OTTO: Gratwanderung entlang der Gürtellinie

Alexander Ochs

Seit über 35 Jahren tingelt er durch die Lande im Bestreben, Jung und Alt zum Lachen zu bringen: Otto Waalkes, hyperaktiver Parodist, Ahnvater der heutigen Comedians und König des Kalauers. "Otto, das Original", so der Titel seines familienkompatiblen Programms, hat gestern Abend auch den Freiburger Zuschauern in der Rothausarena ein Spaßbad gegönnt.



Am Anfang war das Wort. Nicht das gesprochene, sondern das geschriebene. Minutenlang flimmert Fließtext über die Leinwand, bis das Publikum sich vor Lachen biegt und wild applaudiert – ganz ohne Komiker auf der Bühne. Von vielsprachigen Nonsens-Texten wie „Danke fürs Kommen. Grazie per komma“ über den SC Freiburg als „Bundesligaaufsteiger 2080“ bis hin zum aktuellen Lidl-Angebot: „Überwachungskameras und Abhöranlagen (gebraucht)“.


Da die Show fürs Fernsehen aufgezeichnet wird, schlägt Otto gleich den Bogen zu den im Saal angebrachten Kameras, darunter auch zwei versteckte. „Die haben wir noch nicht wiedergefunden.“ Den Elvis-Klassiker „In the Ghetto“ modelt er um zu „Wegen Otto“. Gut vorbereitet verhunzt der Komiker lauter Ortsnamen aus Freiburg und Umland, während er zwei Fahnen als Requisite einsetzt. Ein Beispiel: Altdorf, und er geht wie auf Krücken. Nordic Waalkes nennt er das. Überhaupt glänzt Otto durch ein regionalisiertes, dem Publikum angepasstes Programm.



Und das Publikum? Frisst ihm aus der Hand. Er weiß, was es will. Und es weiß, was es kriegt. Ein Akkord oder ein Laut genügt, und fast jeder im Saal erkennt den Klassiker, vom genialen Robert-Gernhardt-Sprachwitz im schwersten Fall von Richter Ahrens („Ihnen wird zur Last gelegt, Sie hätten an dem Mast gesägt“) über den sich verhaspelnden Robin Hood bis hin zu den ottonischen Variationen von Hänsel und Gretel.

Manche Witze sind gut abgehangen, aber sozusagen frisch aufgetischt, indem der friesische Götterbote sie aktualisiert und auf die ihm eigene Art artikuliert. Hat überhaupt schon mal jemand Otto imitiert? Während er reihenweise TV-Gesichter wie Jauch, Raab und Biolek durch den Kakao zieht und seine Komikerkollegen Rüdiger Hoffmann, Mario Barth und Helge Schneider nachahmt und ein gutes Dutzend Sänger parodiert, hat ihn noch niemand nachgemacht. Da kann ihm keiner was vormachen.



Dabei tut Otto keinem weh. Er setzt auf Mainstream wie Gottschalk und auf viel Derb-Vulgäres wie Raab – eine Gratwanderung entlang der Gürtellinie, die ihm scheinbar traumwandlerisch gelingt. Die Zuschauer jedenfalls sind ganz aus dem Rothäuschen.

Angenehm ist Ottos Selbstironie. „Vier Mal hab’ ich schon bei Thomas Gottschalk gesessen. Naja, im Gespräch ging es darum, wie das denn so ist, als Berufsjugendlicher rumzulaufen. Mit solchen Haaren und solchen Klamotten.“ Das fragt sich bestimmt auch so mancher Zuschauer angesichts des fortgeschrittenen Alters des Komikers – im Sommer wird Otto 60. Doch er legt schelmisch nach: „Danach haben wir über mich gesprochen.“

Familienkompatibel ist sein knapp zweistündiges Programm durch die Ottifanten, die er den Kids in die Hand drückt („Damit die nicht zu kurz kommen, die sind ja schon so kurz“), die Handpuppen Dings und Bums und die Märchennummern. Zugkräftig sind auch seine neuen Gags aus dem Englischunterricht wie All about edit and email – Alles über Edith und Emil, wo er den ganzen IT-Slang verballhornt. „To go online: auf den Strich gehen. Please hold the line: Können Sie mal kurz auf den Hund aufpassen?” Otto, König des Kalauers.



Sein Programm präsentiert er souverän und flüssig, so flüssig, dass er die vorderen Reihen richtig nassmacht. Dort lauern ungeahnte Feuchtgebiete: Ständig spritzt der jung gebliebene, zappelige Altmeister Wasser durch die Gegend. Wild wird's, als Otto als französischer Starkoch Paul Flambé hektisch hantiert und wirr gestikuliert. Kurzum: Otto macht alle nass.