Paintball: Menschen markieren

David Weigend

Der US-Sport Paintball wird in Südbaden immer populärer – und von vielen kritisiert. Auch deshalb, weil Softairwaffen, die in letzter Zeit immer häufiger in den Polizeimeldungen auftauchen, oft mit Paintballwaffen verwechselt werden. Ein Besuch bei den Farbschützen vom Wiesental.



Adrenalin an der Wiese

In Steinen hält nur der Bummelzug. Schon Johann Peter Hebel beschrieb das Dorf im Wiesental als Idyll. Wenn allerdings das „Team Fanatic“ nach Steinen lädt, lässt man den Spazierstock besser daheim. „Adrenalin pur“, sagt Sebastian Feigher, 20, Feinwerkmechaniker und Teamkapitän. „Maske und Markierer kriegst du dann von uns.“

Paintballspieler markieren keine Texte, sondern Menschen. Beim Training der Fanatics in einer speziellen Halle wird klar, wie das funktioniert. Zehn Jungs, alle um die 20 und gespickt mit Protektoren, holen ihre Markierer aus den Taschen. Waffen, die aussehen wie Akkuschrauber von Kampfstern Galactica. „Hier, die Tippmann 98 Custom. Das ist die Kalaschnikov unter den Paintballwaffen“, sagt Sebastian. Über eine Trommel („Hopper“) befüllt er die Tippmann mit 200 gelben Farbmarkierungskugeln. Sie enthalten Lebensmittelfarbe und platzen beim Aufprall. Dann pumpt er Druckluft in die Knarre. Die Kollegen schießen sich schon warm. Eine riesige Knallerei. Sebastian demonstriert die Zweifingertechnik, die rasantes Feuern ermöglicht. Chuck Norris würde einen Mundwinkel heben.



Als Sebastian die Maske aufgesetzt hat, betritt er das Spielfeld, von der Größe etwa ein Viertel eines Fußballfelds. Es ist kalt und laut hier. Überall stehen aufblasbare Hindernisse. Sebastian dehnt sich, macht Warumlaufsprints, erklärt: „Rennen, Hechtsprung, ducken, schießen. Wie ein Heckenschütze.“

Das Match beginnt. Vier gegen vier. Sie versuchen jeweils, zum gegenüberliegenden Startpunkt des Gegners zu gelangen, um die dortige Flagge zum eigenen Startpunkt zurückzubringen. „Capture the Flag“ heißt das. Wer getroffen wird, fliegt raus. Das Trainingsspiel dauert acht Minuten. Schüsse, Rufe, Schweiß, platzende Gelatinekugeln. Die tun nicht weh. Aber als Debütant kriegt man einen ordentlichen Schrecken, wenn man direkt eine aufs Sichtfenster bekommt.



Kritiker und Bad Boy-Image

Paintball kommt aus den USA und wird in Deutschland als Ligasport immer populärer, immer professioneller. Paintball hat auch viele Feinde. Der Gemeinderat von Steinen hatte die Halle zunächst abgelehnt, 200 Bürger unterschrieben gegen sie. Hauptargument: Es gebe einen Zusammenhang zwischen der zunehmenden Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen und Spielen, bei denen Gewalt simuliert werde.



Die Kritiker sprechen von Kriegsverherrlichung, Paramilitär, stupider Ballerei. Die Namen der deutschen Teams verheißen nicht immer gutes: Slayerz, Mortiferi Angeli, Aggressive Süd. Die Internetseite des Lahrer Teams „Comin at Ya“ (2. Bundesliga) liest sich größtenteils in markigem Bushidodeutsch. Teamsprecher Sven Schmelzeisen sieht das allerdings nicht so eng: „Wir waren eben früher ein bisschen rauher unterwegs. Daher dieses Bad Boy-Image. Aber wir sind keine Assis. Bei uns spielen auch Anwälte, Altenpfleger und Ingenieure.“

Wenn man nach dem Training mit den Fanatics spricht, verringert sich die anfängliche Skepsis. Sebastian, Richard, Ronny und die anderen, das sind keine Gewaltfreaks. Sie tragen auch keine Tarnkleidung. „Paintball ist für uns eine Sportart“, sagt Richard Gauss, 23 und auf dem Platz einer der lautesten. „Ich habe früher World of Warcraft gespielt. Darauf habe ich keinen Bock mehr. Ich will einen Teamsport, der mich körperlich fordert.“

Die Fanatics machen den Anschein einer Jungmännerclique, die ein maskulines Hobby gefunden hat. „Wir machen keine Kriegsspielchen“, sagt Sebastian. Und sein Gerede vom Heckenschützen? „Den Markierer hast du in der Hand, um den Gegner davon abzuhalten, die Flagge zu holen. Du hast keinerlei Hintergedanken von wegen: ,Ah, den knall ich jetzt weg!“ Ob diese Aussage Allgemeingültigkeit hat, darf man bezweifeln.



Paintball ist nicht Softair

Jedoch muss man auch klarstellen, dass Paintballmarkierer nichts zu tun haben mit Softairwaffen, die in letzter Zeit immer häufiger in den Polizeimeldungen auftauchen und die immer wieder fälschlicherweise mit Paintball in Verbindung gebracht werden. „Softairwaffen funktionieren mit Federdruck und sind täuschend echte Kopien von scharfen Waffen“, sagt Roland Braunwarth, Sachverständiger für Schusswaffen in der Landespolizeidirektion Freiburg. 250 Softairfälle landen im Jahr auf seinem Schreibtisch. Da die Rechtslage bei diesen Imitaten derzeit unklar ist, können sie auch Jugendliche erwerben und Schaden anrichten – auch wenn dieser mehr von der optischen Bedrohung ausgeht als von der Geschossenergie.



Braunwarth öffnet die Asservatenkammer der Landespolizeidirektion. Chuck Norris würde auch den zweiten Mundwinkel heben. 3000 Schießeisen stehen hier herum, darunter auch Paintballwaffen. Die darf man ab 18 kaufen (Kostenpunkt zwischen 100 und 600 Euro), sofern sie das „F im Fünfeck“ tragen. „Man kann sich im Netz aber auch amerikanische Exemplare bestellen, die in Deutschland strafbar sind. Die haben dann 14 Joule, Dauerfeuer und mehr“, so Braunwarth. Farbmarkierungswaffen dürfen einen Geschossenergiewert von 7,5 Joule nicht überschreiten.



Wer holt sich sowas? Sebastian, der früher Sportschütze war, meint: „Das sind Spinner, die unseren Sport in Verruf bringen. Schau dir von denen mal das soziale Umfeld an. Da findest du die Ursachen.“ Nach dem Abschied von den freundlichen Fanatikern, die übrigens allesamt nichts mit der Bundeswehr am Hut haben, überquert man die Wiese. Das Rauschen des Flusses, der recht nah an der Paintballhalle liegt, füllt das Ohr weitaus angenehmer als das Pengpeng aus der Halle. Wieder fällt einem Hebel ein, sein Gedicht von der "Vergänglichkeit", die Hebel genau hier stattfinden ließ:

Drob rötet si
der Himmel, und es dundert überal,
z erst heimlig, alsg'mach lut, wie sellemol,
wo Anno Sechsenünzgi der Franzos
so uding gschosse het.

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