Party machen im Rollstuhl

Phil Hensel & Carolin Buchheim

Ausgehen gehört zum Leben dazu – auch, wenn man im Rollstuhl sitzt, so wie Phil Hensel. Der 29-jährige Freiburger geht gerne und viel aus. Wie es für ihn ist, in Clubs, Kneipen und Diskotheken unterwegs zu sein, und warum DIN-Normen für Barrierefreiheit nicht ausreichen, wenn es die Mitmenschen sind, die den Spaß am Ausgehen verderben:



So freudig wie an diesem Frühjahrsabend im Slow Club werde ich im Nachtleben selten begrüßt. "Hey, du bist der erste Rollstuhlfahrer bei uns", sagt der Typ an der Kasse des Hinterhofclubs in der Haslacher Straße. "Wir haben hier gerade umgebaut und brandneue Rampen und eine Toilette für Rollstuhlfahrer, aber keine Ahnung, ob das alles so überhaupt passt!“


Eintritt muss ich an diesem Abend nicht zahlen, ich soll danach nur berichten, wie ich zurechtgekommen bin. Das Konzert ist toll – und die Neueinbauten sind super. Die Rampen sind gut, ich komme überall gut hin – und das Rolli-Klo ist nicht nur groß genug, sondern hat sogar noch eine goldfarbene Mustertapete, Stuck und einen Kronleuchter.

Das freut mich. Denn ausgehen, das gehört für mich als Musik-Fan einfach zum Leben dazu. Ich arbeite viel, und irgendwann will ich auch meine Freunde treffen - und zwar nicht nur zuhause. Ich will feiern gehen, logisch.

"Barrierefreiheit bedeutet einen umfassenden Zugang und uneingeschränkte Nutzungschancen aller gestalteten Lebensbereiche. Barrierefreiheit ist keine Speziallösung für Menschen mit Behinderungen, aber für gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unverzichtbar", erklärt der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen auf seiner Website. Die Baubehörden achten darauf, dass öffentliche zugängliche Orte bestimmten DIN-Normen entsprechen und mit Rampen, ausreichend breiten Türrahmen und behindertengerechten Toiletten mit Haltegriffen und Notfallalarm ausgestattet sind.

Diese Vorschriften haben auch den Slow Club barrierefrei gemacht. Der Typ an der Kasse, Steffen Düll, erklärt: "Der Slow Club war eine Autowerkstatt und ist deswegen - rein rechtlich gesehen -  ein Neubau. Wir mussten uns daher an die neuesten gesetzlichen Vorgaben halten - und da gehört Barrierefreiheit dazu. Ohne die Vorgaben hätten wir die Barrierefreiheit vielleicht nicht so vollständig umgesetzt." Die Rampen und breiten Durchgänge haben auch für die Betreiber Vorteile. "Wir können jetzt alles bequem reinrollen, das ganze Equipment der Bands, die bei uns spielen, und auch unsere  Getränke", sagt Steffen. Rund 8000 Euro hat der Verein, der den Slow Club betreibt, in die Barrierefreiheit investiert, damit Besucher mit Handicap, Besucher wie ich, kommen können.

Ausgehen mit dem Rollstuhl ist gar nicht so kompliziert

So einfach und bequem wie im Slow Club ist das Ausgehen in Freiburg nicht überall, aber so schlimm, wie man es aufgrund der hohen Kellerclubdichte der Stadt annehmen könnte, ist es auch nicht.

Meine Probleme beim Ausgehen sind ziemlich banal. Clubs zu besuchen, in  denen ich noch nie war, ist stressig, weil ich viele Fragen vorher nur schwer abklären kann: Gibt's da Stufen, kann ich aufs Klo? Bei einem ersten Besuch ist die Orientierung häufig schwierig, gerade wenn der Laden voll ist. Der Größenunterschied ist das nächste Problem: Als Rollstuhlfahrer sitze ich auf Po-Höhe gehender Menschen. Es ist oft viel los und eng, und ich fahre schon mal jemandem über die Füße. Bierduschen kriege ich häufig ab, das geht wohl allen so. Aber während andere dann eine nasse Tasche oder ein nasses Bein haben, erwischen mich die verschütteten Getränke auf Brusthöhe. Die Theken sind manchmal zu hoch, und wenn das Thekenpersonal im Stress ist, wird man auf meiner Sitzhöhe schon mal übersehen.

Im Jazzhaus ist ein Teil der Theke ein bisschen niedriger als der Rest – das ist für mich angenehm. Ohnehin gehe ich gerne ins Jazzhaus. Dort gibt es – wie auch im Kagan und im Schneerot – einen Aufzug, der mich in den Keller bringt. Jazzhaus-Chef Michael Musiol ist stolz darauf, dass das Jazzhaus barrierefrei ist. "Wir sind das schon seit 25 Jahren", sagt er. "Uns ist Barrierefreiheit sehr wichtig." Michael hätte gerne noch mehr erhöhte Stellplätze für Rollstuhlfahrer. "Bei gut besuchten Stehkonzerten könnten wir manchmal mehr Platz gebrauchen, aber bisher haben wir immer eine Lösung gefunden." Rollstuhlfahrer werden im Jazzhaus kurzerhand auf das Podest gehoben. Mir ist das auch schon im Crash passiert: Dort haben mich zwei kräftige Türsteher samt Rollstuhl beherzt die Treppe heruntergetragen.



Ich habe eine angeborene Querschnittslähmung, Spina bifida. Kurze Distanzen kann ich glücklicherweise zu Fuß gehen; den Rollstuhl benutze ich bei längeren Strecken, beim Einkaufen oder eben, wenn ich abends ausgehe. Die enge Treppe im El.Pi kann ich zum Beispiel dank des Geländers heruntergehen, und meine Freunde tragen dann den Rollstuhl runter. Ich setze mich dann an die Theke und parke den Stuhl dahinter. Irgendwann war dort mal so viel los, dass das nicht möglich war, und ich ihn in der Garderobe abgeben musste – das hat dann auch einen Euro gekostet, so als wäre er eine Jacke oder Tasche. Nicht, dass ich Gefahr laufen würde, ohne ihn heimzugehen!

Ins Schmitz Katze in der Haslacher Straße gehe ich auch gerne, denn das ist mit dem Rollstuhl bequem zu navigieren. Eingang und Außenanlagen des Clubs sind barrierefrei, nur den Barfloor, der sich am Ende einer Treppe auf einem Zwischengeschoss befindet, kann ich etwas schwerer erreichen.

Schade ist nur, dass die Betreiber die Behindertentoilette auch als Getränkelager nutzen. Mein Rollstuhl und ich passen zwar noch gut rein, für jemanden in einem Elektrorollstuhl könnte es allerdings eng werden. Angenehm ist es auch nicht, wenn man auf dem Klo sitzt und jemand an der Türklinke rüttelt, weil er dringend Nachschub für die Bar holen muss. "Das muss ein dummer Zufall an dem Abend gewesen sein", sagt ein Verantwortlicher des Clubs zu meinem Erlebnis. "Ein Behindertenklo ist ein Behindertenklo, und kein Lagerraum." Schade nur, dass ich diesen Zufall mehrmals erlebt habe.

Barrierefreiheit ist mehr als eine DIN-Norm

Barrierefreiheit im technischen Sinne ist wichtig und richtig, aber ich schaue beim Ausgehen auch immer mehr auf die soziale Komponente von Barrierefreiheit: Wie geht’s mir beim Weggehen? Wenn ich mich an einem Ort unwohl fühle, dann nützt mir auch eine DIN-Norm nichts – und umgekehrt rege ich mich aber auch nicht über sperrige Getränkekisten auf dem WC auf, wenn sonst alles passt. Ein Beispiel ist der Schlappen, in den ich sehr gerne gehe, dabei geht es da eine Stufe hoch, um reinzukommen. Die Stufe kann ich noch gut überwinden, aber das Klo liegt im Keller. Sonst gehe ich gerne ins Oscar's, in die Coffee Factory oder ins Fil.

“Hey, voll cool, dass du heute Abend auch da bist!”, sagt an einem Samstagabend ein Typ zu mir an der Theke des Jazzhaus, es ist Yum-Yum-Party. “Kennen wir uns etwa?” frage ich – ein bisschen verwirrt zurück. "Nee, aber ich find's cool, dass du so ganz alleine unterwegs bist – ohne Betreuer! Respekt!” An meine Antwort kann ich mich nicht mehr erinnern – an mein Gefühl dazu aber schon: Ich fühle mich auf meine Behinderung reduziert – und wie in einem schlechten Film.

Auch im Jahr 2013 scheint die Tatsache, dass ein Rollstuhlfahrer an einem Samstagabend ausgeht, immer noch zu irritierend. Oft genug stehe ich in einem Club plötzlich im Mittelpunkt. Medizinstudenten fragen mich über meine Lähmungshöhe aus, angehende Lehrer wollen wissen, ob ich in der Schule gemobbt wurde, Sozialpädagogen erzählen mir von ihrer Zivildienstzeit in der Seniorenresidenz. „Da hab ich das mit dem Rollstuhl auch mal ausprobiert. Du hast bestimmt voll die durchtrainierten Oberarme. Zeig mal!“ Doch ich will weder meine Oberarme zeigen, noch will ich mein Handicap weiter thematisieren: ich will Freunde treffen, Musik hören, Bier trinken und einen entspannten Abend verbringen – was man eben so macht, wenn man weggeht.

Skurril wird es, wenn mir gegenüber blinder Aktionismus betrieben wird. Dann kommt es auch schon mal vor, dass ich von Wildfremden grundlos durch den Raum geschoben werde oder dass ich „nur so aus Neugier“ gefragt werde, was bei mir denn mit Mädels so gehe. Wenn ich die Leute dann mit lauter Stimme dann frage, was ihnen eigentlich einfällt, kommt meistens nur Achselzucken und ein „Easy! War doch nicht so gemeint!“.

Ich habe oft das Gefühl, dass einige erwarten, dass ich stets gewillt bin, über mein Handicap zu sprechen. Ich kann ihr Verhalten sogar nachvollziehen. Die Leute sind neugierig, und in entspannter Party-Atmosphäre ist es sicher einfacher, einen Rollstuhlfahrer anzusprechen als beim Einkaufen oder in der Straßenbahn. Meistens bin ich auch bereit, Fragen über mein Handicap bis zu einem gewissen Grad zu beantworten, aber dann versuche ich immer, das Gespräch wieder auf andere Themen zu lenken. Ich will, dass der Fokus nicht auf meinem Handicap liegt, sondern auf meiner Persönlichkeit, und dass ich nicht anders behandelt werde, sondern als genau so cool, uncool oder betrunken wahrgenommen werde, wie alle anderen auch.

Ich frage mich beim Weggehen oft, wo die anderen Rollstuhlfahrer in meinem Alter sind. Es gibt nach Angaben der Freiburger Beauftragten für Menschen mit Behinderungen 26.500 Freiburgerinnen und Freiburger mit Behinderungen – da sollte man doch mehr davon im Nachtleben antreffen als die zwei, drei, die ich manchmal sehe. Denn meistens bin ich der Einzige. Letztens war im Jazzhaus tatsächlich auch mal eine Rollstuhlfahrerin da, die ich nicht kannte – und bevor ich sie ansprechen konnte, war sie weg.

Ich nehme an, dass die allermeisten jungen Menschen mit Behinderungen sich nicht trauen Feiern zu gehen, und zwar nicht primär wegen Treppenstufen und fehlenden Klos, sondern wegen der Blicke und Reaktionen. Um die auszuhalten braucht man eine selbstbewusste Haltung. Es ist so schade, dass sie nicht unterwegs sind, denn es tut doch so gut, wegzugehen, es ist doch das normalste der Welt, Party zu machen – selbst wenn es am Anfang Überwindung kostet.



Barrierefrei unterwegs

Seit 2002 dokumentiert das Online-Portal Freiburg-fuer-alle.de die Zugänglichkeit von Sehenswürdigkeiten, Gastronomie und öffentlichen Einrichtungen in der Stadt und veröffentlicht einen touristischen Stadtführer zum Thema. Weltweit wird auf Wheelmap.org die Rollstuhltauglichkeit von Orten mit Hilfe eines Ampelsystems bewertet.

Zur Person

Phil Hensel, 29, arbeitet als Assistent der Geschäftsführung in einem Freiburger Immobilienunternehmen. Phil ist Drummer in der integrativen Band 'The Moonwalkers', legt manchmal HipHop auf und arbeitet bei Freiburg für alle mit. Er bloggt auf Justlikeaphil.blogspot.de.

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  [Fotos: Benedikt Nabben]