Paul Kalkbrenner bringt seine "Back To The Future"-Show zum Sea You-Festival

Bernhard Amelung

Mit seinen Shows füllt Paul Kalkbrenner weltweit Stadien. Auf seiner "Back To The Future"-Tour schickt er seine Hörer in die Anfangszeit des Techno.

Der Bass dröhnt. Die tiefen Frequenzen drücken aufs Trommelfell. Sie lassen den Brustkorb vibrieren. Kickdrums pochen. Snaredrums schlagen im Stakkato. Ein Sechzentel-Gewitter entlädt sich über Hunderten tanzenden Körper. In der Mitte des Raumes würden sie die Druckwellen noch stärker spüren. Wie Thomas, der an diesem Abend im Mai von Erfurt nach Frankfurt gefahren ist. "Endlich knüppelt Paule", schreit der 32-Jährige außer Atem. Er steht unmittelbar vor der Bühne der Batschkapp, einem Konzertlokal im Osten der Stadt. 270 Kilometer hat er mit vier Freunden, alle Anfang Dreißig, zurückgelegt, um Paul Kalkbrenner zu sehen, Deutschlands Techno-Pop-Superstar.





Mit melodiösem Techno in die Charts

Kalkbrenner füllt mit einer melodiös treibenden Interpretation von Techno Konzerthallen, die 15.000 Personen und mehr fassen. Er spielt regelmäßig Bühnenshows in Las Vegas und auf Ibiza. Die Baleareninsel ist der tonangebende Mittelpunkt für Techno. Wer es dort schafft, schafft es überall. Paul Kalkbrenner hat es geschafft. Sein letztes Album ist 2015 erschienen und trägt den schlichten Titel "7". In Deutschland verkaufte es sich mehr als 100.000 Mal. Goldstatus. Goldstatus erreichte der 40 Jahre alte Produzent und Elektronikmusiker auch in Österreich und der Schweiz.



Rote und blaue Laserstrahlen zerschneiden die Dunkelheit der Batschkapp. In den Lichtreflexen sind die Tanzenden nur schemenhaft erkennbar. Es dürften rund 1.500 Menschen sein. Die Batschkapp ist ausverkauft. Ein geradezu intimer Rahmen für Kalkbrenners "Back To The Future"-Show, mit der er seit April dieses Jahres unterwegs ist. Am Sonntag, 16. Juli, macht er auch beim Sea You-Festival in Freiburg Station.

Der Showtitel ist Programm. Kalkbrenner, 1977 in Leipzig geboren und als Kind im Ostberliner Stadtteil Lichtenberg aufgewachsen, besinnt sich darin auf seine musikalischen Anfänge. Diese liegen im Berlin unmittelbar vor und nach der Wendezeit. Die Zeit, in der Techno zur Popbewegung avancierte. Als Teenager besucht Partys, die auf verlassenen Industriearealen und ersten Techno-Clubs stattfinden. Allen voran E-Werk, WMF und Tresor.

Auf akustischer Zeitreise

Der Soundtrack dieser Zeit klingt harsch und roh. Seine Produzenten lebten in Chicago und Detroit, Sheffield und Leeds, aber auch in Frankfurt und Berlin. Ihre Stücke gelten heute als Klassiker dieses Genres. "LFO" von LFO und "Pacific State" von 808 State zum Beispiel. Über 80 solcher Stücke hat Kalkbrenner für seine Show ausgewählt, bearbeitet und zunächst als DJ-Mix auf seiner Webseite veröffentlicht. Diese Versionen arrangiert er bei seinen Auftritten mittels Sampler und Mixer stets neu.



In der Dunkelheit der Batschkapp ist Paul Kalkbrenner nur als Silhouette zu erkennen. Sanft wiegt er seinen Oberkörper zu den monotonen Beats vor und zurück. Seine Finger flitzen über die Dreh- und Schiebregler des Mischpults. Er berührt sie. Er berührt sie nicht. Je nach Lichtwurf verschwindet er im diffusen Licht. Paul Kalkbrenner wirkt schattenhaft, schemenhaft. Jeder Schlaks mit Glatze könnte ihn darstellen. Mit Identitäts- und Wirklichkeitsebenen spielt Kalkbrenner selbst seit neun Jahren. 2008 spielte er eine Hauptrolle in "Berlin Calling", Hannes Stöhrs Spielfilm über die Szene der elektronischen Clubmusik in Berlin.

Kalkbrenner verkörperte die Figur des DJ Ickarus, wie er ein Produzent und Elektronikmusiker. Im Film ist Kalkbrenner-Ickarus ein Mann, der im Drogen-, Musik- und Liebesrausch gefangen ist. Der Süddeutschen Zeitung sagte er damals, die Filmfigur entspreche ihm zu 49 Prozent. Figur und Schauspieler lassen sich seit diesem Zeitporträt nicht mehr trennen können.



Kalkbrenner blendet jetzt die Bassfrequenzen aus. Die Menge in der Batschkapp kreischt. "Paule, Paule", schreien die Tänzer. Er schaltet den Bass wieder zu und reckt die Faust in die Luft. Snaredrum-Salven peitschen durch die Luft. Das Sechzehntel-Gewitter entlädt sich wieder. Endlich knüppelt er. Thomas und seine Freunde tanzen ekstatisch. Techno bedeutet ja immer auch, sich zu verlieren und in der Musik aufzugehen. Auch Paul Kalkbrenner verschwindet wieder in der Dunkelheit. Für kurze Zeit wähnt man sich in einem Technoclub der Neunzigerjahre.

Mathematisch sind solche Zeitreisen in die Vergangenheit längst möglich. Wissenschaftler beschreiben sie mit Modellen, in denen Quarks und Neutrinos mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum jagen. Dabei entstehen energetisch instabile Gebilde, sogenannte Wurmlöcher. Sie öffnen den Zugang zu den Zeitdimensionen. Technomusiker wie Paul Kalkbrenner brauchen solche Modelle nicht. Ihre Retro-Utopie basiert auf Bruchstücken alter Musik, die sie durch Sequenzer und Mischpult jagen.
  • Was: Sea You-Festival w/ Paul Kalkbrenner, Solomun, Marco Carola, Loco Dice, Adam Beyer, u.v.m.
  • Wann: Samstag, 16. Juli 2017, und Sonntag, 17. Juli 2017
  • Wo: Tunisee, Seestraße 24, 79108 Freiburg

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