Orhan Pamuk: Schnee von heute

Lisa Geiger

Es wird gerade Sommer, trotzdem spielt das Theater Freiburg heute und morgen Abend ein Stück namens "Schnee". Es ist politisch brisant, die Vorlage ein Roman des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk. Die Umsetzung in ein Theaterstück gestaltet sich in diesem Fall besonders schwer. Auch wenn sich Regisseurin Sandra Strunz nicht ganz an den Roman hält, überzeugt sie mit ihrer Inszenierung.



Der junge Dichter könnte aus vielen anderen Romanen oder Filmen kommen, so typisch ist er dargestellt mit seinem Mantel, seinen zerzausten Haaren und seiner Zigarette im Mund. Thomas Mehlhorn spielt diese Rolle mit all ihren Feinheiten und ihrer Komik: Ka ist ein Auswanderer, der in seine Heimat Kars in der Türkei zurückkehrt.


Ursprünglich will er einen Artikel über die Selbstmorde junger Frauen schreiben: Er will „die türkische Wirklichkeit sehen und darüber schreiben“. Doch seine Recherchen gehen tiefer- bis hinein in seine eigene Seele, wo er Glaube, Liebe und politisches Kalkül entdeckt. Denn die Stadt ist tief zerrissen im Kampf um Religiösität und politische Neuerungen.


„Schnee“ findet sich überall im Bühnenbild und ist auch das Schlüsselerlebnis für Ka. Weiße Papierbahnen fallen von oben auf einen weißen Teppich. Sie lassen sich verschieben, werden zu neuen Räumen und nebelhaften Wänden. In ihnen können sich die Bewohner von Kars mühelos bewegen: Die Wände haben Augen und Ohren. Auch die Beleuchtung kreiert eine eiskalte Atmosphäre, in der zwielichtige Figuren wie Lapislazuli (Frank Albrecht) eine andere Welt betreten. Ka entdeckt die besondere Bedeutung: „Wer lässt diesen Schnee fallen?“ Und bemerkt einmal: „Das Leben ist wie eine Schneeflocke“. So dreht sich  im Grunde alles um den Schnee und seine Bedeutung.

Das Stück ist wie eine Momentaufnahme moderner türkischer Verhältnisse. Es ist politisch ohne zu anstrengend zu sein und es erzählt von Liebe, ohne kitschig zu werden. Rebecca Klingenberg als Ipek und Melanie Lüninghöner als Kadife spiegeln sehr treffend zwei Frauen in ihrer Ambivalenz zwischen Moderne und Religion wieder. Packend und voller Spannung inszeniert und doch auf jede Feinheit achtend, so wird das Stück dem Roman gerecht. Der Militärputsch eines Stücks im Stück wird grausame Realität und bewaffnete Soldaten marschieren vorm Freiburger Publikum auf und ab. Da bleibt ein mulmiges Gefühl, die Brisanz und Aktualität des Themas wird greifbar.

Nicht ohne Grund ist Orhan Pamuk als erster türkischer Schriftsteller ein Nobelpreisträger. Das Stück des Freiburger Theaters bringt die Thematik auf den Punkt, stellt die Charaktere genauso detailreich wie Pamuk dar und vergisst dabei nicht, das Publikum zu unterhalten. Im Stück wird gesagt: „Keiner kann uns aus der Ferne verstehen.“ Doch dieses Stück rückt Freiburg sehr nahe heran an die ostanatolische Grenzstadt Kars.

Mehr dazu:

Orhan Pamuk: Website

Was: Schnee
Wann: 16. & 17. Mai, 20 Uhr
Wo: Kleines Haus, Theater Freiburg