Pascal Pfefferle: Gold gezockt

Johannes Korn

Er ist der Star unter den deutschen Online-Gamern: Nationalspieler Pascal Pfefferle, 20, aus Ehrenkirchen, hat am vergangenen Wochenende bei den World Cyber Games in Köln beim Spiel "Command & Conquer 3" den Titel geholt. Eine Reportage.



Dackel gegen Heckenheinrich – was putzig klingt, ist eine ernste Angelegenheit. Nämlich das innerdeutsche Finale der World Cyber Games (WCG) 2008 in Köln in der Disziplin Command & Conquer 3: Kaines Wrath. Dackel heißt eigentlich Pascal Pfefferle, ist 20 Jahre alt und kommt aus Ehrenkirchen. Er ist Nationalspieler und dieses Wochenende holte er in einem Strategiespiel Gold.


Es ist das wichtigste Turnier des Jahres, es sind die inoffiziellen olympischen Spiele am Computer: 800 Teilnehmer aus 78 Nationen sind nach Köln gereist und einer sieht völlig entspannt aus: Pascal sitzt seit 11 Uhr an diesem Donnerstag vor seinem PC in der Köln-Messe. Er trägt den eigens für jede der Nationen auf der WCG designten Trainingsanzug mit zugehöriger Jacke – schwarz mit deutscher Flagge auf der Brust. Hinter ihm stehen, neben den übrigen 39 Mannschaftskameraden, rund zwanzig Betreuer. Einige davon analysieren für ihn die Spiele seiner Gegner. Sogar eine Psychologin ist vor Ort – falls die nötige Siegermentalität fehlen sollte. Auch Pascal hat ihre Nummer im Handy. Aber er wird sie nicht brauchen.



Souverän gewinnt der Ehrenkirchner jeweils innerhalb weniger Minuten seine ersten Vorrundenspiele gegen Saudi-Arabien und Serbien-Montenegro. Mit Kopfhörern auf den Ohren, hochkonzentriert nach vorne gebeugt, kommandiert er seine Einheiten auf dem virtuellen Schlachtfeld. Pascal wechselt mit der Maus in Sekundenschnelle die Kartenausschnitte, nebenher fliegen seine Hände über die Tastatur. Rund 200 Mausklicks und Tastaturkürzel pro Minute schafft er – so genannte „Actions per Minute“. Wer sich nicht sehr gut auskennt, kann dem schnellen Geschehen auf dem Bildschirm kaum folgen.

Zwischen den Spielen, die auf eine Stunde Dauer angelegt waren, bleibt Pascal Zeit, sich mit seinen Teamkameraden und Konkurrenten zu besprechen und   Trainingsmatches zu spielen. Die Experten unter den Zuschauern fachsimpeln auf Englisch darüber, ob Pascal die Strategie im gerade laufenden Trainingsspiel auch in seinem nächsten richtigen Match anwenden wird. Pascal verliert das Training und die Zuschauer glauben: „Er will nur Schwäche vortäuschen.“



Über 30 000 Zuschauer werden vom 5. bis 9. November erwartet. Am Wochenende zum Finale natürlich mehr als zu den Vorrundenspielen. Die WCG werden zum dritten Mal nicht auf asiatischem Boden ausgespielt. Die Spiele 2006 in Monza waren ein großer Flop, auch jene 2007 in Seattle blieben hinter den Erwartungen zurück. Auf Websites der Szene wird befürchtet, dass es so bald keine weitere WCG in Europa mehr geben wird, wenn auch in Köln die Gäste ausbleiben. Aber das wird nicht passieren – am Ende des Wochenendes haben 58 000 Menschen die Spiele gesehen.

Die meisten der wenigen Zuschauer an diesem Donnerstag finden sich vor der beeindruckenden Hauptbühne mit fünf Großleinwänden ein. Hier werden ausgewählte Begegnungen live kommentiert. Zwischen den einzelnen Partien wird allerhand Showprogramm oder ohrenbetäubende Technomusik geboten. Moderiert wird das Ganze von einer sehr lauten jungen Frau – ein Kontrastprogramm zu den eher stillen Zuschauern. Die sind übrigens hauptsächlich männlich. Kein Wunder also, dass die Begeisterung ausbleibt, als die Moderatorin dem Gitarristen einer Band entlockt, er sei noch Single und ins Publikum ruft „Also Mädels, er ist noch zu haben!“

Als die ersten hochkarätigen Counter-Strike-Begegnungen auf der kleineren Bühne über die Leinwand flimmern, sind auf einmal nur noch Stehplätze frei. Hier spielen die Stars der deutschen Zuschauer. Das Publikum ist hauptsächlich um die 20. Vereinzelt werden Freundinnen am Arm geführt, die ziemlich gelangweilt aussehen.



Direkt nach der Mittagspause geht es für Pascal weiter mit dem dritten Gegner an diesem Tag. Auch dieses Spiel bestreitet er mühelos. Für Pascal ist die Vorrunde Formsache. Er gibt ohnehin vor, zu wissen, wer dieses Jahr Weltmeister wird: „Na, ich.“ Arroganz strahlt er trotzdem nicht aus. Nach seinem eigenen Spiel blickt er einem amerikanischen Kollegen über die Schulter und spendet ihm Trost, als dieser unerwartet verliert. Und natürlich feuert der Dackel seine eigenen Teamkameraden an.

Später am Abend geht Pascal noch auf das Samsung-Players-Dinner, danach vielleicht noch etwas Tischtennis in der Jugendherberge spielen. Dort sind alle Nationalspieler untergebracht. Bezahlt wird das, wie alles andere auch, vom Veranstalter. Pascal hätte auch im Hotel schlafen können. Das britische Team dignitas ist sein Arbeitgeber und kommt in der Regel für sämtliche Kosten der Turniere auf. Er erhält auch ein monatliches Salär und darf die Geld- und Hardwaregewinne behalten. „Davon lässt sich leben“, sagt er.



Der Zivildienstleistende geht trotzdem auf Nummer sicher und studiert demnächst Betriebswirtschaft. Eigentlich hätte Pascal auch gerne Verhältnisse wie in Korea, wo die Spieler hochbezahlte Vollzeitprofis mit eigenen Bodyguards sind: „Wer wäre nicht gerne Popstar?“, sagt er. Aber so weit wird es in Europa vorerst nicht kommen, glaubt Pascal. „Und mit 25 ist man in der professionellen Gamingszene meist schon zu alt, da reichen die Reaktionszeiten oft nicht mehr aus.“ Bleiben also noch fünf Jahre, um Titel abzuräumen.

Zwei Tage später macht Pascal genau das. Die Stühle in Köln sind erstmalig fast restlos besetzt, Teams und die Spieler werden angefeuert, Flaggen geschwenkt. Koreanische und chinesische Fernsehteams mit hochengagierten Kommentatoren haben ihre Stars nach Köln begleitet: In Asien ist der E-Sport weit bedeutender als hierzulande. Der Stand der Samsung Mobile-Challenge mit Handyspielen hingegen bleibt fast vollkommen leer. Und das trotz echtem Ferrari und freizügigen Hostessen.



Auch die übrigen Nebenveranstaltungen wie Fechten, Hockey oder Skateboarding sind nahezu verwaist: Man ist am sportlichen Wettkampf und nicht an leichter Unterhaltung interessiert.

Um 15.30 Uhr ist es so weit: Dackel gewinnt 2:0 gegen Heckenheinrich. Pascal kehrt als Weltmeister nach Ehrenkirchen heim. Was gibt es dann noch zu erreichen? „Schafft man es zweimal nacheinander, kommt man in die Hall of Fame“, sagt er und grinst. Das bedeutet zwar nur einen Eintrag auf einer Website, aber wenn man bedenkt, dass Pascal als Gewinner 10.000 Dollar (7800 Euro) und einen Laptop mit nach Hause nimmt, lohnt sich ein zweiter Sieg allemal.

World Cyber Games

Am Wochenende traten in Köln 800 Spieler aus 78 Ländern in 14 Computerspiel-Disziplinen gegeneinander an. Die Preisgelder betragen insgesamt 470.000 US-Dollar (rund 370.000 Euro) zuzüglich Hardwaregewinne. Die Spieler qualifizieren sich in Turnieren, die offline oder im Internet ausgetragen werden. Gespielt wurde in diesem Jahr am Computer, der Spielekonsole und erstmals auch auf dem Handy. Vergeben werden in jeder Disziplin Einzelmedaillen sowie der Gesamtsieg für die den Medaillenspiegel anführende Nation. Dieses Jahr war das Südkorea mit sieben Medaillen. Deutschland erreichte Platz vier. Die WCG werden seit 2000 ausgetragen.

Mehr dazu:

Web: Pascal Pfefferle Web: World Cybe Games