Patricia Kaas auf dem ZMF: Eine Show gewordene Frau?

Alexander Ochs

Mit 50 stiefelt sie im raffiniert eleganten Kleid über die Bühne und reißt mit ihrem Charme, ihrem flüssigen Deutsch und ihrer angerauchten Stimme selbst das gesetztere Publikum von den Sitzen. Wie es bei Patricia Kaas war.

Patricia Kaas nährt die deutsch-französische Freundschaft. Außer einem "Bonjour!" und einem – bereits beklatschten – "Bonsoir!" bestreitet sie die Ansagen eloquent in fließendem Deutsch und becirct das Publikum. Erst sitzt es noch, in der zweiten Hälfte dann steht es – und liegt Madame zu Füßen. Für ein mit Honoratioren gespicktes Eröffnungskonzert war das schon großes cinéma.


Im gut besuchten, nicht ganz vollen Zirkuszelt versucht sich die Kaas nach 30 Bühnenjahren in der Rückkehr zu sich selbst. Sie hat nach langer Durststrecke endlich neue Songs eingesungen, präsentiert heute aber einen Querschnitt aus fast allen Alben. "Älteren Liedern ein neues Leben geben" nennt sie das. So das Discointro für den ganz frühen Hit "Mademoiselle chante le blues", das ist es, das die Leute von den Sitzen bringt und nach vorne strömen lässt, fast schon auf der Schlussgeraden des Konzertabends. Eine Gruppe Frauen übt sich währenddessen in minutenlangen Selfie-Inszenierungen am Bühnenrand, bis die Kaas blickwinkeltauglich vor die Linse flaniert.

Am Anfang dominiert eher das Getragene, leicht Melodramatische, gekonnt und dosiert vorgetragen von ihrer fünfköpfigen, deutlich jüngeren Band. Wild schlackert der blonde Bubikopf im Wind des Ventilators, gekünstelt wirkende Pseudo-Rockstar-Posen reihen sich aneinander und rücken den Auftritt der Kaas zeichentechnisch fast schon in Schlagernähe, aber musikalisch weit davon entfernt, und vor allem schwebt, nein thront darüber ihre rauchig angehauchte atemberaubende Stimme.

Im raffiniert eleganten langen Schwarzen, umschlungen von einem doppelten Nietengürtel, bespielt die Entertainerin die in klassischem Schwarz gehaltene Bühne gekonnt, serviert mal eine kleine Tanzeinlage im Gegenlicht – zur effektvollen Lichtregie – und genießt den Moment. "Eine Show, die der Frau gleicht, die ich geworden bin", hat sie zu Beginn versprochen.

Die Granate schlägt in der Mitte des Konzerts ein

Beim letzten Mal, 2009, ist sie wie eine Marionette aufgetreten, hat dauernd die Klamotten gewechselt und sich in einer perfekt durchkalkulierten Show durchgehend selbst gefeiert. Sie nimmt sich demgegenüber zurück, deutlich authentischer wirkend, aber immer noch die Bühnenfrau, die sich auch mal lasziv im Stuhl räkelt.

In der Mitte des über 100 Minuten langen Konzerts bringt sie ihren Klassiker "Mon mec à moi" und den auch noch brillant rüber, die Granate schlägt ein, und ihre Musiker haben sichtlich Spaß dabei. Etwas rockiger wird es bei "Ne l’oublie jamais" und "Ceux qui n’ont rien", nachdenklicher und ernster mit "Le jour et l’heure", einem neuen Song über die Attentate von Paris. Am Ende wirft die schmale Lothringerin Kusshände ins Publikum, holt die Bandmitglieder einzeln per Vornamen-Rufen auf die Bühne zurück und spielt ihre Lied gewordene Liebeserklärung an Deutschland "D’Allemagne". Zurück bleibt eine wieder aufgefrischte deutsch-französische Freundschaft.




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