etablissements gab es?
Winkler: Adolf Heer betrieb die Reginabar und den "Traber". Das waren Striptease-Schuppen mit Separee. Der Offenburger Dietmar Binkert hatte die Arenabar und das Mon Chérie in der Grünwälderstraße. Einmal kam da ein Kerl rein, mit ungefähr 25.000 Mark in der Tasche. Das Geld hatte er seiner Oma abgenommen. Er haute damit eine Woche lang auf den Putz. Am letzten Tag ging ihm die Kohle aus, er konnte die Zeche nicht mehr zahlen. Die Damen riefen die Polizei und es kam heraus, dass der junge Mann erst 17 war. Daraufhin musste das Mon Cheri schließen.

BZ: Heute treffen sich junge Leute zum "Vorglühen", bevor sie einen Club besuchen. Gab es das früher auch schon?
Schäfer: Das war absolut unüblich. Man verabredete sich in Kneipen und Discos, Handys gab es ja nicht. Das "Landhaus" öffneten wir auch im Sommer bei schönstem Wetter um 20 Uhr, sieben Tage die Woche. Um 20.30 Uhr legte der DJ erstmal 20 Minuten Foxtrott auf.
Winkler: 150 Gäste waren heiß aufs Tanzen. Wenn der DJ mal später anfing, pfiffen sie ihn aus.
Schäfer: Um 22 Uhr hieß es "Damenwahl". Da war es so voll, dass wir keinen mehr reinließen.
Winkler: Die Leute waren in den Achtzigern immer auf der Gasse. Egal, ob Mittwoch oder Samstag.

BZ: Haben die Leute damals weniger gearbeitet?
Winkler: Nein. Auch der Krankenstand war nicht höher. Viele sind um 5 Uhr ins Bett und um 7 Uhr aufgestanden. Irgendwie funktionierte das, ich kann mir das auch nicht erklären. Die Leute setzten sich auch mal mit sechs Gin Tonics im Blut ans Steuer. Es gab weniger Verkehrskontrollen. Mich haben sie sicher fünf Mal rausgewunken. Ich war ja ein bunter Hund, wohnte am Messplatz und fuhr einen Chevrolet Camaro. Die Polizisten meinten nur: "Bernd, jetzt machsch’ keine Stadtrundfahrt mehr. Fahr heim, aber auf dem schnellsten Weg."
BZ: Heieiei.
Winkler: Einmal war ich so dicht, da meinten die Polizisten: "Wir bringen dich heim." Ich stieg in den Streifenwagen, der zweite Kollege fuhr meinen Camaro nach Hause.

"Die Polizeibeamten kamen in ihrer Freizeit gern zu mir an die Bar. Denen habe ich immer erstmal einen schönen Chivas hingestellt."

BZ: Hat die Polizei dafür Gegenleistungen erwartet?
Winkler: Man kannte sich gut. Die Herren kamen in ihrer Freizeit gern zu mir an die Bar. Denen habe ich immer erstmal einen schönen Chivas hingestellt.

BZ: Sie haben auch noch in den Neunzigern viele Trends in Freiburg erkannt und umgemünzt: Technopartys im Gottlieb-Lager, das schrill-undergroundige "Unverschämt", später die Eurodance-Disco "H3" und der Ibiza-House-Laden "Divino". Dann zogen Sie sich peu a peu zurück. Sind Diskotheken nicht mehr lukrativ?
Schäfer: Die Neunziger waren noch recht ausgehfreudig. Nach der Jahrtausendwende kippte das Nachtleben, seitdem geht die Clubkultur in meinen Augen den Bach runter. Man kann als Diskobetreiber in Freiburg kein Geld mehr verdienen. Allein, die üppigen Pachten zu erwirtschaften, ist hart. Läden mit Niveau sterben weg. Die Geschichte ist durch. Leider.
Bernd Winkler

Der 64-Jährige wuchs in Gundelfingen auf. Abitur in Freiburg, Hotel-Fachschule in der Schweiz. Stationen im Freiburger Nachtleben: Pferdestall, Alt Freiburg No.1, Sam’s, Unverschämt, H3, Divino, Freiburg Bar. Seit 2015 führt Winkler ein spanisches Restaurant mit seinem Lebenspartner…

Armin Schäfer

Der gebürtige Sauerländer ( 57) kam 1979 nach Freiburg. Er begann im "Landhaus" an der Garderobe und wurde später Geschäftsführer diverser Lokalitäten, die er gemeinsam mit Bernd Winkler betrieb.

Bilder gesucht:

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