Oralphobie: Die Angst vorm Zahnarzt

Joana Jäschke

Etwa 12 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Oralphobie. Wir haben einen von ihnen, den Freiburger Michael Fahle, getroffen. Seine Motivation, die Zahnarztangst zu überwinden, war seine neue Freundin: "Andernfalls hätte es kein Küsschen mehr gegeben."



Der Kiefer von Michael Fahle erinnert an einen gerodeten Wald. Sechs Backenzähne fehlen. Die Zähne links und rechts von den Schneidezähnen sind zu gelb-braunen Stümpfen heruntergebröselt.


Zehn Jahre war Michael Fahle nicht beim Zahnarzt. Zu groß war die Angst vor dem Brummen der Bohrer und dem Kontrollverlust auf dem Behandlungsstuhl. Zu schlecht die Erfahrungen, die er schon in seiner Jugendzeit gemacht hatte. Um das dröhnende Pochen im Kiefer zu dämpfen, schluckte er Schmerztabletten.

Michael Fahle ist einer von etwa 12 Millionen Menschen in Deutschland, die unter Oralphobie leiden. Vier von fünf Menschen empfinden den Besuch beim Zahnarzt als extrem unangenehm. Ärzte schätzen, dass weitere 12 bis 15 Prozent aus Angst eine Behandlung komplett vermeiden.

Im Dezember hielt Fahle die Schmerzen nicht mehr aus. Da war der Zahn bereits so angegriffen, das die Betäubungsspritze nicht wirkte. Er floh aus der Praxis. „Das war Folter. Der Typ war ein richtiger Sadist“, sagt er. Den Backenzahn ließ er sich anschließend unter Vollnarkose in der Freiburger Zahnklinik entfernen. Als er wieder aufwachte, war der Zahn weg, aber die Angst geblieben.



„Der Sauger, die Geräusche, das Ausgeliefertsein auf dem Stuhl – viele Patienten fühlen sich bedroht und hilflos“, sagt Karin Dannenberg, Zahnärztin für sanfte Zahnheilkunde. Um dem entgegenzuwirken, steht bei ihr das Gespräch an erster Stelle. In jedem Behandlungszimmer gibt es eine kleine Sitzecke. Dort wird besprochen, was gemacht wird. Der Patient entscheidet, wie lang die einzelnen Sitzungen sein sollen, erklärt, was ihm Angst macht. Dann erst geht es auf den Stuhl. Michael Fahle, dem vor allem die Bohrgeräusche Angst machten, behandelt Dr. Dannenberg mit einem Laser. „Die Methode ist schonender und berührungslos. Es ruckelt nicht so im Kopf und häufig kann man auf eine Betäubungsspritze verzichten“, erklärt Karin Dannenberg.

Die Krakenkassen zahlen die Laserbahendlung nicht. Je nach Defekt liegt die Zuzahlung für die Privatleistung zwischen zehn und 30 Euro pro Zahn. Michael Fahle wartet jetzt auf sein neues Gebiss. „Das ist in der Mache. Ende Juli kann ich endlich auch mal Zähne zeigen beim Lachen!“

Wie er sich dazu durchgerungen hat, jetzt regelmäßig zur Behandlung zu gehen? „Da war mein neuer Schatz im Spiel. Ich wurde vor die Wahl gestellt: Zähne machen, sonst gibt’s kein Küsschen mehr – da überlegt man es sich dann doch!“

Mandy Hausmann hat ihre Angst durch Hypnose besiegt. „Früher habe ich schon angefangen zu heulen, wenn mir Freunde erzählt haben, sie müssten gleich noch zum Zahnarzt. Heute bin ich richtig relaxt, wenn ich selbst hin muss“, sagt die 29-Jährige.



Markus Denzel ist einer von sechs Zahnärzten in Freiburg, die Angstpatienten unter Hypnose behandeln. Mit der Showhypnose, die das Fernsehen zeige, wo der Hypnotisierte sich am Ende für ein Huhn halte, habe die medizinische Hypnose aber nichts zu tun. „Ich versetze den Patienten einfach in einen Zustand tiefer Entspannung. Er weiß, wo er ist und bekommt auch mit, was ich mache. Aber es ist ihm egal“, sagt Denzel.

Damit die Behandlung der Angstpatienten reibungslos ablaufe, sei es wichtig, sie über jeden Schritt zu informieren, sagt Denzel. Und zwar bei einem Vorabtermin und einer Testhypnose. Dafür sollen sich die Patienten ein Erlebnis überlegen, an das sie schöne Erinnerungen haben.



Für Mandy Hausmann war es das Tauchen. Mit Geschichten um die Begriffe „Ruhe, Fische, Schweben“ ruft Denzel in ihr Erinnerungen an die Unterwasserwelt wach. „Ich war ganz skeptisch. Vor allem als er dann mit dem Glitzerstein vor meinen Augen rumgependelt hat. Aber dann hab ich mich doch darauf einlassen können.“

Heute geht sie völlig angstfrei zum Zahnarzt. Auch ohne Hypnose. „Das ist der Vorteil gegenüber einer Vollnarkose. Der Patient lernt, dass eine Zahnbehandlung etwas völlig Normales ist“, sagt Markus Denzel. Die Begriffe „Ruhe, Fische, Schweben“ helfen Mandy Hausmann nicht nur beim Zahnarzt, sich zu entspannen. „Als ich vor meiner Motorradprüfung nervös war, habe ich sie so oft wiederholt, bis ich innerlich ganz ruhig war“, sagt sie. „Das sind meine drei Zauberwörter!“

Mehr dazu:

[Fotos 3 & 4: dpa]