Streit in Zweier-WG

Opfer wollte in Freiburg ein neues Leben beginnen

Frank Zimmermann

Bluttat in einer WG im Freiburger Stadtteil Lehen: Das Opfer, eine 31 Jahre alte Frau aus Paderborn, war erst zehn Tage zuvor hierher gezogen. Freunde der Toten erinnern sich.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordverdachts gegen den 24 Jahre alten Studenten Markus E.*, der in der Bundschuhstraße in Lehen am vergangenen Mittwoch seine Mitbewohnerin getötet hat (Rückblick). Dies hat Oberstaatsanwalt Michael Mächtel, Sprecher der Behörde, der BZ am gestrigen Montagnachmittag bestätigt. In Betracht komme das Mordmerkmal der Heimtücke. E. hat am Freitag dem Haftrichter gestanden, seine WG-Mitbewohnerin erstochen zu haben.


Susanne T.* war erst vor kurzem nach Freiburg gezogen. Sie stammte aus Paderborn. Sie sei eine lebensfrohe, liebevolle Frau gewesen, erinnert sich eine Freundin aus Paderborn. Ihre Stelle als Zahnarzthelferin hatte T. gekündigt, weil sie sich eine Auszeit nehmen, Zeit zum Nachdenken und Besinnen haben wollte und neue Impulse gesucht hat.

Vertrauen auf Gott

In Freiburg wollte die gläubige Christin ein Jahr lang in einem Gebetshaus in der Innenstadt mitarbeiten. "Sie hat einen neuen Sinn gesucht, wollte ein neues Leben beginnen", sagt die Freundin. Kirchenarbeit und Religion seien der 31-Jährigen wichtig gewesen, sie sei aber nie missionarisch aufgetreten. Zu Freunden habe sie gesagt: "Ich vertraue auf Gott, dass er etwas Neues in mein Leben bringt."

Susanne T. hatte am Abend des 10. August gegen 21 Uhr versucht, sich aus der Wohnung im zweiten Stock zu retten, starb aber im Treppenhaus. Wo genau der Täter sie erstach, ob in der Wohnung oder auf der Flucht im Treppenhaus, ist bislang nicht bekannt. Ein Nachbar aus einer Wohnung im Stockwerk darunter hatte einen Streit und Hilfeschreie vernommen und daraufhin die Polizei gerufen.

Foto aus der neuen Heimat

Susanne T. war erst am 1. August bei Markus E. eingezogen. Noch vorvergangenes Wochenende, am Morgen des 6. August, postete sie auf Facebook ein Foto aus dem sonnigen Colombipark mit einem Smiley und schrieb, dass sie den Tag in ihrer neuen Heimat mit einem Gebet im Freien begonnen habe.

Beim Einzug ging T. wohl davon aus, dass noch eine chinesische Studentin in der Wohngemeinschaft lebt, schildert die Freundin. In der Tat stehen an der Klingel zur Wohnung drei Namen auf dem Schild, einer davon klingt asiatisch. Allerdings musste T. feststellen, dass das andere Zimmer unbewohnt war.

Eine Dreier-WG, in der ein Zimmer leer war

Hätte sie gewusst, dass sie – zumindest erst einmal – alleine mit E. wohnen würde, wäre sie wohl nicht eingezogen, so die Freundin. Oberstaatsanwalt Mächtel sagt dazu: "Die WG wurde aktuell von zwei Personen bewohnt, war jedoch in der Vergangenheit und auch in konkreter Zukunft als Dreier-WG ausgelegt." Nichtsdestotrotz sei ihr Markus E. anfangs auch nicht gänzlich unsympathisch gewesen, erzählte Susanne T. einem Freund. Sie beschrieb ihn als langhaarigen Pädagogikstudenten mit schwarzem Metallica-T-Shirt, der viel in seinem Zimmer Rockmusik höre.

Klar ist: Einige Tage nach T.s Einzug muss es Streit in der WG gegeben haben. Dabei soll E. den Satz "Ich hasse alle Menschen und ganz besonders dich" gesagt haben. Hasan G.*, mit dem sich Susanne T. wenige Tage nach ihrer Ankunft in Freiburg anfreundete (die beiden hatten sich in der Unibibliothek kennengelernt), sagt, ihr Mitbewohner sei ihr sehr seltsam vorgekommen. Und auch er selbst habe von dem ganz in Schwarz gekleideten Studenten diesen Eindruck gehabt: "Ich habe ihr gesagt, dass etwas mit ihm nicht stimmt."

Computerspiele im dunklen Zimmer

Den Hass-Satz habe E. geäußert, nachdem er von T.s Glauben erfahren hatte, so Hasan G., der in Freiburg Deutsch lernt und studieren will. Die Freundin sagt, T. habe wegen dieses Streits geweint und sich zurückgezogen. "Sie war weder streitsüchtig noch auf Konfrontationen aus." Susanne T. habe nachts nicht schlafen können und sah übermüdet aus, weil Markus E. die ganze Nacht in seinem abgedunkelten Zimmer mit schwarzen Möbeln Computerspiele gespielt und laut "Töte ihn!" gerufen habe, sagt Hasan G. Susanne T. habe geglaubt, dass E. das mit Absicht gemacht habe.

Offenbar soll er ständig Ballerspiele gespielt und so gut wie nie das Haus verlassen haben. "Ich habe ihr gesagt, sie solle mit so jemandem nicht zusammenleben", sagt Hasan G. Aber T. dachte nicht konkret ans Ausziehen; sie sei gutgläubig gewesen und habe auf Gott vertraut.

Worum ging es bei dem Streit am Tatabend? "Der Inhalt ist Gegenstand weiterer Ermittlungen", sagt Oberstaatsanwalt Mächtel. Spielte die Religion wieder eine Rolle? Leidet der mutmaßliche Täter an einer psychischen Krankheit? "Ob eine Erkrankung vorliegt, bedarf der weiteren Aufklärung und ist Gegenstand der Ermittlungen", sagt Mächtel. Strafrechtlich oder polizeilich aufgefallen war E. nie.

*Name von der Redaktion geändert

Mehr zum Thema: