Pervertiertes Schwarzwälder Unternehmertum: Matthias Nawrat beim Bachmannpreis

Inés Gutierrez

Kindheitserinnerungen mit Tieren - das Themenspektrum der diesjährigen Bachmannpreistexte kippte 2012 schon fast lachhaft stark in diese Richtung.Ein kindliches Ich erzählte auch in Matthias Nawrats Geschichte "Unternehmer". Nawrats Lesung eröffnete den dritten und letzten Tag der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt; den 33jährigen, der unter anderem in Freiburg studierte, hatte Jurorin Hildegard E. Keller für den Bachmannpreis vorgeschlagen.



Diesmal ist die Handlung im südlichen Schwarzwald angesiedelt. Ein junges Mädchen an der Schwelle von Kindheit zu Jugend beschreibt ihr Familienleben, in dem der Vater alte Elektro- und Elektronikgeräte auf Rohstoffe auschlachtet, dabei seine beiden Kinder als Helfer einsetzt. Die alternative Lebensweise der Familie erinnert an gesellschaftliche Aussteiger, die den Kapitalismus hinter sich lassen wollen; das Ziel, das der Vater als Traum vorgibt, ist die Auswanderung nach Neuseeland. Das Unternehmertum, das bereits der Titel der Erzählung nennt, ist ein ziemlich abseitiges: Der Vater scheint kein Problem damit zu haben, dass sein Sohn bei der Jagd nach alten Maschinenteilen einen Arm verliert: „Weil ein Unternehmen seine Opfer fordert.“ Auch die Sprache orientiert sich nicht am üblichen Gebrauch, macht sich durch künstliche Substantivierung sperrig. Und die Tiere? Diesmal hatten wir Frösche in einer Nebenrolle.


Jurorin Daniela Strigl nannte die Erzählung, die ihr gefallen habe, eine „Parodie des Familienidylls“, die ein Kleinunternehmen der besonderen Art zeige. In einer ganz besonderen Sprache würden Menschen gezeigt, die ihre existenziellen Niederlagen in Triumphe uminterpretierten. Sie erwähnte auch die Pubertätsgeschichte, die eingewoben sei, äußerte ihre Dankbarkeit dafür, dass die Frösche nicht gequält wurden.

Ein postapokalyptisches Szenario hatte Paul Jandl gesehen, in der die kalte Industriewelt (für ihn war das Schlüsselwort „Anlassversprödung“) kontrastiert werde mit dem Traum des Mädchens von einer weichen Welt. Er nannte den Text originell und zu Herzen gehend. Dem stimmte Burkhard Spinnen zu - er war allerdings enttäuscht, keine Fortsetzung zu bekommen dieser „behüteten bundesrepublikanischen Welt“, in der jede Bäckerei noch ein Stühlchen bereit stellt. Er habe eine Exposition bekommen mit einer schlicht aufgemachten Pubertätsgeschichte, die dann einfach aus war.

Hubert Winkels gab Spinnen inhaltlich recht, sah das aber nicht als Problem. Er lobte die sprachliche Konzentration auf technische Hybride, in der auch Metallspulen Herzen seien. Doch für ihn sei der Text „verrutscht“ mit zu vielen disparaten Elementen. Hildegard E. Keller meldete sich, sie „helfe meinen beiden Kollegen gerne auf die Sprünge“. Denn für sie zeige der Text exemplarisch, was Literatur vermag. Die Sprecherfunktion des Ich führe vor, wie ein Kinderbewusstsein gestaltet sei: Das Mädchen verteidige ihre Position als Assistentin mit Stolz, glaube sich im freiwilligen Konsenz mit den Vorgaben des Vaters - und bemerke nicht, dass es sich um ein erzwungenes Einverständnis handle. Die Träume von Neuseeland seien im Grunde die der Kinder; der Vater halte sie lediglich im Gang. Unklar war Keller aber der Vater: Sei er ein Kleinkrimineller? Arbeitslos? Der Autor löse diese Schlüsselfigur nicht auf. Für sie zeigte die Geschichte ein Fenster aus der beschriebenen Trostlosigkeit: die Liebe.

Schwierigkeiten mit dem Text hatte Corina Caduff: Sie habe keine Orientierung darin gehabt, so wenig, dass sie begonnen habe, die zahlreichen Fachbegriffe aus der Chemie und der Elektrotechnik zu googlen. Dennoch fand sie toll, wie trotz unwirklicher Atmosphäre die Erzählperspektive der Tochter gestaltet sei. Die Pubertätsszene habe sie zwar überrascht, doch sie habe vor allem die Sprache gemocht.

Meike Feßmann nannte den Text eine „moderne und glückliche Variante von Hänsel und Gretel“ und war damit die einzige Leserin, die keine Düsternis und Trostlosigkeit gesehen hatte. Für sie war er eine realistische Geschichte aus dem Schwarzwald mit ganz gelöster Stimmung. Daniela Strigl wandte ein, dass sie in diesem Realismus keinen Vater unterbringen könne, der seinen Sohn einen Arm verlieren lässt. Für Strigl handelte es sich um einen Kommentar zum Kapitalismus: Die Familienmitglieder würden ja als konkurrierende Arbeitskräfte geschildert.

Eine Aussteigergemeinschaft sind die Figuren der Geschichte für Paul Jandl: „Eine Familie erschafft sich einen privatökonomischen Kreislauf.“ Das war für Burkhard Spinnen sogar die Überblendung eines bundesrepublikanischen Szenarios zu einer Favela-Familie, die mit Abfall ihren Lebensunterhalt bestreitet. Er fand den Text „wunderbar“, aber „als erstes Kapitel - bitte weitermachen“.

Wer den diesjährigen Lesemarathon gewinnt, steht am Sonntagvormittag fest: Die Preisverleihung findet am Sonntag um 11 Uhr statt und wird von 3Sat übertragen.

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