Panini-Bilder: Freiburg ist im Tütenrausch

Sebastian Wolfrum

Freiburgs Fußballfans sind im Tütenrausch. Genauer gesagt: im Paninitütenrausch. Wer seine fehlende Sammlung vervollständigen will, trifft sich in diesen Tagen im Tacheles in der Grünwälderstraße. Warum das eine recht unromantische Veranstaltung ist, erklärt euch Sebastian Wolfrum.



Mika Ginzler und Michl Glimsche laufen aufgeregt zwischen den hölzernen Barhockern und Tischen umher. Aufmerksam und konzentriert schauen sie sich um, immer auf der Suche nach ihrem nächsten Verhandlungspartner. In der Hand halten sie, fest umklammert, ihre für sie so kostbare Ware: einen dicken Stapel Panini-WM-Fußballbilder. Die neun und zehn Jahre alten Jungs ziehen durch den nur spärlich beleuchteten hinteren Gastraum der Kneipe „Tacheles“. Derzeit treffen sich hier jeden Donnerstag Sammler von Panini-Bildern zu einer Tauschbörse.


Mehr als 20 Menschen sind dieses Mal gekommen – vom neunjährigen SC-Freiburg-Fan über die Diätassistentin bis zum Geologen. Ganz unterschiedliche Menschen, die eines gemeinsam haben: das Sammelfieber.

Dietmar Eck ist weniger entspannt als die anderen Tauschenden. Der 38-jährige Sozialarbeiter steht unter Zeitdruck. Seine Frau will ihn abholen, sie wollten schon vor zehn Minuten gehen, aber er will einfach nicht fertig werden. Sie lehnt derweil an der Theke und rollt ein wenig genervt mit den Augen. Sie hat bereits geahnt, dass es so kommt. „Er ist einfach ein Fußballverrückter. Und bei den Sammelbildchen kommt bei ihm das Kind im Manne durch“.



Eine Weile wird sie noch auf ihn warten müssen und teilt damit das Schicksal mit einem jungen Mann, der im Nebenraum sitzt. Der wollte eigentlich mit einer Freundin einen Kaffee trinken gehen, aber jetzt sitzt er ganz allein vor seinem Cappuccino. Die Freundin ist leidenschaftliche Panini-Sammlerin, und bevor sie nicht ein paar gute Tauschgeschäft abgeschlossen hat, ist an gemütlichen Kaffeeklatsch nicht zu denken.

Viele der älteren Börsenbesucher sammeln bereits seit den frühen achtziger Jahren. Das allererste Sammelalbum der Marke Panini erschien schon 1961 in Italien, damals mit Spielern der Mannschaften der ersten italienischen Liga. Zur Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko wurde dann das erste WM-Album aufgelegt, zunächst nur für den italienischen Markt. In Deutschland gibt es die Klebebilder seit 1974 zu kaufen.

Eine Milliarde Panini-Tütchen weltweit

Wer ein Album aus diesem Jahr besitzt, kann damit richtig Geld verdienen – sofern das Sammlerherz es zulässt, die Kollektion zu verkaufen. Beim Internetportal ebay bieten Menschen mehr als 250 Euro für ein komplettes Heft aus der Zeit. Zur WM 2010 sind laut Panini-Pressestelle weltweit eine Milliarde Tütchen mit fünf Milliarden Bildern im Umlauf, bei der vorangegangenen WM 2006 wurden allein in Deutschland 160 Millionen Tütchen verkauft, von der aktuellen WM-Kollektion bislang 120 Millionen.

„Geld ist ein Thema bei der Sammelei. Leider geht es dabei weniger um den Wertzuwachs“, meint Börsenbesucher Uwe Schmitt. Um die 70 Euro hat er schon in sein Fußball-Heft investiert – „und es wird noch mehr werden“. Denn billig sind die klebenden Fußballbilder nicht. 60 Cent kostet eine Tüte, und darin sind gerade einmal fünf Bilder, der Stückpreis liegt bei 12 Cent. In dem Album gilt es, 640 freie Stellen zu füllen. Im Idealfall kostet eine Sammlung also 76,80 Euro, aber nur, falls kein Bild doppelt gekauft wird. Das passiert aber ständig. Damit die Kosten nicht ins Unermessliche steigen und damit das Heft rechtzeitig zu Beginn der WM voll ist, wird kräftig getauscht.

Der Tauschkurs steht bei 1:1

Der Tauschvorgang selbst läuft folgendermaßen ab: Die Tauschpartner geben sich die Stapel mit ihren doppelten Bildchen in die Hand, dann wird geschaut, welche Bilder in der jeweiligen Sammlung noch fehlen. Der Kurs steht bei eins zu eins, denn jedes Bild gibt es gleich oft. Dabei orientieren sich die Teilnehmer der Tauschbörse an der Rückseite der Bilder. Die sind durchnummeriert, fast alle Sammler haben eine Liste mit den Nummern der Exemplare dabei, die ihnen noch fehlen.

Nur einen stört das. „Das ist doch total unromantisch“, meint Christoph Dietsch. „Keiner hier will Ronaldo, Messi oder Robben, sondern die 217, die 466, oder die 321.“ Der 29-Jährige im schwarzen Deutschland-Trikot ist der Einzige, der an diesem Abend sein Album dabei hat. „Ich will meine Neuzugänge immer gleich einkleben. Dann sieht man, wie die Mannschaften Spieler für Spieler zusammenwachsen. Das macht doch den Reiz erst aus“, sagt er.

Mit dieser Einstellung erntet er in der Sammlergemeinde allerdings Kopfschütteln. Was er denn machen würde, wenn ein Getränk über sein Album verschüttet würde, wird er gefragt. Außerdem sei der Student mit seiner Methode – tauschen ohne Liste – viel zu langsam. Nach einer halben Stunde gibt auch der selbsternannte letzte Romantiker auf: Er leiht sich Zettel und Stift und schreibt etwas desillusioniert eine Liste.

So unromantisch mancher die Tauschmethode auch finden mag, sie führt zum Ziel. Mika und Michl ziehen nach etwas mehr als zwei Stunden an der Börse Bilanz. Die Geschäfte gingen gut, zusammen haben sie 175 Bilder getauscht, und ihre Laune steigt merklich mit jedem Aufkleber, den sie zählen. Ihre beiden Sammlungen sind fast komplett, Mika fehlen noch 42 Karten, Michl sogar nur noch 13. Einmal werden sie wohl noch zur Tauschbörse gehen, um ihre Alben zu füllen. Und dann kann die WM kommen.

Was: Panini-Tauschbörse
Wann: immer donnerstags, 16 Uhr [Achtung: Dieser Artikel ist von 2010; für die Fußball-WM 2014 in Brasilien hat sich der Termin geändert. Getauscht wird jetzt immer dienstags!]
Wo: Tacheles, Grünwälderstraße 17

[Fotos: Bamberger und dpa]

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