Parkour: Die Suche nach dem kürzesten Weg

Magali Kreuzer & Sarah Kärcher

Parkour, die Kunst der Fortbewegung, stammt aus Paris. Junge Menschen überwinden dem Augenschein nach mit Leichtigkeit urbane Hindernisse. Hinter den präzisen Sprüngen steckt hartes Training und Disziplin. Eine Reportage über die Freiburger Traceure.



Ein Hochhaus in Betzenhausen. Eine Balustrade in vier Metern Höhe. Man hört einen dumpfen Aufprall direkt unterhalb des Balkons, da, wo ein einzelner Strauch im Beet steht. In wenigen Sekunden Abstand fliegt der nächste. Eine Handvoll Jungs, die schwarze Shirts mit der weißen Aufschrift „Parkour Freiburg“ tragen, beobachten die Springer. Sie äußern Anerkennung. Sven ist als erster gesprungen. Er richtet sich auf, geht auf die Jungs zu, begrüßt sie mit einem Handschlag.


Nur diejenigen, die sich trauen, vier Meter unverletzt zu überspringen, haben den Flug übers Balustradengitter ins Beet gewagt. „Adrenalin, das pocht in den Adern“, sagt Sven, er ist noch ganz atemlos. Seine Hände zittern. Der hagere, sportliche 1,90 Meter große Typ tritt von einem Laufschuh auf den anderen, versucht, runterzukommen. Immer wieder zupft er nervös an seiner schwarzen Nylon Jogginghose, die mit kleinen Löchern übersät ist. „Mit ihr habe ich mich noch nie verletzt“, sagt er.

Sprünge aus Dachhöhe macht Sven nicht oft. In seiner Sportart Parkour geht es nämlich weniger um spektakuläre Inszenierungen als um effiziente Fortbewegung. Der kürzeste Weg ist das Ziel und der führt nicht zwangsläufig über Straßen und Wege. Da kann schon mal ein Fünf-Meter-Sprung dazwischen kommen, um den Run so schnell wie möglich zu meistern. Deshalb nennt man Leute wie Sven, die Parkour machen, auch Traceure. Das kommt vom französischen „tracer son chemin“, sich seinen eigenen Weg bahnen.

Sven vermeidet Spektakuläres vor Publikum: „Wenn ich von Dächern springe und die Kids mir zuschauen, machen sie mir direkt nach, was sie gesehen haben. Dann bin ich schuld, wenn sie sich dabei alle Knochen brechen“, erklärt Sven seine Rolle als zwiespältiges Vorbild. Dass er lange dafür trainiert hat, könnten Zuschauer vergessen, bei der Leichtigkeit, mit der er Hindernisse überwindet. Mauern, die ihm auf seinem Run im Weg stehen, überspringt Sven mit einer bestimmten Technik. Ein Traceur windet sich nicht zwischen Geländern durch, er springt zielsicher von einem aufs andere. In Svens Sprache heißt das „Präzisionssprung“.

Parkour Freiburg wurde im November 2006 gegründet, drei Mal pro Woche trainieren die 25 Traceure. Sven macht ihnen klar, dass Parkour mehr ist als nur Action. Sein Motto: „Schumi hat auch auf dem Go- Kart angefangen.“

Der 22-jährige Nico musste das erst lernen: „Am Anfang habe ich mich total überschätzt. Ich bin einfach drauf los gesprungen und habe mir die Bänder am Bein gezerrt.“ Nico hockt auf einem Mauervorsprung. Um seinen Hals baumelt eine Kette mit einem goldenen Kreuz. Seine Hände hat er in den Taschen eines weißen Nylonsportdress vergraben. „Bevor man fliegen kann, muss man erst mal landen lernen“, sagt er, bevor er zum nächsten Sprung ansetzt.

Ein Traceur braucht Muskeln, Ausdauer – aber auch Köpfchen und Mut – um die akrobatisch anmutenden Grundtechniken richtig anzuwenden. Bevor sich ein Traceur an ein reales Hindernis wagt, stehen zunächst Trockenübungen an. Sven erklärt seinen Jungs, dass sie einen Sprung „besser 10 000 Mal am Boden“ wiederholen, um genau zu wissen, mit welchem Fuß sie an welcher Stelle ansetzen. Denn ohne diese Übungen könnte auch schnell mal etwas schief gehen. Jeder der Jungs hat sich schon mal den Fuß verknackst, den Arm gebrochen, die Hände aufgeschürft. Pflaster trägt Sven bei jedem Training mit sich.

Dabei ist Parkour im Gegensatz zum Freerun geradezu ungefährlich: wenn Snat und David sich einer Mauer nähern, folgen immer Salti, gerade oder seitlich gedreht. „Der optische Aspekt zählt bei Freerunnern mehr als die Effektivität“. So erklärt Sven den Unterschied zu Parkour. Dennoch trainieren im Moment Traceure und Freerunner zusammen. Gelegenheiten dafür, alle Grundtechniken von „Armsprung“ über Rollen bis „Katzensprung“ zu üben, bieten sich ihnen nur zwischen japanischem Garten am Seepark und Telekom-Gebäude an der Sundgauallee.



Freiburg ist schließlich nicht Berlin - das ist die erste Adresse für Parkour in Deutschland. Und schon gar nicht Paris. Von dort stammt die Idee dieser „Kunst der Fortbewegung“ (l’art du déplacement).

Der Pariser David Belle kopierte Fortbewegungstechniken seines Vaters, die er im Vietnamkrieg erlernt hatte, um so schnell wie möglich Feinden zu entkommen. Er übertrug die Sprünge aus der Natur auf seine Pariser Betonvorstadt und wurde damit zum Gründer einer neuen Sportart. Filme wie „Yamakasi“, „Banlieue 13“ oder der neue James Bond haben aus Parkour eine Bewegung werden lassen, die längst mehr ist als urbane Subkultur.

Bei einem Videoabend ist Sven auf Parkour aufmerksam geworden. Nach dem Film wollte er an die Tanke, um ein Sixpack zu kaufen. Der 30-Jährige hat die Sprünge direkt vom Bildschirm in seine Freiburger Nachbarschaft übertragen. „Das war der Wahnsinn. Ich hab tagelang nichts anderes gemacht, als Sprünge auszuprobieren“, erinnert sich Sven.

Normalerweise finden Traceure über Internetforen Gleichgesinnte, doch in Freiburg gab es noch niemanden. Also gründete der Freiburger seine eigene Gruppe zusammen mit seinem Kumpel Olaf. Vorher hatten die beiden mit ihren Rennrädern tausende Kilometer in den Bergen des Schwarzwalds zurückgelegt. Mit Parkour erregt Sven in Freiburg Aufsehen. Mit Sicherheitsabstand haben ein paar ältere Damen und Herren seinen Vier-Meter-Satz beobachtet. Tuschelnd verfolgen sie Svens Run. Doch Parkour macht nicht nur neugierig. Nico erzählt, dass er in seiner Heimat Waldkirch beim Training oft auf Polizisten gestoßen ist: „Die Nachbarn hatten sie alarmiert, weil sie mich für einen Einbrecher gehalten haben“, meint er. Deshalb sind private Hausdächer für die Traceure Tabu. Mit Hausfriedensbruch ist nicht zu spaßen.

Das hat auch etwas mit Svens Vision von Parkour zu tun. „Ein Traceur muss immer klaren Kopfes sein. Da sind Alkohol oder Drogen völlig fehl am Platz." Bei aller Coolness darf die Disziplin nicht fehlen. Für den Freiburger ist Parkour eine Sportart, die „Jungs davon abhält, Scheiße zu bauen“ und ihnen eine Perspektive bietet. Gerade dort, wo Parkour verbreitet ist – nämlich in Vierteln, in denen keine Villen stehen – sollten Jugendliche „nicht nur rumhängen und sich langweilen. Sie sollen sehen, dass man hoch hinaus kommt, wenn man sich ein bisschen anstrengt“, meint Sven. Seine Mission will der gelernte Koch weiter verfolgen, Parkour Freiburg ausbauen und eines Tages vielleicht sogar Geld damit verdienen. „Am Ende des Jahres höre ich auf, so viel zu trainieren. Ich will mich dann mehr im Hintergrund engagieren. Da gibt es auch eine Menge zu tun“, sagt Sven. Noch in diesem Jahr wolle er unter dem Label Parkour Freiburg eine eigene Freerun-Gruppe gründen.

Dann setzt Sven zum Sprung an. Drei Schritte Anlauf, Absprung, zwei Schritte die Wand hoch, zwei Mal Nachgreifen und Hochziehen. Schon steht Sven auf einer Backsteinmauer, die seine Zuschauer höchstens mit Leiter erklimmen könnten. Wie lange er das noch machen wird? Das weiß er noch nicht. Wie jeder Extremsport geht Parkour ganz schön auf die Knochen.

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Die Autorinnen: Sarah Brock (23) und Magali Kreuzer (24) absolvieren den Masterstudiengang "Deutsch-Französische Journalistik" am Frankreich-Zenrum der Uni Freiburg. Dieser Beitrag ist im Rahmen des Seminars "Einführung in den Online-Journalismus" entstanden.