Konzertkritik

Pet Shop Boys in Baden-Baden: Das Geheimnis ewiger Jugend

Peter Disch

Wie der Nostalgie entgehen, ohne die eigene Geschichte zu leugnen? Die Pet Shop Boys haben darauf bei ihrem Konzert in Baden-Baden eine Antwort gegeben.

Pop ist längst alterslos. Musik entzweit die Generationen kaum noch. Die Demarkationslinie zwischen Eltern und Kindern verläuft woanders. Was früher der Pop war, ist heute das Digitale. Internet-Hypes, Smartphone-Apps, Social-Media-Trends und die damit verbundene Sprache trennen die Welt der Jungen von der der Alten, die da nicht mehr mitkommen und deshalb draußen bleiben müssen, allein mit ihrem hilflosen Argwohn und der Hoffnung, dass das, was sich hinter ihrem Rücken auf den Monitoren abspielt, schon nicht so schlimm sein wird.


Pop ist Musik, die schon vor langer Zeit in ihren besten Jahren und der Mitte der Gesellschaft angekommen ist – also ihren Frieden mit sich und dem Leben gemacht hat. Dem Publikum kann das egal sein. Hits bleiben Hits, so unvergänglich wie die damit verbundenen Erinnerungen – über das ein oder andere käsige Arrangement, das den Test der Zeit nicht bestanden hat, lässt sich im Zweifel hinweghören. Für Musiker – zumindest die mit künstlerischem Anspruch und Erwartungen an sich selbst – ist die Sache dagegen nicht so einfach. Wie der Nostalgie entgehen, ohne die eigene Geschichte zu leugnen? Wie relevant und zeitgemäß bleiben, ohne sich anzubiedern?

Die Pet Shop Boys haben sich dafür entschieden, diese Frage anzugehen, in dem sie diese in ihren Songs und auf offener Bühne verhandeln. Beim umjubelten Auftritt am Montag im Festspielhaus Baden-Baden vor Best Agern aus ganz Baden-Württemberg nutzte das Duo dafür besonders "The Pop Kids". Das Lied, zu Beginn und am Ende des zweistündigen Programms gespielt, erzählt vom Jungsein und dem Moment, in dem sich Gleichgesinnte finden, um danach im Moment und der Musik aufzugehen. "The Pop Kids" ist eine Hommage an die Clubkultur der 90er und den Zauber durchtanzter Nächte, allerdings – und das ist seit jeher die Qualität des Duos – ohne schales Pathos zu bemühen oder in selbstmitleidige Wehmut zu verfallen.

Dass man den Pet Shop Boys das abnimmt, hängt mit Sänger Neil Tennant zusammen. Er ist Ich-Erzähler und Chronist zugleich und verschmilzt so den unmittelbaren Eindruck mit dem einordnenden Blick zurück – eine Doppelrolle, die nur einer wie er einnehmen kann, der im Alter von 62 Jahren immer noch eine Stimme hat, die so unschuldig und naiv klingt wie die eines kleinen Jungen.

Die Rückbesinnung auf die goldene Ära von Rave und Techno, die 2013 mit dem Album "Electricity" begann und 2016 mit der Platte "Super" fortgesetzt wurde, erlaubt den Pet Shop Boys, ihre alten Hits, die im Kern Pop sind, in die Gegenwart zu holen und nicht einfach so zu reproduzieren, wie "Domino Dancing", "Opportunities" oder "It’s A Sin" klangen, als sie vor 30 Jahren veröffentlicht wurden.

Ausgerechnet beim Klassiker "West End Girls" funktioniert die Idee, das Original mit Schichten von Beats und Sounds aufzupolstern, nicht. Der Song braucht einfach Luft, um zu atmen und so seine unwirklich-unheilvolle Stimmung zu entfalten. Sonst aber geht das Konzept auf. Unterstützt von cleveren Projektionen und der besten Lasershow, die es für Geld zu kaufen gibt, werden aus Songs dann auch mal Stücke, machen Melodien Platz für den Rhythmus, wird das Konzert für Minuten zum basslastigen Rave.

Dass sich die Pet Shop Boys für ihre Updates bei Italo und Euro Disco, bei Trance und Großraum-Techno bedienen – also Sounds nutzen, die selbst retro sind – ist dabei kein Widerspruch. Schließlich bedient sich der Pop der Gegenwart selbst schon lange ungeniert bei seiner Vergangenheit. Im Prinzip ist das das Geheimnis ewiger Jugend. Wer alterslos ist, der bleibt für immer jung.