Parallelwelt unter vier Sternen

David Weigend

Thomas Beck, 50, arbeitet im Hotel Victoria als Nachtportier. Frühmorgens herrscht an seinem Arbeitsplatz eine ganz eigentümliche Atmosphäre. Beck nennt es eine Parallelwelt. In der Stille des Foyers erzählt er einiges über sich und über seinen Beruf. Ein Portrait.



Konfektionsgröße

Der Mann, der sich hier spiegelt, ist aufgewachsen in Schönau im Wiesental. Er hat Bürokaufmann gelernt und vor 18 Jahren einen Sohn gezeugt, den er alleine erzieht. Vergangene Woche wollte sein Sohn den Abschlussball einer Tanzschule besuchen, hatte jedoch keinen Anzug. Herr Beck hat ihm seinen Anzug geliehen, den dunkelblauen.

Es ist der gleiche, den der Nachtportier auch jetzt trägt. Darunter sind Muskeln. Beck hat begonnen, zu trainieren, weil er dachte, es sei besser, wenn er stark ist, falls die Rechtsradikalen kommen. Am 14. September 2002 planten sie einen Aufmarsch in Freiburg. Es ging das Gerücht, sie wollten in den Hotels an der Eisenbahnstraße randalieren. Passiert ist nichts, außer, dass Beck einen Vertrag in einem Fitnessstudio abgeschlossen hat.


Gästebuch: Interfans

Alles voll

Um 0.20 Uhr, Beck ist gerade dabei, die Daten von 50 Meldezetteln in einen Computer einzugeben, erreicht ihn ein Anruf aus Zimmer 201. Ein Hotelgast beschwert sich, dass die Klimaanlage zu laut surrt. Beck fährt hoch, schaut sich das an, kann nichts tun, kommt zurück und sagt: "Das klingt, wie wenn der Kaffee aus dem Kaffeeautomaten rausläuft." Der Nachtportier würde dem Gast ein anderes Zimmer anbieten, aber das Haus ist ausgebucht.

Das sagt er auch höflich zu den sechs Personengruppen, die in dieser Mittwochnacht im Halbstundentakt müde und schwitzend ins Hotel Victoria latschen. "Hängt das mit dem Dalai Lama zusammen?", fragt eine Frau auf weißen Stilettos. Beck ist kein Spekulant. Er empfiehlt nach einem Telefonat das "Stadt Freiburg an der Breisacherstraße", da es dort noch freie Zimmer gebe. Die Verwiesenen rollen ihre Koffer stumm wieder in die Nacht hinaus.


Das erste Knopfloch bleibt geschlossen

Müdigkeitswelle

Der Job von Thomas Beck bringt es mit sich, dass er morgens auf dem Heimweg im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses im Rieselfeld denjenigen begegnet, die gerade zur Arbeit aufbrechen. Dann grüßt er die Nachbarn und legt sich wenig später schlafen, um 7 Uhr morgens. Die Bettruhe ist nicht immer ruhig. Im Rieselfeld gibt es einige Baustellen, viele Lieferwagen und Frühaufsteher, die Sonntagmorgens mit der Flex arbeiten. Beck hat zwar Schallschutzfenster, aber er bevorzugt sie geöffnet oder gekippt. Ohrstöpsel trägt Beck ungern. "Wenn ich auf der Seite liege, quetschen die mir ins Ohr." Resümee: "Du schiebst immer so eine Müdigkeitswelle vor dir her."

Beck muss nicht allzu viel tun während seiner Schicht. Aber die Aktionen, die er durchzuführen hat, erledigt er mit Sorgfalt und Berechnung. So ist es eine Freude, ihm dabei zuzusehen, wie er den Konferenzraum des Hotels für die nächsten sechs Gäste präperiert.

Zuerst legt er akkurat die roten Lederschreibunterlagen auf den Tisch, dann geht er zurück an die Pforte, holt sechs Blöcke, verteilt sie im Konferenzraum, kehrt zur Pforte zurück, holt sechs Bleistifte und Radiergummis und verteilt sie, alles hübsch hintereinander. "Die Bleistifte werden von den Teilnehmern natürlich immer eingesteckt", bemerkt Beck. Dann kurbelt er die Leinwand für den Overheadprojektor hoch und stellt die Filztafel auf. Zum Schluß kommen Mineralwassergläser und Schokotaler. Dies alles sind wohlkalkulierte Bewegungen, die den Kreislauf des zumeist sitzenden Portiers während der Nacht auf Trab halten.



Immer auf EG

2 Uhr. Die angrenzende Hemingwaybar schließt. Man vernimmt gedämpfte Rockmusik. "Ah, Nirvana", sagt Beck. Dann holt er den Lift ins Erdgeschoss. "Da hab ich ihn am liebsten." Denn dann hört Beck, wenn oben jemand den Aufzug anfordert. Beck hat es gern, wenn er vorbereitet ist.

Es kam auch schon vor, dass er mit Situationen konfrontiert wurde, in denen er nicht mehr Herr der Lage war. Einmal hat ein Geisteskranker mitten in der Nacht sein gesamtes Zimmer ausgeräumt; die Matratze, das Mobiliar, alles in den Flur geschoben. "Drinnen stand nichts mehr."

Ein anderes Mal ist ein Gast ausgerastet. Der Tobsuchtsanfall konnte erst von sechs Polizisten und einem Schäferhund unterbunden werden, nachdem der Wütling zwei Polizisten in seinem Zimmer fertig gemacht hatte. Und letzte Woche war ein mittelgescheitelter Moderator des "aktuellen sportstudios" zu Gast.



Rein und raus

Darf eigentlich jeder rein, wenn ein Zimmer frei ist? Ja und nein. Ein Mann mit zwei Frauen bekommt ein Zimmer, sofern er den vollen Preis bezahlt, auch wenn er nur eine Stunde bleibt. "Das kommt schon vor." Menschen jedoch, die Beck als dubios einschätzt oder als verhaltensauffällig, die weist er ab. Wegen der Nähe zum Heroin-Umschlagsplatz Colombipark komme auch das hin und wieder vor.



Presseschau

Becks Posten ist ein einsamer. Viermal in der Nacht geht er hinüber in die Küche neben dem Frühstücksraum und zapt sich einen Milchkaffee, viermal hört man das Geräusch seiner Hartgummisohlen auf den Dielen unter dem Kronleuchter.

Dort werden um 6.30 Uhr die ersten Gäste ihre Frühstücksbrötchen aufschneiden. Beck wird bis dahin das Gedeck richten, nachdem er die Zeitungen gelesen hat.

Die Stuttgarter, die FAZ, die Badische, die Welt. "Ich vergleiche gern die Überschriften. Der Kommentar interessiert mich mehr als die Nachricht." Da sitzt er dann also an der Rezeption, um drei, um vier, liest, trinkt Kaffee, und im Hintergrund hört man das konstante Surren des Hotelservers. Um 4.59 Uhr vibriert Becks Handy und erinnert ihn daran, dass er um 5 Uhr einen Gast wecken soll. "Ich habe ein schlechtes Gedächtnis." Um 5.30 Uhr kommt der Bäcker und bringt seine Ware.



Der stille Posten

Du denkst immer, du hast Zeit, sagt er. Aber plötzlich ist die Nacht rum. Um 6 Uhr knipst er die Lichter an, die er um 22.30 Uhr zum Schichtbeginn ausgemacht hat. Am Anfang hat Beck gesagt: "Ich stelle das Hotel auf Nacht um. Bestimmte Dinge hören dann auf." Was hört auf?

Das Telefon, der Verkehr, die Menschen, die irgendwas wollen (um 3 verlangen sie höchstens noch eine Zahnbürste), die Hektik. All das wäre auch nichts für Thomas Beck. Es wird hell.