"Orchard Beach": Das Carl-Schurz-Haus zeigt Fotos von Wayne Lawrence

Bernhard Amelung

Der Orchard Beach im Norden der Bronx ist ein Gegenpol zur geldglitzernden Welt Manhattans und der Hamptons. Der Fotograf Wayne Lawrence hat seine Protagonisten, Einwanderer aus der Karibik und Lateinamerika, sieben Jahre mit seiner Kamera begleitet. Das Carl-Schurz-Haus zeigt jetzt eine Auswahl seiner Bilder. Prädikat sehenswert!



The Bronx Riviera, die Riviera der Bronx. So wird der Orchard Beach, 1936 von Stadtplaner Robert Moses (1888 – 1981) eröffnet, von den Einwohnern der Stadt New York genannt. Riviera. Dieser Beiname klingt mondän, glamourös, vielleicht auch ein bisschen großspurig. Nach malerischen Fischerdörfern und neoklassizistischen Stadtpalästen, nach Palmen-Alleen und feinen Sandstränden, nach hochmotorisierten Speedbooten und Segelyachten. Nach Monte Carlo, Cannes, Portofino.


Nichts davon trifft auf den Strand zu, der New Yorks größten Park, den Pelham Bay Park, mondsichelförmig abschließt. Der rund eineinhalb Kilometerlange Sandstreifen, für den Stadtplaner Moses rund über 90.000 Kubikmeter Sand aufschütten ließ, ist Nah- und Dauererholungsgebiet vorwiegend eines Amerika der gebrochenen Träume.

Wer in der Bronx, dem nördlichsten der fünf New Yorker Boroughs, lebt, ist finanziell betrachtet arm. Der Wohlstand New Yorks, Prototyp eines liberalen Finanzkapitalismus, ging und geht immer noch an den Menschen vorüber. Sie sind arbeitslos oder stehen in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Vielerorts bestimmen Klein- und Drogenkriminalität und Bandenkriege den Alltag.

Themen, die die Jugendlichen dieses Viertels seit den siebziger Jahren in ihrer Musik und bildenden Kunst verarbeiten. Neben Brooklyn und Harlem gilt die Bronx als Geburtsstätte der Hiphop-Kultur, eine Keimzelle für Rap und Graffiti. Kool DJ Herc, Grandmaster Flash und Afrika Bambaataa veranstalteten in verlassenen Fabrikhallen die ersten Block-Partys.

Nichts davon verraten die Gesichter der Menschen, die der Fotograf Wayne Lawrence rund sieben Jahre, von 2005 bis 2012, mit seinen Bildern festgehalten hat und die noch bis zum 24. Juli im Carl-Schurz-Haus zu sehen sind. Wie Lawrence, der 1974 auf St. Kitts geboren wurde, stammen viele aus der Karibik oder aus karibischen Anrainerstaaten wie Mexico, Honduras, Panama, oder Kolumbien. Sie strahlen Ruhe, Kraft und Würde aus. Dass sie das Leben oft nicht von seiner süßen Seite kennen gelernt haben, sieht man ihnen nicht an. Die Menschen des Orchard Beach, ob Mann oder Frau, Jung oder Alt, tragen ihre soziale Herkunft mit Stolz.

Apropos Stolz: Lawrence' Bilder sind gleichzeitig ein eindrückliches Dokument menschlicher Körperkultur und menschlichen Körperkults. Die Protagonisten sind tätowiert, gepierct, tragen auffallend viel Schmuck, künstliche Haarteile und Fingernägel. Es sind Zeichen und Symbole, die mal Abgrenzung, dann wieder Zugehörigkeit schaffen, zu einer speziellen Gruppe, vielleicht zu einer Gang, zu einer Ethnie. Sie lassen sich als Stigma deuten, lassen sich aber auch als Prestigezeichen lesen. Der Träger, die Trägerin dokumentiert seine Suche nach seinem Körperideal.

Ihr Körper wird so zum Fluchtort, den sie immer aufsuchen können, an und mit dem sie Lebensfreude und Zufriedenheit tanken können - ganz so wie am Orchard Beach, der Riviera der Bronx. Ein Gegenpol zur geldglitzernden Welt Manhattans und der Hamptons.

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Was:
"Orchard Beach" - Fotos von Wayne Lawrence
Wann: Mo - Fr, täglich von 9 bis 18:30 Uhr
Wo: Carl-Schurz-Haus, Eisenbahnstraße 62, 79098 Freiburg
  [Foto: Wayne Lawrence]