Peter Kenzelmann: Honeckers Archivar

Adrian Hoffmann

Bei seiner Städtereise nach Berlin vor zwei Jahren wäre der Freiburger Peter Kenzelmann (36, oben links) wahnsinnig gerne in ein DDR-Museum gegangen. Eines, das sich thematisch mit dem Alltag der DDR-Bürger beschäftigt. Das Problem war: Es gab keines. Die Tourismuszentrale teilte ihm nach kurzer Recherche mit, dass es eines in Holland gäbe. Da musste er kurz lachen, und ein paar Wochen später dachte er sich, dann macht er’s halt selbst. Seit dem 15. Juli hat Berlins DDR-Museum geöffnet.

Was bei der Umsetzung Kenzelmanns Idee herausgekommen ist, hört sich Erfolg versprechend an. Aber etwas komisch ist es schon, dass ein Freiburger nach Berlin kommen muss, um dort ein DDR-Museum zu eröffnen. “Das ist eben der Blick von außen”, sagt Kenzelmann, der in Freiburg Völkerkunde, Soziologie und Politikwissenschaft studiert hat und auch weiterhin in Freiburg lebt. Für Berliner sei das selbstverständlich, zu wissen, wie der DDR-Alltag aussah, für den Rest von Deutschland ist es das wohl weniger.


Zuerst wollte Kenzelmann, der hauptberuflich Personaltrainer ist, die Sache etwas kleiner aufziehen. “Ich dachte an eine umfunktionierte 3-Zimmer-Wohnung”, sagt er. Doch dieser erste Gedanke ist schnell verflogen, als viele Leute aufgesprungen sind und Interesse zeigten, seine Idee zu unterstützen.

Mittlerweile besteht das Team aus 16 Mitarbeitern, darunter mit Dr. Wolle auch ein bekannter Historiker. Und da Kenzelmann ein Macher zu sein scheint, suchte er sich in Berlin ein Projektbüro; suchte bei Ebay nach DDR-Überbleibseln. Von den bis jetzt zusammen getragenen 10000 Objekten sind 1000 im Museum zu sehen, alles ersteigert, gekauft oder gesponsert.

“Alltag eines vergangenen Staates zum Anfassen” ? das ist der Slogan für das DDR-Museum, und das ist es auch, was Kenzelmann den Besuchern bieten will:

Interaktivität. Die Museumslandschaft ist ein einziger Plattenbau, 400 Quadratmeter groß. Das ist das beherrschende Stilelement. Bevor die Besucher in das DDR-typisch eingerichtet Wohnzimmer kommen, wo gerade Aktuelle Kamera läuft, gehen sie an einem Abhörgerät vorbei und lauschen, was die Besucher vor ihnen im Wohnzimmer zu sagen haben. Und neben einer Ostjeans hängt eine Westjeans, damit man den Unterschied sehen und auch spüren kann. Und im ausgestellten Trabi wird man demnächst den Motorsound hören, sobald man aufs Gaspedal tippt.



Es hat einige Zeit gedauert, bis Kenzelmann die Banken überzeugt hat. Ein Museum, so die verbreitete Bankersicht, muss Minus machen, geht gar nicht anders. Kenzelmann ist da anderer Ansicht.

Er ist so überzeugt von seinem Vorhaben, dass er sich auch die beste Lage für sein Museum ausgesucht hat, in unmittelbarer Nachbarschaft der Berliner Dom, Palast der Republik, des Lustgartens und der Humboldt-Universität, fünf Minuten vom Alex entfernt - die absolute Touri-Meile. “Ich gehe davon aus, in eineinhalb bis zwei Jahren das investierte Geld wieder drin zu haben”, sagt Kenzelmann, die Besucherzahlen stimmen für den Anfang: 400 am Tag statt erwarteter 250.

Dass das so weitergeht, daran zweifelt Initiator Kenzelmann nicht. Allein die vielen Schulklassen, die bei ihren Ausflügen dort vorbei pilgern könnten -  schöne Aussichten! Denn die Frage ist ja auch: Was machen die in Berlin? Holocaust-Mahnmal, vielleicht noch Checkpoint Charlie. “Da fehlt doch dann was”, findet Kenzelmann.

Etwas Anschauliches und gleichzeitig etwas, dass sowohl über Geschichte als auch über den Alltag der DDR-Bürger informiert. “Ich wollte kein reines Gruselkabinett, in dem es um Mauertote geht. Ich will Diskussionen anregen.”



Peter Kenzelmanns Top-5-Museumshighlights:

 
  • Die Druckmaschine der Friedensbewegung. Sie war das erste Objekt, das von der Stasi beschlagnahmt und auf öffentlichen Protest hin wieder zurückgegeben wurde.
  • Der Filmprojektor von Ulbricht und Honecker, “Ein Riesenmonster”, wie Kenzelmann sagt.
  • Der Trabi P601 im klassischen Papyrusweiß. Auf einem Monitor sind DDR-Straßen zu sehen, durch die man virtuell fährt. Und beim Tritt aufs Gaspedal soll man in kürze den Sound hören.
  • Ein Mauerdiorama.
  • Das Wohnzimmer, dessen Besucher man mittels Abhörgerät abhören kann, und in dem den ganzen Tag über die Aktuelle Kamera läuft.

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