Orchesterkaraoke: Popsongs mit sinfonischer Begleitung

Wiebke Ramisch & Maren Rampendahl

Karaoke verbindet man mit dunklen, verrauchten Eckkneipen, Singstar-Fanatikern und übereifrigen Asiaten, die sich gegenseitig das Mikro aus der Hand reißen. Das Freiburger Theater lockte am Sonntag erstmals unentdeckte und vermeintliche Gesangstalente von der Bar auf die Bühne und bot ihnen ein Orchester, einen Dirigenten und rote Polstersessel - beim Orchesterkaraoke.



Wolfgang sitzt auf den Stufen vor dem Theater und zündet sich nervös eine Zigarette nach der nächsten an. Das Wetter ist toll, er hätte an diesem Abend viel machen können: Eis essen, an den See fahren, grillen. Stattdessen hat er sich schick gemacht, unter der Sweatjacke blitzen Hemd und Krawatte hervor. „Ich habe einen Platz in der ersten Reihe ergattert,“ sagt er, „ich will auf jeden Fall auf die Bühne.“ Neunzig Kilometer ist er gefahren um mitzuerleben, wie ein Freiburger Orchester zum ersten Mal keine Opernsänger, sondern mutige Laien musikalisch begleitet - Popkultur statt Hochkultur.


Die Idee zu dem Event stammt von Jan Angermüller aus Hamburg und wurde bisher nur in wenigen deutschen Städten getestet. Mit großem Erfolg. Das Konzept ist einfach: Die Zuschauer kaufen eine Karte fürs Theater und bekommen ein Philharmonieorchester geboten, das zur Abwechslung mal keine Klassik, sondern eine Auswahl von aktuellen Popsongs und bekannten Kulthits einstudiert hat. Dabei geht nichts ohne Orchestermanager Michael Dühn, vom Freiburger Moderator und Poetry-Slammer Sebastian23 nur liebevoll als „Karaokefinger“ betitelt.



Der Liedtext wird per Beamer auf zwei Leinwände übertragen, punktgenau soll Michael Dühns Zeigefinger Einsätze und die zu singenden Textzeilen anzeigen. Alle müssen diesem menschlichen Ersatz der Karaokemaschine vertrauen – und sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Soviel zum Aufgebot des Theaters. Die Sänger werden an diesem Abend nicht mitgeliefert, sondern sitzen – darauf wird zumindest spekuliert – im Publikum. Aber was passiert, wenn sich genau das keiner traut? Sebastian23 hat sich für diesen Fall eine Strategie überlegt: „Das ist ganz einfach, wenn keiner singt, dann singe ich. Und ich werde so schlecht singen, dass die Leute denken: Alles, nur nicht der.“

Zum Glück bleiben Sebastian und das Publikum davon verschont. Die Finger schnellen bei jedem Aufruf in die Luft, dem Moderator fällt es schwer zu entscheiden, wer sich zuerst gemeldet hat und manchmal stürmen die Sänger auch in Gruppen auf die Bühne.

Wolfgang kann sich gegen die Konkurrenz durchsetzen. Statt den Umweg über die Treppe zu nehmen, springt er gleich aus dem Sessel auf die Bühne. Unter den vierzehn Liedern auf der Liste ist auch sein Lieblingssong „Always On My Mind“. Bei den Proben zuhause begleitete ihn nur seine Gitarre, heute hat er ein sechzigköpfiges Orchester hinter sich. Dank Dirigent Norbert Kleinschmidt verpasst keiner seinen Einsatz, auch Wolfgang nicht. Doch schon nach dem ersten Takt ist plötzlich alles anders. Wolfgang stolpert über den Rhythmus und kommt dem Tempo des Orchesters nicht hinterher. Halb so wild: das Publikum, das sowieso schon den ganzen Abend mitsingt, bemerkt Wolfgangs Hänger und hilft lautstark aus.



Den meisten Sängern, die sich auf die Bühne traueen, bleibt ein solcher Aussetzer erspart. Einige Performances haben es in sich: Feuerzeuge bei Robbie Williams‘ „Angels“, Gänsehaut bei „Hey Jude“, kollektives Gegröle bei „Volare“. Auch die Männer und Frauen an den Instrumenten lassen sich von der Stimmung mitreißen und singen begeistert mit.

Für sie ist es heute eine besondere Herausforderung. Das Ensemble setzt sich aus Publikums- und Philharmonieorchester zusammen. „Für uns alle ist die Orchester-Karaoke ein Experiment,“ sagt Norbert Kleinschmidt. „Neben der gemeinsamen Arbeitsroutine fehlt den Musikern auch die Abstimmung auf die Sänger. Während sonst wochenlang gemeinsam geprobt wird, kann man heute nur hoffen, dass die Koordination von alleine klappt.“



Wie es sich für eine Generalprobe gehört, ging vormittags noch einiges schief. Da sich nicht genügend Freiwillige fanden, mussten einige Orchestermitglieder ihr Instrument gegen das Mikro tauschen, der Karaokefinger hatte mit einigen motorischen Schwierigkeiten zu kämpfen, die Scheinwerfer blendeten die Sänger und beim unangekündigten Einsatz der Nebelmaschine suchten einige nach dem Brandherd. Zum Glück konnten im Laufe des Nachmittags alle Fragen geklärt werden, so dass am Abend der Glamourfaktor stimmt: die Musiker haben ihre Jeans gegen Frack und Kleid getauscht und trotz kleiner sympathischer Patzer genießen alle Sänger ihren Auftritt auf der großen Bühne.

Mit dem Evergreen „Moskau“ dürfen alle Beteiligten zum Abschluss noch einmal ihr Können beweisen. Orchester und Dirigent legen sich ins Zeug und alle Stars des Abends werden gemeinsam auf die Bühne geholt.

Auch Wolfgang lässt sich nicht lange bitten und gibt sein Bestes. Er hat Blut geleckt und will bald wieder auf den roten Teppich. Er hofft, dass sich die Orchesterkaraoke fest in Freiburg etabliert, denn wer einmal mit einem ganzen Ensemble auf der Bühne stand, gibt sich mit Dosenmusik nicht mehr so schnell zufrieden.



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Audio-Diaschau: Orchester Karaoke

Quelle: YouTube

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[Fotos: Maurice Korbel, Wiebke Ramisch, Maren Rampendahl]