Paul Kalkbrenner: Ein DJ, der sein Ding durchzieht

Anne Lena Mösken

"Hast du das Lied 'Sky and Sand' von Paul Kalkbrenner?" Diesen Musikwunsch bekommt jeder Elektro-DJ im Laufe eines Partyabends mehr als ein Mal zu hören. Kein Wunder, denn mit diesem Song aus dem Film "Berlin Calling", in dem Kalkbrenner als Hauptfigur auftrat, wurde er zum Star. Kalkbrenner bereist die Welt, spielt auf ausverkauften Tourneen und ist allgegenwärtig in der Clubkultur. Und trotzdem nicht richtig greifbar. Wer ist dieser Mann? Eine Annäherung.



Paul Kalkbrenner
redet nicht mit jedem. Man könnte ihn also für schüchtern halten, für zurückhaltend, für einen, der nicht mehr im Rampenlicht stehen möchte als nötig, der seine Person für nicht so wichtig hält, kein Star sein will und also nicht einsehen mag, welches Interesse die Öffentlichkeit an seiner Person haben sollte. Da ist schließlich seine Musik und vielleicht denkt Kalkbrenner, so könnte man sich vorstellen, sie stehe für sich. Punkt. Kein Interview nötig.


Vielleicht ist es auch Vorsicht, denn gibt er doch eines seiner seltenen Interviews wie im Frühjahr der Welt, dann seziert der Reporter am Ende jedes noch so kleine Stück Kalkbrenner bis hin zur Farbe seiner Boxershorts (grau), die während des Interviews aus dem Koffer auf dem Hotelbett gelugt haben muss. Oder es ist Arroganz: Keine Interviews gibt der, der keine Öffentlichkeit nötig hat, der es geschafft hat und sich fortan aussuchen kann, mit wem er redet – und mit wem nicht.

Was auch immer hinter Paul Kalkbrenners Exklusivität steckt: Der Mann ist ein Rätsel. Er sei Deutschlands „unbekanntester Superstar“ fasste der zu den wenigen Auserwählten gehörende Welt-Reporter zusammen. Kalkbrenner verkaufte bisher über 100 000 Platten. Trotzdem ist er zurzeit bei keinem Label unter Vertrag, weder Sony noch Universal konnten Kalkbrenner bisher durch ihre Marketingmaschine jagen.

Weil sein altes Label Bpitch Control sich zudem geweigert haben soll, an Media Control zu zahlen, gab es für die Plattenverkäufe lange auch keine Chartsplatzierungen. Kalkbrenners Konzert in Berlin vor drei Monaten war mit fast 10 000 Tickets binnen kürzester Zeit ausverkauft, ebenso der Rest seiner Deutschlandtournee. Das hat etwas Anachronistisches. Die Zeit der Mega-Raves und Techno-Superstars ist eigentlich vorbei. Marusha, Westbam, Sven Väth, Paul Van Dyk – sie alle sind in den 90ern groß und heute erwachsen geworden. Raves stammen aus dieser Zeit nach der Wende, als sich in Berlin, dem Epizentrum dieser neuen Musik, Ost und West vereinten: Loveparade und Mayday wurden zu Megaevents, auf der die Raver Toleranz und Gleichberechtigung feierten.

Heute ist Techno wieder individueller geworden, elektronische Musik gehört in die Clubs und je größer die sind, desto weniger Underground haftet ihnen an, und „Underground“ ist ein Label, das in der Szene wie ein Gütesiegel wirkt. Chartsplatzierungen ineressieren hier niemanden. Und dann kommt Kalkbrenner mit einer Musik, die sich in keine Schublade stecken lässt, die mal „Neo-Trance“ genannt wird, mal „Techhouse“, ohne dass irgendeine dieser Wortschöpfungen Kalkbrenners Musik so richtig trifft. Massentauglich ist sie, mit eingängigen Melodien, aber auch oft schwer und ein wenig düster. Auf jeden Fall immer emotional, mitreißend.

Es war dieser Film, „Berlin Calling“, der Paul Kalkbrenner 2008 in die Riege der Techno-Stars katapultierte. Und weil Kalkbrenner in „Berlin Calling“ einen DJ spielt, die Musik in dem Film ebenfalls von ihm stammt, meint man diesen Mann zu kennen. Kalkbrenner und Film-DJ Ickarus morphen zu derselben Person. Ickarus landet in der Psychiatrie, nachdem er eine schlechte Pille genommen hat, und seinen Seelenstriptease dort kann man schnell für Kalkbrenners eigenen halten. Dabei ist die Handlung in dem Film natürlich frei erfunden, Kalkbrenner selbst sagt immer wieder: „Ich könnte nie auf Drogen Musik machen. Das würde ich mir als Allerletztes antun.“

Paul Kalkbrenner ist 1977 in Leipzig geboren worden. Musik hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. In der Grundschule wird er entdeckt, weil er eine klare, laute Stimme hat. Er geht auf eine staatliche Musikschule in Ostberlin, lernt Trompete, bis er in die Pubertät kommt und keine Lust mehr hat stundenlang Zuhause zu üben, während seine Freunde draußen Fußball spielen und den Mädchen hinterher pfeifen. Mit seinem Freund Sascha Funke beginnt Kalkbrenner schließlich Anfang der Neunziger in Lichtenberger Jugendclubs aufzulegen. Die klassische Musikausbildung hat ihm nie viel genützt, sagt er heute. „Entweder man hat ein musikalisches Gefühl oder nicht“, so einfach ist das.



Kalkbrenner hat dieses Gefühl. Und als er die ersten Male im legendären Club Ewerk auf der Tanzfläche steht, ist das wie ein Aha-Erlebnis: Techno, das ist es. Kalkbrenner schmeißt die Schule. Als seine Eltern ihn zur Bundeswehr schicken wollen, weigert er sich. 1997 schließlich macht er ein Praktikum beim Fernsehen, arbeitet danach als Producer bei ARD und ZDF, bei RTL und Premiere. Nebenbei bastelt er an seiner eigenen Musik, bringt schließlich seine erste Platte raus. Das war 1999.

Dann nimmt ihn Ellen Allien auf ihrem Label Bpitch Control unter Vertrag. Seitdem sind zahlreiche Alben und EPs von Kalkbrenner erschienen, zuletzt kamen nach und nach die Songs aus „Berlin Calling“ raus, „Sky and Sand“ und „Train“, nebenbei arbeitete Kalkbrenner an Remixen für 2Raumwohnung, Moby und Rammstein. Für „Berlin Calling“ hatte Paul Kalkbrenner Regisseur Hannes Stöhr zunächst beratend zu Seite gestanden. Doch irgendwann fragte Stöhr ihn, ob er nicht die Hauptrolle übernehmen wolle. Und Kalkbrenner sagte einfach: „Klar“. Stöhr verbot ihm, Schauspielunterricht zu nehmen, Kalkbrenner sollte so authentisch wie möglich rüberkommen. Und tatsächlich sagt Kalkbrenner, die Art wie DJ Ickarus in dem Film Musik produziert und live spielt, das sei dann doch er, eins zu eins. 100 000 Zuschauer sahen den Film in den Kinos. Ein Segen, wenn man so will, und doch Fluch zugleich, für die gesamte Szene.

Der Berliner DJ Tanith etwa ließ sich auf seinem Blog lang und breit darüber aus, dass er mittlerweile bei Gigs außerhalb der Hauptstadt ständig gefragt würde, wann er denn endlich Kalkbrenners „Sky and Sand“ spielen würde, statt Visuals lief dann hinter ihm die Projektion von „Berlin Calling“.

„Man kriegt das Kotzen“, schrieb Tanith im Blog, der Film ist zu einer Ikone geworden, „Berlin Calling“ ist nicht nur ein Film, er ist Berlin, er ist Techno. Kalkbrenner ist Techno. Und wird das jetzt selbst nicht mehr so richtig los: „Natürlich weiß ich, dass, wenn ich auflege, alle noch mal die Berlin Calling-Dinger hören wollen, aber Sky and Sand gibt es nur noch als Zugabe, wenn überhaupt und dann auch noch in verschachteltem Remix. Man weiß zwar, wenn ich das nun spiele, würde hier alles Kopf stehen, aber man muss auch mal den nächsten Step machen.“

Auf der Sea of Love nun wird Kalkbrenner wieder einmal vor Tausenden Zuschauern spielen. Vielleicht lässt er sich dann überzeugen, und wird seine Hymne am Ende spielen. „Wenn ich von der Bühne gehe und die immer noch schreien, dann wollen wir mal nicht so sein“, zeigte er sich gönnerhaft im Vorfeld. Und auch auf dem Festival wird er wohl mal wieder nicht mit jedem reden, sondern nur mit ein paar Auserwählten, mit Smudo von den Fantastischen Vier zum Beispiel, er freue sich darauf, ihn kennenzulernen, sagt Kalkbrenner, genau wie 2Raumwohnung, für die er ja gerade remixte, die er aber bisher noch nie persönlich kennen gelernt hat. Ansonsten wird Kalkbrenner wohl das machen, was ihn vielleicht am meisten mit „Berlin Calling“-DJ Ickarus verbindet: Sein Ding durchziehen, ohne darauf zu hören, was Aussenstehende sagen.

Paul Kalkbrenner - Sky and Sand LIVE @ Dome, Lindau 31.05. 09

Quelle: YouTube

[youtube ER8e9rO8XNg nolink]

Verlosung

fudder verlost drei Fanpacks, bestehend aus je ein Mal zwei Festivaltickets (Samstag & Sonntag) und einer Sea of Love-CD, zusammengemixt von Fedde La Grand für die Sea of Love 2010. Wer gewinnen möchte, schickt eine Nachricht mit seinem richtigen Namen und dem Betreff "Sea of Love" an unserem Redaktionsuser

fudder-Redaktion.

Einsendeschluss
ist Freitag, 16. Juli 2010, 12 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt. Schaut also in euren Posteingang.
  Was: Sea of Love
Wann:
Samstag, 17. - Sonntag 18. Juli 2010
Wo
: Tunisee Freiburg
Tickets:
BZ-Kartenservice 01805/55 66 56 (0,14 €/Min. aus dem dt. Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 €/Min.): Tagesticket Samstag: €48, Tagesticket Sonntag: €29, Festivalticket (Samstag & Sonntag): €69

Mehr dazu: