Pascal, 31: HIV-positiv und Flüchtling

Meike Riebau

Heute ist Welt-AIDS-Tag. Etwa 33 Millionen Menschen sind weltweit HIV-positiv, davon sind 25,8 Millionen Afrikaner. Pascal ist einer von ihnen. Vor sechs Monaten kam er nach Deutschland. Seitdem kämpft er darum, hier zu bleiben. "In Afrika hätte ich mit meiner Krankheit keine Chance", sagt er. Ob die Behörden das auch so sehen, ist fraglich: AIDS ist als Abschiebehindernis noch immer nicht gänzlich anerkannt. Bei fudder erzählt er von seiner Odyssee durch Länder, Lager und Behörden.



Ein vergilbtes Foto seiner Schulklasse, ein Abschlusszeugnis und eine Aufenthaltsbestätigung des Flüchtlingslagers: Das ist alles, was Pascal (Name von der Redaktion geändert) von seinem alten Leben übrig geblieben ist. 31 Jahre alt ist der Afrikaner aus der Subsahara-Region, und seit 18 Jahren ist er auf der Flucht. Rebellen hatten ihn und seine Familie aus dem heimischen Dorf vertrieben. Es herrschte Bürgerkrieg in seinem Land, und seine Familie gehörte zufällig der falschen Bevölkerungsgruppe an, die Nachbarn denunzierten sie, und die Familie wurde aus dem Haus vertrieben, der Bruder erschossen, die Schwestern als „Ehefrauen“ verschleppt, und seine Mutter sollte Köchin werden. Er selbst wurde ins Lager der Rebellen verschleppt, wo er zum Kindersoldaten ausgebildet werden sollte.


Doch nach zwei Wochen wurde das Rebellenlager von den staatlichen Truppen gestürmt und Pascal befreit. „Zuerst wollten sie mich, wie die anderen Jungs in dem Lager, auch umbringen, aber dann habe ich ihnen beweisen können, dass ich wie sie zur selben Volksgruppe gehörte“. Ein Zufall, der ihm das Leben rettete. Die Soldaten nahmen ihn mit – allerdings nur, bis sie auf der Straße auf die ersten fliehenden Menschen trafen. Dort zwangen sie ihn, auszusteigen – der Teenager schloss sich dem Flüchtlingsstrom an und floh in das Nachbarland.

Die folgenden Jahre verbringt Pascal von einem Flüchtlingslager zum nächsten ziehend, immer wieder auf Abruf, nie zur Ruhe kommend. Als das Rote Kreuz 2007 beschließt, wieder einmal das Lager zu verlegen, diesmal in die Nähe der Grenze zu seinem Heimatstaat, weigert er sich. „Ich wusste, die Soldaten aus meinem Heimatland suchten auch dort nach Rebellen.“ Und wer vor dem Krieg geflohen war, konnte leicht für einen solchen gehalten werden.

Also entschließt er sich, nach Europa zu gehen: Nach England will er. „Denn da hätte ich wenigstens kein Sprachproblem“, meint Pascal. Er zahlt 3000 US-Dollar für die Passage im Lagerraum eines Frachters nach Europa. Nach zehn Tagen kommen sie an, aber nicht in England: In Hamburg muss er von Bord gehen. Von dort aus wird er weiter nach Südbaden geschickt. Erst hier erfährt er von seiner HIV-Infektion, in einem Gesundheitsamt lässt er sich testen. Wie er sie sich zugezogen hat, weiß er nicht genau.

„Ich dachte, es könnte eigentlich nicht schlimmer kommen“, erzählt er leise. „Aber jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt wird es besser, kam etwas Neues, mein Leben zieht sich von Problem zu Problem“.



Rein körperlich geht es Pascal mittlerweile zwar gut: 18 Kilogramm hat er in dem halben Jahr in Deutschland zugenommen; er ist in ärztlicher Behandlung und bekommt Medikamente.

Dennoch zehrt die Ungewissheit über seinem rechtlichen Aufenthaltsstatus an ihm: Seit einem halben Jahr hängt er in der Luft  – ein Leben in der Warteschleife. Er darf nicht arbeiten, Freiburg nicht verlassen und wartet auf Nachricht von der Ausländerbehörde. „Es ist ein bisschen wie im Gefängnis“, sagt er. Denn bis jetzt ist noch nicht klar, ob ihm ein Aufenthaltstitel zuerkannt wird oder nicht. AIDS für sich allein reicht als Grund nicht aus – es muss eine „unmittelbare, erhebliche konkrete Gefahr für Leib und Leben bestehen", wenn Pascal abgeschoben wird.

Und das hängt zum einen von der Situation im Heimatland ab: Wenn die Behörde zu der Ansicht käme, auch dort hätte Pascal Zugang zu medizinischer Versorgung, müsste er zurück. Ob dies der Fall ist, wird anhand von Länderberichten des Auswärtigen Amtes beurteilt. Diese schätzen die Situation in afrikanischen Ländern allerdings teilweise anders ein als andere Organisationen wie etwa die Weltgesundheitsorganisation.

Und selbst wenn eindeutig wäre, dass der Patient im Heimatland seine Therapie nicht fortsetzen könnte, reicht das nicht immer aus: An dem kleinen Wörtchen „unmittelbar“ hängt sich die ganze Diskussion auf: Während einige Gerichte in einem Behandlungsabbruch eine „unmittelbare Gefahr für Leib und Leben“ sehen, sagen andere, der Behandlungsabbruch an sich führe ja bloß „mittelbar“ zum Tode – und lehnen Aufenthaltsanträge ab. Die Befürchtung dahinter: Würde man AIDS offiziell als Abschiebehindernis anerkennen, wäre dies ein Freifahrtschein für viele Afrikaner nach Deutschland.

Häufig bleibt in solchen Fällen stattdessen nur die Duldung – das heißt, die Abschiebung wird immer wieder verschoben, jeweils um ein Vierteljahr, dann beginnt der Kampf von neuem. „Kettenduldung“ wird so etwas im Fachjargon genannt, und mehr als 170 000 Menschen leben in Deutschland, die seit mehr als 15 Jahren nur geduldet sind.

Wie Pascals Fall ausgeht, ist noch ungewiss. Er will auf keinen Fall zurück. „Ich bin mir sicher, dass ich in Afrika sterben würde.“



[Foto: Symbolbild; (c) Fotolia]

Flucht und Gesundheit - Ein Projekt der AIDS-Hilfe Freiburg

Annette Sprotte ist bei der AIDS-Hilfe Freiburg e.V. für das Flucht und Gesundheit-Projekt (FLUG) zuständig. Das 2007 mit dem Deutschen Präventionspreis ausgezeichnete Projekt spricht gezielt Flüchtlinge an.

Frau Sprotte, was machen Sie genau bei FluG?

"FlUG" steht für Flucht und Gesundheit. Es ist ein Präventions-Programm, das sich an Flüchtlinge aus allen Ländern wendet, die in einer der Flüchtlingsunterkünfte in Freiburg oder dem Umland leben. Flüchtlinge sollen durch gezielte Informationen besseren Zugang zum deutschen Gesundheitssystem finden.

Wir setzen an verschiedenen Punkten an: Zum einen gehen wir in die Heime und geben Gesundheitsschulungen, klären über HIV-Ansteckungsrisiko und Therapien auf. Daneben bieten wir Schulungen für Fachkräfte, die mit der Zielgruppe arbeiten an, in denen sie darüber informiert werden, was sich für Fragen bezüglich der Aufenthaltsberechtigung und medizinischen Versorgung der Flüchtlinge ergeben, wenn eine HIV-Infektion oder AIDS-Erkrankung vorliegt.

Die dritte Säule ist Dolmetschern gewidmet, die wir suchen und für die medizinische Beratung ausbilden. Die meisten sind bis jetzt Ehrenamtliche, aber auch Profis sind dabei. Die kommen zum Teil mit zu den Schulungen und auch zu Arzt-PatientInnengesprächen, und helfen dort, wo Englisch oder Französisch nicht mehr ausreicht.

Die letzte Säule ist ein sogenanntes "Peer-Project", dort bilden wir Flüchtlinge aus, die dann nach einem entsprechenden Training selbst ihre Landsleute informieren können, da die natürlich einen ganz anderen Zugang zu den Menschen haben. Im Augenblick haben wir fünf "Peers".

Wir arbeiten mit der Uniklinik zusammen und einer Rechtsanwältin, die sich um die aufenthaltsrechtlichen Fragen kümmert. Neu ist außerdem eine Hotline, die wir gerade aufbauen: Da können alle Personen mit Migrationshintergrund rund um die Uhr anonym anrufen, und eine Beratung bekommen.

Wie reagieren die Menschen, wenn Sie mit dem Angebot „Lasst uns über HIV und AIDS reden“ in die Heime gehen?

Wir nennen es natürlich nicht so. Es besteht nach wie vor große Zurückhaltung, und in allen Kulturen wird aus Angst, dann selbst mit dem Thema in Verbindung gebracht zu werden, wenig darüber gesprochen. Die HIV-Präventionsangebote in den Heimen werden deshalb zunächst als "Allgemeines Gesundheitstraining" vorgestellt um dann, nach einer kurzen Einführung, auf das Thema Infektionskrankheiten zu kommen und dann über HIV sprechen zu können.

Es bestehen nach wir vor Unterschiede zwischen Männern und Frauen. An Frauen kommt man leichter ran. Für Männer sind Gesundheitsfragen eher Pipifax, da treffen die Klischees leider oft zu. Da muss man sich dann etwas anderes einfallen lassen: Ein Männercafé in einem der Heime, von einem männlichen Mitarbeiter geleitet, hat uns zum Beispiel einen Einstieg geboten. Da man sich dort sowieso zur Mittagspause getroffen haben, konnte man nach und nach auch über diese Themen sprechen.

Unterschiede gibt es auch zwischen Ländern und Regionen, mit Flüchtlingen aus dem Subsaharagebiet ist es teilweise leichter, das Thema HIV und AIDS anzusprechen, dieser Personenkreis bringt oft auch schon Informationen aus dem Heimatland mit da es in vielen afrikanischen Ländern inzwischen gute Präventionsansätze gibt.

Wie viele der Flüchtlinge sind infiziert?

In der Landesaufnahmestelle in Karlsruhe, wo die Leute zunächst hinkommen, bekommt jeder die Möglichkeit, sich testen zu lassen. Zwei Drittel davon nehmen diese Möglichkeit wahr. Davon sind etwa 1 - 3 Prozent positiv. Hier in Freiburg haben wir momentan 35 AIDS-Kranke und HIV-Infizierte in unserem Programm, die Dunkelziffer können wir nur schwer schätzen. Viele verschweigen ihre Krankheit und wissen noch nicht einmal, dass die behandlungsbedürftige Erkrankung ein Abschiebehinderniss darstellen könnte.

Sehen Sie konkrete Erfolge bei Ihrer Arbeit, oder verläuft nach den Trainings die Arbeit wieder im Sand?

Wir sehen definitiv konkrete Erfolge. Zum einen die Leute, die nach einem derartigen Training in die Beratungsstelle kommen, und sich dann durch unsere Vermittlung in ärztliche Behandlung geben. Wir vermitteln Kontakt zur Uniklinik und beraten die Leute längerfristig.

Im letzten Jahr haben etwa drei infizierte Frauen aus unserem Programm gesunde Kinder zur Welt gebracht. Eine HIV-infizierte Schwangere, die keine Maßnahmen während der Schwangerschaft und Geburt ergreift, wird mit 15-40-prozentiger Sicherheit ihr Kind anstecken. Dieses Risiko sinkt bei einer Frau, die sämtliche Präventionsmaßnahmen ergreift, auf unter ein Prozent.

Mehr dazu:

Web: AIDS-Hilfe Freiburg - FLuG-Projekt