Pennergame: Obdachlos und cool dabei

Philip Hehn

Das "Pennergame" wurde 2007 von zwei 20-jährigen Hamburgern entwickelt. Inzwischen vermelden die Betreiber der Website 1,6 Millionen Spieler. Das Spiel versetzt den Spieler in die Rolle eines Obdachlosen, Ziel des Spiels ist, reich und mächtig zu werden, was immerhin 40.000 Spieler geschafft haben. Sie wohnen jetzt in einem virtuellen Schloss. Was soll das Ganze?



Ist das Satire, wie die 20-jährigen Betreiber des Spiels versichern? Es scheint überflüssig, sich über Obdachlose noch lustig zu machen. Bohlen, Schäuble, Benedikt XVI. – aus den Egos der Reichen und Mächtigen muss hin und wieder Luft abgelassen werden, damit die Bodenhaftung nicht verloren geht. Damit wird „Opfer“ und Umwelt ein Dienst erwiesen. Auch Otto Normalverbraucher neigt zur Selbstüberhöhung. Viel näher als ein Obdachloser kann man dem Boden der Tatsachen nun nicht mehr kommen.


Geht es also darum, mit satirischen Mitteln Aufmerksamkeit für soziale Probleme zu wecken? Wie sieht der virtuelle Penneralltag aus? Ich melde mich bei „Pennergame“ an, erteile meiner Spielfigur den Auftrag, 12 Stunden lang Pfandflaschen zu sammeln, und lege mich schlafen. Zum Frühstück erwarten mich neben 20 Euro, die mir das Spiel für meine virtuelle Straßenmusik zuteilt, auch 676 Pfandflaschen im Wert von immerhin 90 Euro. Neun Euro investiere ich in eine Plastiktüte, um das Geld transportieren zu können.



Langsam verstehe ich, wie ich trotz meines Mittelschichteinkommens auf der Straße gelandet bin: Ein Sprung in die Spree, der meine „Sauberkeit“ um 20 Punkte steigert, kostet 6 Euro. Nicht nur das kostet Geld. Meine Spielfigur muss mit Alkohol zum Lernen motiviert werden. Bei 3,45 Promille habe ich laut Statusanzeige „gute Laune“ und „fühl[e] mich wohl“, meine Lerngeschwindigkeit steigt.

Ist das Konzept einer aufklärerischen Absicht geschuldet? Wohl kaum. Der Spieler bekommt aus dem Spiel keinerlei Informationen über das Dasein als Obdachloser. Und: So lange er genug Zeit in seinen Charakter investiert und es vermeiden kann, von einem anderen Spieler ausgeraubt zu werden, ist der Aufstieg zum Schlossherr quasi garantiert. Schicksalsschläge? Fehlanzeige.

Tatsächlich muss man eine ganze Weile suchen, bis man auf der Internetseite des Spiels einen Hinweis darauf findet. Den Erfindern mag es am Herzen liegen, etwas für Obdachlose zu tun, der Spieler bleibt von der Realität verschont. Probleme wie Kälte, Hauterkrankungen, Zahnverlust und Psychosen kommen im Spiel gar nicht oder in humorigen Nebensätzen vor. Die „Berliner Sorgenpost“, die interne „Zeitung“ des Spiels, beschränkt sich auf launige „Kampfberichte“ und Albernheiten, die Nachrichtenseite des Spiels liefert Hinweise auf das Merchandisingangebot.



 Das Ganze ist eine „Satire“ auf den Humor von Menschen mit Empathiedefizit. Was es nicht ist, ist ein Spiel. Die Bedienung ist entsetzlich und der Spielablauf erschöpft sich im für Online-Rollenspiele typischen Statistikunfug. Vier Punkte mehr Musikfähigkeit ermöglichen den Kauf eines besseren Musikinstruments, das klangvollere Straßenmusik ermöglicht und somit mehr Geld einbringt. Außerdem kann ich Nahkampf- und Bildungspunkte kaufen und mit anderen Spielern um Geld kämpfen.

Halte ich, warum auch immer, lange genug durch, sitze ich am Ende als eine Art Kreuzung aus Terminator und Nobelpreisträger in einem Schloss. Der „Penner“ des Pennergame-Titelbildes ist cool und irgendwie stylish mit seiner schicken Sonnenbrille. Er grinst, neben sich eine angeheiterte Cartoon-Bierflasche. Das Bild spricht Bände.

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