Partyliteratur vom Kiez: Tino Hanekamps Roman "So was von da"

Manuel Lorenz

Udo Lindenberg muss es wissen: "Das knallt gut los", sagt er über Tino Hanekamps Debütroman "So was von da". Ob das stimmt, könnt ihr heute Abend im Auditorium der Jazz & Rock Schulen überprüfen. Da liest Hanekamp nämlich aus seinem Erstlingswerk. Der Anlass: 15 Jahre Subculture und das Invasion Kulturfestival. Und damit ihr wisst, worum's geht, stellt Manuel euch Autor und Buch kurz vor:



Was wünscht sich Gottfried Benn in seiner Kokain-Ode „O, Nacht“ so sehnlich: „Noch einmal vorm Vergängnis blühn.“ Das wünscht sich auch Oskar Wrobel, 23 Jahre jung und Betreiber eines Musikclubs im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Es ist Silvester, und am nächsten Tag soll der Club abgerissen werden. Davor will Oskar aber noch mal eine Riesenparty veranstalten: mit Champagnerbrunnen, Bumsbuden und MDMA-Bowle. Und damit wäre Tino Hanekamps Debütroman „So was von da“ eigentlich schon erzählt. Wenn nicht plötzlich Kiezkalle auftauchen und 10.000 Euro erpressen würde. Wenn nicht die Hamburger Innensenatorin erschiene, die ihren pflegebedürftigen Ehemann auf jener Party wähnt. Und auch Oskars Ex-Freundin Mathilda, die noch immer seine Gedanken beherrscht.


Dass es sich beim Ich-Erzähler Oskar um ein Alter Ego von Hanekamp (Jahrgang 1979) handelt, liegt auf der Hand. Nachdem Hanekamp jahrelang für Zeitschriften wie „Musikexpress“, „Visions“ und „Spex“ geschrieben hatte, gründete er mit einem Freund auf der Reeperbahn einen kleinen Musikclub namens „Weltbühne“. Untertitel: „Die Bar für den kulturell aufgeschlossenen Trinker“. Als die „Weltbühne“ nach zwei Jahren abgerissen wurde, kam der nächste Laden: das „Uebel & Gefährlich“, „der beste Club, ähm, der Welt“, wie Hanekamp halbironisch behauptet. Der Mann weiß also, wovon er schreibt. Und es ist erfrischend, mal nicht die übliche, aus der Sicht des Feiernden verfasste Partyliteratur à la Airen („Strobo“) oder Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“) aufgetischt zu bekommen, sondern einem Nachtmacher über die Schulter schauen zu dürfen.

Hanekamp gibt zu verstehen, einen Abenteuerroman vorgelegt zu haben. Passender wäre wohl die Bezeichnung Kamikazeroman, denn von Anfang an rast die Geschichte in halsbrecherischer Geschwindigkeit durch den Hamburger Kiez. Auf ihrem Sturzflug nimmt sie mit: Milieustudien en miniature, wirklich wahre Alltagstragödien und ungezwungene Situationskomik. Zum Glück tauchen ab und zu Mark Aurel – Oskars Klolektüre – und Leonard Cohen auf und drosseln das Tempo ein paar Zeilen lang. Inmitten der überwirklich schnellen Strobo-Rhetorik tun die Stoa-Shots erstaunlich gut.

Im Herzen des Romans steht aber die Frage, „wie man sich an einen Musikclub verschwendet“. Oder anders gesagt: eine „Anleitung zur Gründung einer Event Location mit cash-flow-fixierter Entertainment-Gastronomie und integrierter Work-Life-Balance-Solution“. Und der letzte von zehn Punkten lautet: „Kein guter Club sollte länger bestehen als zwei Jahre (wenige Ausnahmen bestätigen die Regel).“ Das „Uebel & Gefährlich“, Hanekamps derzeitiger Laden im Bunker am Heiligengeistfeld, ist eine solche Ausnahme. „Den können wir einfach nicht aufgeben“, sagt Hanekamp. „Der ist zu toll.“

Er selbst ist allerdings kürzlich nach Berlin gezogen, da es in Hamburg immer weniger Freiräume geben würde. Stichwort: Gentrifizierung. Den Kiez, der im Roman beschrieben wird, gibt es so nicht mehr. Und unter diesem Vorzeichen ist „So was von da“ nicht nur eine Hommage an das Nachtleben von St. Pauli, sondern vor allem auch ein vollkehliger Abgesang auf dasselbige.

Tino Hanekamp
So was von da
Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462042887
304 Seiten
14,99 Euro

Tino Hanekamp liest aus "So was von da"

Quelle: YouTube
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Mehr dazu:

Was: Lesung von Tino Hanekamps Roman "So was von da"
Wann: Freitag, 5. August 2011, 20 Uhr
Wo: Auditorium der Jazz & Rock Schulen